Vaterland Film

Zusammenleben  

Vaterland und Mutter Sprache

Frank Berzbach über den Film «Vaterland», der die Reise von Thomas Mann und dessen Tochter im Nachkriegsdeutschland beschreibt

Ost und West in der Nachkriegszeit. Ein Film über die erste Deutschlandreise Thomas Manns lässt tief blicken, und er verbreitet wenig Hoffnung. Wieso der Film eine Empfehlung ist, schildert Frank Berzbach.

«Vaterland» ist passend der konzentrierte, in vollendet tristem schwarz-weiß gedrehte Film von Paweł Pawlikowski betitelt, der Thomas und Katja Manns erste Deutschlandreise «nach Hitler» in Szene setzt. Im Film allerdings wird der Dichterfürst nicht von der Ehefrau Katja, sondern von seiner Tochter Erika begleitet. Auch andere realgeschichtliche Vorkommnisse werden leicht verändert. Klaus Mann nahm sich vor und nicht während der Deutschlandreise des Vaters 1949 das Leben.

Der freie Umgang mit der Realität hat aber nicht einfach dramaturgischen Charakter, sondern sie ermöglichen eine Fokussierung ohne Rückblenden. Sandra Hüller – man kann derzeit fragen: Wer sonst? – spielt die Tochter Erika so souverän und tief wie alles andere auch; vielleicht ist sie sogar der heimliche Schwerpunkt des Films. Hans Zischler wird für den Zuschauer zu Thomas Mann: im staatstragend-lakonischen Habitus, mit inneren Kämpfen, seiner steifen Klugheit und in äußerer Strenge.

Mann war, wie sein Vorbild, ein Dichterfürst. Klaus Mann, zerschunden von Zeit, Exil und familiärer Erfahrung, sehen wir, glänzend gespielt von August Diehl, nur kurz – aber um so intensiver. Auch ihn und sein Werk ruft der Film ins Gedächtnis zurück.

Vaterland
Willkommen in Weimar: Zum großen Goethe-Jubiläum macht Thomas Mann (Hanns Zischler) zwischen amerikanischer und sowjetischer Besatzungszone keinen Unterschied. © Agata Grzybowska

Der 200. Geburtstag

Die Deutschlandreise wird gern thematisiert, weil sie über vieles Auskunft gibt: Das Verhältnis einer amerikanischen BRD zu Stalins DDR und der Wut der enttäuschten Hitler-Anhänger gegen die demokratischen Exilanten. Die Manns gelten, wie Marlene Dietrich und viele andere den Mitläufern als «Verräter»; und nicht zuletzt die spannungsreich komplizierten Verhältnisse innerhalb der Künstlerdynastie Mann – Heinrich, Katja, Erika, Klaus – sind Stoff für mehr als einen Film.

Gefeiert wird im Jahr 1949 der 200. Geburtstag von Goethe, wen außer Thomas Mann wollte man einladen und wem den Goethe-Preis sonst verleihen? Goethes Geburtsstadt Frankfurt richtete die Feierlichkeiten aus, aber seine primäre Wirkungsstädte Weimar eben auch. Mann lässt sich im anbrechenden kalten Krieg nicht auf eine Seite ziehen; eigentlich tritt später nur Jean-Paul Sartre in seine Fußstapfen, als der den Nobelpreis ablehnt. Mann fährt also wie Goethe selbst von Frankfurt nach Weimar, um auch dort eine Festrede zu halten. Johannes R. Becher will ihm ein hohes Amt des sozialistischen Staates andienen, aber der lehnt ab und schlägt seinen sozialistischen Bruder Heinrich vor. Aber Thomas ist berühmter, alle wollen sich mit ihm schmücken.

Vaterland Film
Auferstanden aus Ruinen: Thomas (Hanns Zischler) und Erika Mann (Sandra Hüller) bekommen in Weimar die musikalische Vision einer neuen Republik präsentiert. © Neue Visionen Filmverleih

Die US-Amerikaner, die zu dieser Zeit selbst noch ein Apartheitsregime mit Rassengesetzen pflegen, halten Mann gleich für einen Kommunisten. In der Welt Ende der 1940er-Jahre ist wenig Licht, nicht in Westdeutschland und noch weniger in der «Ostenzone», in dem die kommunistischen Besatzer das nahe an Goethes Geburtshaus liegende KZ Buchenwald für die neuen politischen Häftlinge gleich weiter betreiben.

