Was ist ein Museum im 21. Jahrhundert?
Ein Museum? Früher dachte man dabei an ehrwürdige Hallen, kostbare Artefakte und geflüsterte Unterhaltungen vor Gemälden. Das Museum galt als Ort der Stille, der Wissenschaft und des Bewahrens. Ausstellungsräume durfte man nur mit Vorsicht betreten – nicht anfassen, bitte! Ein Hauch Ehrfurcht mischte sich mit leiser Langeweile. Bildung fand zwischen Glasvitrinen statt.
So jedenfalls war das früher.
Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Heute stehen Menschen stundenlang Schlange, nur um in dunklen Räumen zu erleben, wie leuchtende Fabelwesen über Wände und Boden tanzen oder riesengroße Kugeln bei Berührung ihre Farbe wechseln – und das ohne jeglichen Bezug zu einem historischen oder künstlerischen Kontext. Das nennt man dann immersiv. Während die einen es als Kunst feiern, schütteln andere den Kopf und sehen darin nur kostspielige Raumdekoration. Fest steht: Es ist laut, es ist voll, und irgendwo hält immer jemand sein Handy im Hochformat.
Gemeint sind die neuen Pop-Up- und Erlebnismuseen, die seit ein paar Jahren überall wie Pilze aus dem Boden sprießen. Das Deutschland-Museum in Berlin hat sich zum Ziel gesetzt, Geschichte erlebbar zu gestalten. Das Berliner Museum für Disgusting Food zeigt widerwärtige Nahrungsmittel aus aller Welt. „Die Legende der Titanic“ nimmt die Besucher mit auf die letzte Reise des Schiffes. Sogenannte TeamLabs fluten Hallen von Tokio bis Dubai mit digitalen Installationen, mit Licht- und Klangwelten, die auf Bewegungen reagieren.
Was macht ein Museum aus?
All diese Angebote verwenden den Begriff „Museum“ und mischen damit die Karten neu. Denn der Internationale Museumsrat ICOM hatte lange Zeit eine strenge Definition: „Ein Museum ist eine gemeinnützige, ständige Einrichtung im Dienste der Gesellschaft“, die das Erbe der Menschheit sammelt, bewahrt und erforscht. Es ging um Studium, Bildung und gelegentlich auch um Genuss. Der Deutsche Museumsbund betonte, dass das „Rückgrat eines jeden Museums“ die Sammlung originaler Objekte sei.
Im Jahr 2022 gab es dann eine Überraschung: ICOM passte die Definition an. Ab jetzt sollen Museen auch „Vielfalt und Nachhaltigkeit fördern“, „mit Gemeinschaften zusammenarbeiten“ und „vielfältige Erfahrungen für Bildung, Vergnügen und Wissensaustausch“ bieten. Plötzlich war Platz für Neues.
Und genau an dieser Stelle wird es spannend. Wenn ich im Deutschland-Museum in einem bebenden Schützengraben stehe und über mir angreifende Flugzeuge fliegen – ist das nun Bildung oder ein Blockbuster?
Ehrlich gesagt: beides. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Bitte nicht anfassen! – oder doch?
Die Kritik ist berechtigt: Viele dieser Orte scheinen für Instagram optimiert zu sein. Spiegelflächen, bunte Lichter und reaktive Installationen – alles ist fotogen. Der Verdacht liegt nahe, dass das Erlebnis wichtiger als das Lernen ist.
Das ist zum Teil richtig. Natürlich geht es vielen Besuchern in erster Linie um das Erlebnis. Das ist menschlich und nicht verwerflich.
Aber hier kommt der entscheidende Punkt: Menschen besuchen diese Orte, weil sie dort Spaß haben. Und genau deswegen befassen sie sich mit Inhalten, die ihnen normalerweise nicht aufgefallen wären, mit denen sie sonst nicht in Berührung gekommen wären. Wer würde freiwillig ein Museum für Lebensmittelchemie besuchen? Im Disgusting Food Museum wird man plötzlich Teil des Geschehens – und lernt dabei, wie kulturelle Unterschiede unsere Vorurteile beeinflussen.
