Zusammenleben  

Was dachte Hannah Arendt?

Frank Berzbach über die Philosophin und sein Lieblingsbuch über sie

Hannah Arendt ist inzwischen eine Ikone, aber hat sie uns auch heute noch etwas zu sagen? Die Politik-Professorin Grit Straßenberger stellt in ihrer Denkbiographie die politische Philosophin vor. Auch wenn der Tod der berühmten Denkerin sich gerade zum fünfzigsten Mal gejährt hat, so ist das Buch eine Reise bis in die Gegenwart.

Zuerst war Hannah Arendt eine Außenseiterin: Als Frau unter Männern, als Jüdin, zwischen progressiv und konservativ, kapitalismus- und kommunismuskritisch zugleich und mit provozierenden Thesen. Über ihre letzte Dekade ist sie allerdings aufgestiegen bis in die Popkultur, ein weiblicher Star der Philosophie. Auch als Postkartenmotiv macht Arendt Karriere, in der Bildästhetik des Cool-Jazz und mit schmissigen Zitaten, die aus dem Zusammenhang gelöst werden – all das lässt Grit Straßenberger zurecht völlig kalt. Taugt diese sperrige, eigensinnige Frau überhaupt für die Heldenverehrung?

Die Wahl unter den vielen neuen Biografien fiel mir leicht. Die Bonner Politologin Grit Straßenberger arbeitet lange schon zu Arendt und ihr aktuelles Buch führt vor allem durch das Denken der politischen Philosophin, aber ohne das Leben außer acht zu lassen. Sie schaut in die Geschichte, ein Werk und ein Leben, mit denen man auch Jahrzehnte später nicht einfach fertig wird. Ihr Buch bietet damit zugleich eine Einführung in die auch im 20. Jahrhundert eher seltenere politische Philosophie, die bei Arendt oft auch zu eine Philosophie der Politik wird.

Straßenberger widmet sich in kritischer Zuneigung, in Wertschätzung und vorurteilslos ihrem Gegenstand; natürlich kann man andere Leben nicht gänzlich verstehen, auch die zeitliche Distanz macht es nicht gerade einfacher. Das Urteil über Menschen, die in einer anderen Zeit lebten, ins Exil getrieben wurden und Zeitzeugen des Holocaust waren, sollte zurückhaltend ausfallen. Das Leben war «beschädigt», wie Adorno es nannte, und auch Arendt zeichnet in We Refugees die tiefgreifenden Probleme der erzwungenen Staatenlosigkeit nach.

Was nicht passen will

Mindestens zwei starke, ehr private Irritationen im Leben der Hannah Arendt lassen einen hilflos zurück. Straßenberger hat kein Interesse, diese Bildstörungen überzubewerten, zu glätten oder schein-plausibel zu Begründen. Dem Buch ist jegliche psychologische Spekulation fern. Zum einen der lebenslängliche Hass gegen zwei andere heute berühmte Juden im Exil, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, der sich wohl nur in charakterlicher Antipathie begründet.

Die Aversion hat zwar seine frühen persönlichen Geschichtchen, auch um ihren Ex-Mann Günter Anders, aber auch nach Trennung und Zivilisationsbruch werden die Aversionen nicht gemildert; aufs Werk bezogen begründet sich die Feindschaften weniger. Für Grit Straßenberger ist Arendt ein «Genie der Freundschaft», aber der Blick in Antipathien, Zuneigungen und Zumutungen, auch in zerbrochene Freundschaften korrigiert den Eindruck, diese Frau sei umgänglich gewesen. Selbst Anders und Adorno treten nach dem Krieg in Briefkontakt und versuchen zumindest die «hot potatoes» ausgraben, die vergangenen Missverständnisse zu klären. Das die Exilerfahrung Menschen nicht generell verband oder milder stimmte, lässt sich hier beobachten.