Der Film bereitet einem Schmerzen auf mehreren Ebenen. Die viel kritisierte, kalte Reaktion des Vaters auf Klaus Manns Selbstmord; Erika kann kaum fassen, dass der Vater weiter Festreden hält. Die unsäglichen Einlassungen des Redakteurs der Süddeutschen Zeitung, der Thomas Mann auf der Pressekonferenz als Exilant angreift bis zu den opportunistischen Versuchen der Wagner-Enkel, die ihn überzeugen wollen, sich für die von Hitler so geliebten Bayreuther Festspiele einzusetzen.

Thomas Mann – Wagnerianer – erwidert im Film, dass er sich vielmehr wünsche, dass man das Festspielareal dem Erdboden gleich und der Mutter endlich den Prozess mache. Mit wem er auch spricht: Uneinsichtigkeit, Unfähigkeit zu Trauern und Feigheit. Das Tätervolk ist urplötzlich Opfer. Nach dem Krieg wird Gottfried Benn es in einem Gespräch mit dem ersten Mann-Biographen und Exilant Peter de Mendelssohn 1950 formulieren: Für Deutsche hätte es 1933 keinerlei Grund gegeben, ins Exil zu gehen! Und so sahen es wohl die meisten – allerdings vor allem die, denen keine Verfolgung drohte, weil sie bereitwillig die Verbrechen unterstützen oder sie aus Karrieregründen übersahen. Für die Manns stellt sich die drängende Frage: Ist das noch das Land Goethes?

Die Familie Mann und Goethe heute

Der Film verschärft den Leidensdruck der Zuschauer, weil wir in einer Gegenwart leben, in der Geschichtsrevisionisten wieder viel Zuspruch bekommen. Ob in einem rechtsextrem regierten Bundesland die Texte von Thomas Mann noch in der Schule gelesen werden dürfen, lässt sich bezweifeln. Immerhin hat der in der Erzählung «Mario und der Zauberer« (1930) vorweggenommen, wie die Verführungskunst der Schergen funktionierte. Dem Filmemacher wir klar gewesen sein, in welches Deutschland dieser Film ausgestrahlt wird. Daher bleibt er insgesamt eng an den Ereignissen der Historie, fügt keinen dramaturgischen Kitsch hinzu, ist nicht interessiert an Verklärung, Einseitigkeit oder Moral.

Mann ist ihm ein Klassiker, kein Romantiker. Goethe hielt nur das erste für gesund, das andere für krank. Und schaut man im Film auf die schwarz-romantischen Nachkriegsdeutschen in ihrem Opfergehabe und ihrer Trauer ums schnell untergegangene «1000-Jährige-Reich», statt in der Scham über ihre Verbrechen, dann wird deutlich: das klassische Deutschland wurde von den Nazis vernichtet, aber in Mann existierte die alte Hochkultur in persona weiter. Die romantische Untergangs- und Todesverliebtheit waren Goethe wie Mann fremd, Manns ironische Melancholie speiste sich aus anderen Quellen.

Der Film ist also still, ernst, klassisch gebaut und nüchtern. Gegen die Überpointierung der Seelenfänger hilft nur neue Sachlichkeit, nur künstlerische Sensibilität statt Lärm. Selbst in der brisanten Szene, in der Erika dem unpassender Weise auf dem Empfang erscheinenden Gustav Gründgens wieder begegnet, klingen zwei Seiten an. Gründgens, der wie Karajan und andere eine steile Karriere unter den Nazis gemacht hatte, ließ Klaus Manns Enthüllungsroman «Mephisto» verbieten – und Erika, die Exilantin und Schwester, will natürlich von Gründgens und Konsorten nichts wissen. Aber auch die Worte, die der Unsympath über die privilegierte Mann-Tochter von sich gibt, entbehren nicht der Wahrheit. Schon in guten Zeiten, ist nichts ganz einfach, aber in schweren? Und konnte in dieser Familie, über die eine ganze Reihe kritischer Bücher vorliegen, überhaupt etwas einfach sein? Pawlikowski ist an den komplizierten Innenverhältnissen dieser Familie ebenso interessiert wie an der Historie.

