Versöhnung  

Auf eine Kerze

Ein Plädoyer für mehr Espressospiritualität im Alltag

Neulich bin ich auf dem Nachhauseweg wieder einmal in Sankt Klara eingekehrt. Einkehren ist wohl das richtige Wort, man kann nach der Arbeit einkehren bei Freunden, natürlich auch in Gaststätten oder eben in Kirchen, um den Tag ausklingen zu lassen. Wer St. Klara nicht kennt: Das ist die wunderbare gotische Kirche am südlichen Ende der Nürnberger Altstadt, gleich an der Königstraße zwischen Bahnhof und Einkaufsmeile gelegen, also mittendrin am Rande. Und wenn man aus dem Trubel der City den Eingangsbereich betritt, fühlt man sich wie in einer Kapelle, in der eine Marienstatue auf einen wartet. Und davor kann man eine Kerze entzünden.

An diesem Abend kommen in den wenigen Minuten gleich vier Passanten, die wie ich eine Kerze nehmen, entzünden und einreihen. Als sich unsere Augen treffen, grüße ich die anderen mit einem kurzen Nicken und Lächeln, als seien wir alte Bekannte. Ein junger Mann, in schwarzer Hose und Sweater, ist gleich wieder weg, eine Frau mittleren Alters im Businesskostüm bleibt lange stehen, ein Mädchen macht kurz einen Knicks, bevor es weiterzieht, und ein alter Mann zittert beim Entnehmen der Kerzen und schafft es fast nicht, sie zu entzünden.

Dieses Kerzenritual nenne ich meine Espresso-Spiritualität. Im Gegensatz zur Verabredung auf einen Kaffee funktioniert ein Espresso anders: auf die Schnelle, intensiv und wirkungsvoll. Es bedarf keiner langen Vorbereitung oder besonderer Umstände. Der Theologe Johann Baptist Metz hat „Unterbrechung“ als die kürzeste Definition des Betens genannt. Aber wie wir es auch bezeichnen:

Allein der Gedanke, dass unsere Bitten, Wünsche oder auch formulierten Gebete wie das Licht und die Wärme einer Kerze zum Himmel steigen, während wir schon wieder weitergehen, ist doch immer tröstlich.

Und es funktioniert am Abend genauso wie beim Einstieg in den Tag am Morgen oder im Laufe des Tages.

Kleine Oasen der Unterbrechung

Wenn keine Zeit für andere Formen der Spiritualität bleiben sollte, dann ist allein diese es wert, in den Alltag integriert zu werden. Und ich bin überzeugt, wir alle gehen verändert hervor aus solchen Momenten der Espressospiritualität. Es verändert den Umgang mit uns selbst, aber auch mit den Menschen, denen wir begegnen und mit denen wir aufgrund dieser besonderen Achtsamkeit verbunden sind. In einer Wüste der Meditation, Achtsamkeit und Spiritualität sind es kleine Oasen der Unterbrechung. Und eine davon ist (für mich) eben diese gotische Kirche an der Königstraße.

Florian Karl ist dort auch oft anzutreffen, da er als Mesner von St. Klara für die Kerzen zuständig ist. Er verrät mir auch die Anzahl – und nun darf geraten werden, wie viele es sind. Sein Kerzenhändler meinte, sie werden im Kerzenbedarf in ganz Bayern nur noch von der Theatinerkirche übertroffen. Nun, vor der Muttergottesstatue werden täglich zwischen 180 und 220 Kerzen entzündet. In besonderen Zeiten wie Weihnachten sind es kurzfristig doppelt so viele. Das bestätigt auch Pfarrerin Claudia Voigt-Grabenstein: In der Nürnberger Kirsche St. Lorenz sind es monatlich 5000 bis 6000 – und zur Weihnachtszeit bis zu 14000 Kerzen.

Also bin ich nicht allein, und ich finde, diese Zahlen sind ein guter Anfang. Und ich kann alle nur ermuntern, wieder einzukehren, ein wenig bei sich selbst, aber auch gerne in Kirchen zu sein – und das das ganze Jahr hindurch.

Bild: Siegfried Grillmeyer


Siegfried Grillmeyer

Er ist seit 2008 Leiter des Caritas Pirckheimer Hauses, der Akademie der Erzdiözese Bamberg und des Jesuitenordens, sowie Geschäftsführer des dazugehörigen Tagungshotels. Zahlreiche Veröffentlichungen zur politischen Bildung sowie privat von Essays und Kurzgeschichten.
www.grillmeyer.info

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