Schwerwiegender, unverständlicher noch ist Arendts lebenslange Liebe zu Martin Heidegger. Gewöhnlich misst Arendt ihre Freunde zwar mit strengem Maß, aber Heidegger bildet eine gravierende Ausnahme. Mit dem alten Freund Benno von Wiese, der 1933 sofort in die NSDAP eintritt und sich für die Nazis bis 1945 an der Universität engagiert, geht sie nach dem Krieg enorm ins Gericht. Anders bei Heidegger, dem sie nicht nur alles verzeiht – seinen Teilzeitfaschismus, seinen Antisemitismus, seine charakterlose Überheblichkeit – sondern sie akzeptiert auch, dass der Freiburger Unhold sämtliche ihrer Werke schlicht ignoriert. Weder zu den beiden großen Hauptwerken noch zu anderen Texten, die sie ihm in Briefen zum Teil sogar widmet, äußert er sich. In der Öffentlichkeit äußert sich Arendt zwar zurückhaltender in ihrer maßlosen Sympathie, aber vielleicht hätte das ihr auch geschadet. Die Mehrheit hegte stille Sympathien für Täter und Mitläufer, man solle die Vergangenheit ruhen lassen. Bereits 1949 fordert die FDP auf einem berühmten Plakat, man solle die Entnazifizierung endlich beenden und «Schlußstrich drunter!». Innerhalb vernünftiger Argumentationen ist dem nicht beizukommen. Das macht das Genie Arendt menschlich, unverständlich und es stört stark die Arendt-Anhänger, die gern ein unfehlbares Bild von ihr hätten oder sie gar zur Feministin umdichten wollen. Straßenberger zeichnet Arendts Verhalten nach, ohne dazu harsche Urteile zu fällen – das überlässt sie den mündigen Lesern.

Eine offene Spur

Auf ihre Distanz zu Simone de Beauvoir, ihr Hauptwerk Das andere Geschlecht erscheint 1949 in Frankreich, geht Straßenberger nicht ein. Dabei wäre die Sache interessant: Beauvoir und Sartre, wie die ganze französisch-atheistische Variante der Existenzphilosophie, segelten im Fahrwasser Kants, Hegels, Kierkegaards und Heideggers. Das politische Engagement zieht mit ihnen in die Philosophie ein und müsste eigentlich Arendts Sympathien geweckt haben. Sogar die beiden großen Lehrer von Hannah Arendt nahmen die Franzosen wahr: Karl Jaspers war von Sartres Radikalität in Das Sein und das Nichts beeindruckt und sogar Heidegger soll im Ersteindruck begeistert gewesen sein, aber Sartres Antifaschismus hielt den Freiburger dann wohl doch davon ab, die neuen Sterne am Philosophenhimmel und damit Konkurrenten zu loben.

Aber was hielt Hannah Arendt auf so großer Distanz, obwohl sie derselben philosophischen Traditionslinie folgte? Simone de Beauvoir zog mit ihrem großen Werk enorme Aversionen auf sich, war aber die einzige politisch denkende Frau, die ein vom Umfang und unabhängigen Denken her vergleichbares Werk vorlegte. Wieder eine persönliche Ferne? Oder politische Gründe? Oder gar Heidegger?

Hannah Arendts Denken heute

Am Ende ihres wunderbaren Buches fasst Straßenberger prägnant zusammen, was wir für die heutige Zeit von Hannah Arendt lernen können. Die war in unserem Sinne keine Demokratin, aber ihr kritisches Denken wird heute wieder aktuell. Hitler wurde demokratisch gewählt und die große Mehrheit hielt ihm die Treue bis in den Untergang. In ganz Europa, sogar den USA hatte er zahlreiche Anhänger, sein Antisemitismus war anschlußfähig, wurde sogar gelobt und totalitäre Neigungen waren nie allein deutsch.

Es wäre ein Gedankenexperiment: Wären Hitler, Stalin oder Mao abgewählt worden, wenn es freie Wahlen gegeben hätte? Arendt hätte begründete Zweifel angemeldet und das sagt natürlich auch etwas über die Grenzen der Staatsform Demokratie. Zumindest die Weimarer Republik scheiterte, weil sie nicht resolut verteidigt wurde. Man hätte die Parteien, die die Demokratie abschaffen wollten, verbieten können.

