Ilse Aichingers früher Holocaust-Roman wiedergelesen
Ilse Aichinger war für die Nationalsozialisten Halbjüdin. Als junge Erwachsene hatte sie damals viele voll-jüdische Freude in ihrer Heimatstadt Wien. Sie hat mehr als verbalen Rassismus erlebt, sie wusste vom Holocaust im Osten. Wenn Aichinger aber als Schriftstellerin darüber schreibt, erlebt die Leserin trotz aller Angst und Bitternis einen Zauber, wie er in der Unschuld von Kindern steckt. Ihr Roman von 1948 heißt entsprechend „Die größere Hoffnung“.
Ich habe nach 30 Jahren diesen Roman, den Ilse Aichinger mit 27 Jahren veröffentlichte, wiedergelesen. Damals habe ich ihn geliebt. Als ich in den Jahren dazwischen mich mal wieder reingelesen wollte, konnte ich nichts damit anfangen. Jetzt ist die Geschichte der 11-jährigen Ellen in der von der geheimen Polizei bewachten (Nazi-)Großstadt wieder da, ich habe den Roman mit Hunger und Durst wieder zu mir genommen.
Neue Leseerfahrungen
Und doch habe ich beim Lesen etwas Anderes erlebt. Heute muss ich manche Einzelheit zum politischen Hintergrund wissen. Damals war mir die äußere Handlung ziemlich egal, ich wollte mich nicht mit Hitlers Rassegesetzen beschäftigen. Es geht im Roman schließlich darum, wer wie viele falsche Großeltern hat und dass Menschen den gelben Stern tragen müssen. Gleichzeitig kommen aber die Worte Hitler oder Jude nicht vor. Ich hatte also das Recht, in die Plots einzudringen. Ein Beispiel: Es spricht die Teenagerin Ellen mit einem Schwung Offiziere.
„Wie heißt du?“ schrie der Oberst. „Wo wohnst du?“
„Man muss sich suchen gehen“, flüsterte der Schreiber.
„Wo bist du zu Hause?“ sagte ein dicker Polizist und beugte sich zu ihr herab.
„Wo ich gewohnt habe“, sagte Ellen, „war ich noch nie zu Hause.“
„Wo bist du dann zu Hause?“ wiederholte der Polizist.
„Wo Sie zu Hause sind“, sagte Ellen.
„Aber wo sind wir zu Hause?“ schrie der Oberst außer sich.
„Sie fragen jetzt richtig“, sagte Ellen leise.
Die Frage nach dem eigenen Zuhause offenhalten – ein wichtiger Schritt um intensiv zu leben.
Das gemalte Visum
Ein anderer Plot. Ellen ist noch Kind und bittet den US-Konsul aufdringlich um ein Visum, damit sie ihre Mutter bei der Ausreise begleiten kann. Der Konsul muss sich an die Regeln halten, ohne Bürgen darf er keine Papiere ausstellen. Und doch hat Ellen ihr Visum schon gemalt und geschrieben, sie denkt, der Konsul muss nur unterschreiben.
»Und jetzt habe ich eine Idee!« [Der Konsul] nahm den Zeichenblock auf die Knie.
»Du selbst mußt dir das Visum geben. Du selbst mußt es unterschreiben!«
»Wie kann ich das?« fragte Ellen mißtrauisch.
»Du kannst es. Jeder Mensch ist im Grunde sein eigener Konsul. Und ob die weite Welt wirklich weit ist, das liegt an jedem Menschen.«
Ellen starrte ihn verwundert an. […]
Noch einmal hielt er den [inzwischen von Ellen unterschriebenen] Zeichenblock dicht vor seine Augen: Sterne, Vögel und bunte Blumen und darunter Ellens große, steile Unterschrift. Das erste wirkliche Visum während seiner ganzen Amtszeit.
Die Angst vor dem Tod
Das Schöne am Roman ist, wie liebevoll und präzise zu diesen Plots hingeführt wird. Da sind die feinen Anspielungen auf andere Spielfelder (insbesondere Bibel, Märchen, Kinderlieder), sie machen diese Plots tiefer und abgründiger. Davon hätte ich in meinen 20ern noch nicht sprechen können. Ellen und die jüdischen Kinder um sie herum (die manchmal Äußerungen loslassen, die wie von einem höheren Selbst stammen) – sie haben eine limitierte Angst vor dem Tod. Ellen hat fast keine. Alle haben sie viel weniger Angst als die Erwachsenen, die gar nicht davon zu sprechen wagen. Diese Kinder wissen von dem Ort, an dem alles blau wird.
Das blaue Meer, das man mit einem Visum und einem Schiff überqueren kann, ist die erste große Hoffnung. Die größere Hoffnung ist der blaue Himmel, der im Tod selbstverständlich zum Fliegen offensteht. Mindestens dann, wenn man im Alltag so an der Wand steht wie jene Kinder.
Das Buch lebt von einer christlichen Kultur im Hintergrund. Sie hat mir in meinen 20er Jahren Hoffnung und Stärkung gegeben und tut sie auch heute. Ich kann mit Ellen tiefer da hinein gehen, in anderer, aber keiner geringeren Weise als in Kult oder Gebet. Ist ja das Christentum ein Mittel – und nicht das Ende auf einem Weg zum Unaussprechlichen, das man mit banalen Wörtern wie Glück und Heimat bezeichnet.
Ja, wo bin ich zuhaus? Gibt es nicht schon längst den Tag, an dem ich mir das Visum für ein gutes Leben ausgestellt habe? So ein Tag verliert nicht an Faszination.
Grafik erstellt unter Verwendung eines Fotos aus dem Nachlass von Ilse Aichinger