Vaterland Film
Familie in Scherben: Erika Mann (Sandra Hüller) bespricht mit ihrer Mutter das Begräbnis ihres Bruders. © Neue Visionen Filmverleih

Die Zerstörung des alteuropäischen Deutschlands

Der Film ist wortkarg und auf die berühmten biografischen und historischen Ereignisse bezogen, so dass er die Fakten still sprechen lässt. Die sind etwas, an denen an Goethes 200. Geburtstag weder in Ost- noch Westdeutschland die Mehrheit ein Interesse hatte. Erika und ihr Vater sitzen daher isoliert in den Hotelzimmern, im Gasthof oder im Auto wie auf einer geschützten Insel, das Land da draußen ist nicht mehr ihres. Hannah Arendt wird nach ihrer ersten Deutschlandreise im gleichen Jahr eine ähnlich bedrückende Atmosphäre beschreiben.

Kaum öffnet man nachts das Zimmerfenster, singen unten auf der Straße die Betrunkenen leidenschaftlich ihre Nazi-Lieder. In einer emotionalen Szene äußert Erika, dass es hier doch auch gar nicht um Deutschland ginge, sondern um die Pläne Stalins oder der USA für das Land Goethes, dass dann leider zum Land Hitlers wurde. Mann bildet den Zenit der Muttersprache, aber sein ehemaliges Vaterland will ihn nur noch als Instanz, um sich rein zu waschen. Als eigensinnigen Dichter in der europäischen Tradition von Goethe will ihn niemand; nicht die USA, Stalin nicht und die Adenauer-Deutschen auch nicht. Das Blut will von den Händen, die geschüttelt werden, also nicht verschwinden.

Der Film, so schwarz-weiß er daherkommt, klingt daher blutrot im Zuschauer nach.

Wir sehen ein Kunstwerk, das nicht nur Mann zeigt, sondern seine altdeutsche Perspektive einnimmt – das ist nicht leicht auszuhalten, aber immer noch sehr viel besser als stalinistischer Terror oder das grassierende «kommunikative Verschweigen». In gewisser Weise, wir hören immer wieder Auszüge aus der Rede von Mann, ist das auch ein Film über Goethe, vor allem aber über die neuen Mephistos der Nachkriegsjahre, die ganz verschiedene Parteibücher besessen haben, aber immer das den Mächtigen passende.

Mann hatte in den USA, vor der Abreise nach Deutschland, in sein Tagebuch am 23.7.1949 ganz treffend notiert: «Gefühl, als ob es in den Krieg ginge» – der äußere Krieg in Europa war zwar zu Ende, aber der in den Menschen in keiner Weise. Auch davon erzählt dieser sehenswerte Film.

Headerbild © Agata Grzybowska


Frank Berzbach

Jahrgang 1971, unterrichtet Literaturpädagogik und Philosophie an der Technischen Hochschule Köln. Nach einer Ausbildung zum Technischen Zeichner studierte er Erziehungswissenschaft, Psychologie und Literaturwissenschaft. Über Wasser hielt er sich als Bildungsforscher, Wissenschaftsjournalist, Fahrradkurier und Buchhändler. Er hat eine Vorliebe für Schallplatten und Bücher, Tätowierungen und Klöster. Kulturphilosoph, lebt und arbeitet als freier Autor in Köln. Zuletzt erschienen: Die Kunst zu glauben (2023) und Das Alphabet der Lebenskunst (2025).
www.frankberzbach.com

Foto: © Tristan Hachmeister

Weiterlesen

24.08.2026 Zusammenleben

Mit benevolenten Grüßen

Drei lateinische Silben gegen den Zeitgeist: Siegfried Grillmeyer schreibt, warum er seine Mails mit „benevolenten Grüßen“ beendet – und was das mit Widerstand zu tun hat.

weiter
17.08.2026 Sinn

Völlig losgelöst

Der Philosoph Plotin versucht konsequent zu ergründen, wer wir sind, wenn wir zeitlos sind. Gedanken von Matthias Rugel SJ.

weiter
10.08.2026 Sinn
Markus Gabriel Moralischer Fortschritt

2 + 2 = »4« – und Unrecht bleibt Unrecht

Wir rüsten technologisch auf – und moralisch ab. Markus Gabriel erklärt in seinem Buch „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten“, warum das kein Widerspruch, sondern unser größtes Problem ist. Eine Rezension von Jonas Pavelka.

weiter