Nennenswerter Widerstand gegen die Nazis existierte für die Philosophin nicht, selbst die heute hoch verehrten Adelsgrüppchen, die mit ihrem Leben bezahlten, sah sie kritisch: Hatten die sich nicht erst gegen Hitler verschworen, als sich Deutschlands Niederlage am Horizont deutlich zeigte? Die adeligen Militärs waren meist weder Republikaner, sie standen nicht für Minderheitenrechte und sie waren auch nicht resistent gegen Antisemitismus. Selbst der christliche Widerstand, Dietrich Bonhoeffer und Alfred Delp präsentierten eine verschwindende Minderheit. Arendts Skepsis provoziert bis heute, und sie ist aktuell: die Neofaschisten zeigen gegenwärtig hohe Zustimmungswerte in den Umfragen; und was die – demokratisch gewählt – tun werden, wird Gewaltenteilung, Menschen- und Minderheitenrechte mit Füßen treten.

Gewählt werden sie dennoch, und für Hannah Arendt ist das durchaus ein Problem des Politischen. Hitler löste seine Versprechen an die Wählerschaft ein; Stalin und Mao folgten ihrem angekündigten Programm und ihre Macht ruhte auf einer Mehrheit der Bevölkerung. Eine solch harte Sicht ist alles andere als psychohygienisch; Hannah Arendts Denken bleibt eine Herausforderung. Vielleicht auch ein Weckruf?

Aus der politischen Geschichte lernen?

Kann man angesichts dieser historischen Erkenntnis, wenn sie denn stimmt, bruchlos für eine repräsentative Demokratie sein, die sich nicht schützt? Die Hoffnung mancher Parteien in der Weimarer Republik, man müsse totalitäre Parteien, die an Argumenten nicht interessiert sind, argumentativ bekämpfen, ging jedenfalls nicht auf. Einer der Gründerväter der deutschen (und Bonner) Politologie, der Totalitarismus-Forscher Karl Dietrich Bracher, hat das früh herausgearbeitet. Die Toleranz mit denen, die jede Toleranz abschafften, führte in den Totalitarismus.

Hannah Arendt mag in Nuancen existenzialistisch hochmütig gewesen sein und auch an ihrer eigenwilligen Rezeption der antiken politischen Philosophie ist Kritik angebracht, aber all das regt zum Denken an. «Die Denkerin» heißt daher passend Grit Straßenbergers großartiges Buch über das lange 20. Jahrhundert, von dem viel zu lernen ist: über die Politik, die Vergangenheit und die Gegenwart.

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Straßenberger, Grit

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Grit Straßenberger präsentiert ein neues, lebendiges Bild der außergewöhnlichen Denkerin: Durch einen starken Fokus auf die Erinnerungen und Geschichten, die von Freunden, Kollegen und Schülern über Arendt erzählt wurden, lernen wir die Person hinter der einzigartigen Philosophin kennen. Obwohl ihr die Rolle der Intellektuellen zutiefst suspekt war, wurde sie zu einer Intellektuellen von Weltrang. Ihr Denken war irritierend und eigensinnig, sie eckte überall an, war aber alles andere als eine Einzelgängerin: Die Liste von Arendts Bekanntenkreis liest sich wie das «Who is Who» der westlichen Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Arendt führte ihr Jahrhundertleben als eine «Virtuosin der Freundschaft», für deren Denken zwischenmenschliche Verbindungen unverzichtbar waren – und die auch heute noch unsere Freundin im Geiste sein kann.


Frank Berzbach

Jahrgang 1971, unterrichtet Literaturpädagogik und Philosophie an der Technischen Hochschule Köln. Nach einer Ausbildung zum Technischen Zeichner studierte er Erziehungswissenschaft, Psychologie und Literaturwissenschaft. Über Wasser hielt er sich als Bildungsforscher, Wissenschaftsjournalist, Fahrradkurier und Buchhändler. Er hat eine Vorliebe für Schallplatten und Bücher, Tätowierungen und Klöster. Kulturphilosoph, lebt und arbeitet als freier Autor in Köln. Zuletzt erschienen: Die Kunst zu glauben (2023) und Das Alphabet der Lebenskunst (2025).
www.frankberzbach.com

Foto: © Tristan Hachmeister

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