Warum Markus Gabriels Philosophie heute brennender ist denn je
Eine Omega-Hitzewelle, verheerende Waldbrände, die wir apathisch hinnehmen, neues Wettrüsten mit schwindelerregenden Verteidigungsetats und das Erstarken nationalistischer Egoismen: Als Markus Gabriels Buch „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten“ (Ullstein Buchverlage, Berlin) 2020 zu Beginn der Covid-Pandemie erschien, schien die Welt im Umbruch. Heute, wenige Jahre später, sind die Zeiten keineswegs heller geworden. Gabriels Kernthese trifft die Gegenwart noch schmerzhafter als damals.
Wir leben in einer Epoche der verkehrten Prioritäten. Während Kipp-Punkte des Klimas achselzuckend ignoriert werden und sich die internationale Politik von links bis rechts wieder in nationale Wagenburgen zurückzieht, scheint das einzig verbliebene gemeinsame Projekt die milliardenschwere Aufrüstung zu sein. Wir nennen das Realpolitik oder technologische Modernisierung. Aber ist das Fortschritt?
Genau hier kann man mit dem Bonner Philosoph Markus Gabriel ansetzen – mit einem radikalen Gedanken, der dem zynischen Zeitgeist den Kampf ansagt: „Moralische Tatsachen existieren wirklich.“
Gabriel, geboren 1980, lehrt seit 2009 an der Universität Bonn und leitet dort das interdisziplinäre Institute for Science and Thought. Bekannt wurde der Philosoph als Vertreter des sogenannten Neuen Realismus. Diese Denkrichtung geht davon aus, dass moralische Tatsachen beschreibbar sind: Es gibt moralische Wahrheiten, die unabhängig von subjektiven Vorstellungen existieren und die der Mensch nicht beeinflussen kann.
Moral ist keine Geschmacksfrage
Gabriel räumt gründlich auf mit der bequemen Ausrede des Kulturrelativismus, nach der Moral bloß ein subjektives Gefühl, Verhaltensökonomie (wie treffen Menschen Entscheidungen?) oder eine Frage der kulturellen Perspektive sei. Seine dem Realismus zuzurechnende Position lautet: Das Gute ist kein bloßes Gedankenkonstrukt. Moralische Tatsachen sind so objektiv und real wie mathematische Gesetze. Wir entscheiden nicht darüber, ob sie existieren – wir finden sie vor. Dass Menschenwürde unantastbar ist, dass Folter falsch ist und Kooperation besser als gegenseitige Zerstörung, ist keine Laune der Geschichte, sondern eine Tatsache und damit universal gültig.
Echter moralischer Fortschritt bedeutet, moralische Tatsachen schrittweise zu entdecken, statt Werte nach Belieben neu zu erfinden – wir finden sie vor. Dieser Erkenntnisprozess verläuft nicht linear; Rückschritte und dunkle Epochen gehören dazu. Doch einmal erkannte Humanität verliert ihre Gültigkeit nie mehr.
Das Problem: Übermächtige Technik, verdunstendes moralisches Interesse
Das Dilemma unserer Gegenwart liegt auf der Hand: Unsere mächtigsten Systeme – Ökonomie, Digitalisierung, Technik und Geopolitik – folgen keinem moralischen Leitstern. Sie funktionieren nach einer rein „kompetitiven“ Logik des Wettbewerbs und der Macht, nicht nach einem „kooperativen“ Ideal der Humanität.
Wir behandeln Ethik wie ein unverbindliches Schönwetter-Thema, während wir für Algorithmen, Finanzmärkte und Militärstrategien messerscharfen Sachverstand einfordern. In meiner Wahrnehmung fordert Gabriel das genaue Gegenteil:
Wir brauchen dieselbe analytische Schärfe für moralische Fragen wie für die Mathematik, um die verbindenden moralischen Gemeinsamkeiten zu entdecken.
Diese Art des Denkens und sauberen Formulierens von Argumenten kann man sowohl im Ethik- und Religionsunterricht als auch in Familie und Freundeskreis immer mal wieder anstreben und sich ausprobieren.
Fazit
Wir messen gesellschaftlichen Fortschritt heute in Rechenleistung, Wachstumsraten und Rüstungsmilliarden. Doch wer Moral zur reinen Privatsache erklärt, überlässt die Zukunft den Zynikern. Warum nehmen wir die Rede von Werten nicht mal weg von ihrer moralinen Konnotation und setzen sie in ein positives Licht, um uns als Gesellschaft weiterzubringen?
Gabriels Buch hinterlässt uns mit einer unbequemen Pointe für das Hier und Jetzt: Wir rüsten uns technologisch und militärisch für die Zukunft – während wir moralisch ins finsterste Mittelalter zurückfallen. Solange wir Fortschritt nur technisch und nicht menschlich begreifen, optimieren wir lediglich die Werkzeuge unserer eigenen Misere.
Das Buch

Die Krise der liberalen Demokratie und die Ausbreitung des Populismus folgen dem Muster einer Selbstabschaffung des Menschen. Der Diskurs über Künstliche Intelligenz und die hemmungslose Digitalisierung verstärken diese fatale Entwicklung noch. Doch trotz aller gegenwärtigen Rückschläge: Die Menschheit ist zu moralischem Fortschritt fähig. In seinem engagierten Buch zeigt Markus Gabriel, Deutschlands weltweit bekanntester Gegenwartsphilosoph, warum es nicht verhandelbare, universale Grundwerte gibt, die für alle Menschen gelten. Er zeigt: Wir bedürfen dringend eines innovativen Konzepts der Kooperation von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, um ein Gesellschaftssystem zu entwerfen, das auf moralischen Fortschritt zielt.
Markus Gabriel: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Ullstein Buchverlage, Berlin 2020.