Eine aktuelle Studie der Universität Chicago zeigt, dass interaktive und emotionale Erfahrungen das Behalten von Inhalten signifikant erhöhen. Jemand, der mit Gutenbergs Druckpresse ein Lesezeichen mit seinem Anfangsbuchstaben herstellt, weiß am nächsten Tag noch, wie mühsam der Buchdruck in der Vergangenheit war. Im Vergleich dazu bleibt das Wissen bei jemandem, der nur einen Text dazu liest, eher blass.
Lernen durch Erleben
Klar ist: Wir lernen heute anders. Wir wollen Dinge erleben, anfassen und mittendrin sein. Statt passive Beobachter zu sein, die in Vitrinen schauen, nehmen wir aktiv teil. Das ist kein Bildungsverfall, sondern ein Wandel. Gleichzeitig haben wir weniger Zeit, aber höhere Ansprüche. Nachweislich steigert Microlearning, also das Lernen in kleinen, überschaubaren Einheiten, die Behaltensquote. Hier geht es nicht um Oberflächlichkeit, sondern um Effizienz. Drei Minuten im Disgusting Food Museum können mehr Eindruck hinterlassen als eine einstündige Vorlesung.
Und nicht zu vergessen – durch Pop-up-Museen und immersive Museen wird Kultur zugänglicher. Wirken traditionelle Museen oft elitär, sind die Pop-up-Museen das genaue Gegenteil. Hier darf man rennen, laut sein und Fotos machen. Sie bringen Kultur aus dem Elfenbeinturm in die breite Gesellschaft – und das ist tatsächlich ein wunderbarer Akt der Demokratisierung.
Selbst die TeamLabs, die auf den ersten Blick nur bunt und faszinierend zugleich wirken, vermitteln etwas Relevantes: digitale Kunst, Algorithmen und die Verbindung von Mensch und Technik. Wenn ein Kind durch einen Raum geht und Blumen zum Erblühen bringt, versteht es intuitiv, wie Daten visualisiert werden können. Das ist Medienkompetenz – und die gehört heute ebenso zur Bildung wie früher Latein.
Natürlich wird niemand durch ein Selfie vor einer interaktiven Lichtinstallation zum Experten für Kunstgeschichte. Doch es schafft Erinnerungen. Es weckt Neugier. Und diese Neugier ist der erste Schritt zu echter Bildung.

Erweitert den Museumsbegriff!
Sollten wir Pop-up-Museen verbannen, weil sie nicht der traditionellen Definition entsprechen? Nein, das sollten wir nicht. Vielmehr sollten wir die Definition anpassen – was die ICOM 2022 bereits getan hat. Ein Museum im Jahr 2024 kann auch sein:
- ein temporärer Ort, der eine Idee vermittelt
- ein digitaler Raum, der technologische Zusammenhänge erlebbar macht
- ein Ort, an dem das Selfie das Lernen fördert
Bereits seit Platons Höhlengleichnis wissen wir, dass Menschen am effektivsten lernen, wenn sie emotional berührt werden. Ein schimmeliges Stück Fisch, mit dem man ein Selfie macht, und die Information, dass in Island verrottetes Haifleisch als Delikatesse gilt – das erfüllt den Bildungsauftrag und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.
Fazit
Die Frage lautet nicht mehr, ob diese Orte Museumscharakter haben oder nicht. Die entscheidende Frage ist: Möchten wir Museen, die aktuell Bedeutung haben, oder bevorzugen wir solche, die ikonisch wirken?
Ich denke, wir brauchen beides. Konventionelle Museen für die tiefgehende Auseinandersetzung und Pop-up-Museen als Türöffner zu Bildung. Das eine ersetzt das andere nicht – sie ergänzen sich.
Und ja, wenn jemand wegen eines verschimmelten Stücks Fisch oder stinkenden Käse ein Selfie macht und dabei versteht, dass Kultur relativ ist, dann hat die Museumslandschaft des 21. Jahrhunderts genau das erreicht, was sie anstreben sollte: Menschen zu erreichen und zum Nachdenken anzuregen.
Das ist spannend genug.

Bilder © Dr. Anette Konrad





