Zusammenleben  

Mit benevolenten Grüßen

Wie wir Mails beenden

Neulich wurde ich wieder einmal gefragt, was es eigentlich bedeuten solle – und ob es nicht ein wenig gekünstelt (und vielleicht sogar etwas lächerlich) sei. Gemeint war lediglich die Art, wie ich meine E-Mails beschließe. Also keine These, kein Vortrag, kein programmatischer Text, sondern lediglich eine kleine sprachliche Gewohnheit, die offenbar auffällt.

Wie unterschreibt man heute überhaupt elektronische Briefe? Die alten Formeln scheinen noch nachzuklingen: „mit freundlichen Grüßen“, im förmlicheren Verkehr gar „hochachtungsvoll“. Wendungen, die einst nicht nur Höflichkeit markierten, sondern auch ein Verhältnis von Nähe und Distanz, von Respekt und Ordnung. Der Brief hatte Gewicht, und seine Sprache folgte eigenen Konventionen.

Mit der E-Mail ist vieles leichter geworden – und zugleich flüchtiger. Nachrichten entstehen rasch, oft zwischen Tür und Angel, und sie verschwinden ebenso schnell im Strom des Alltäglichen. Vielleicht erklärt das, warum auch die Schlussformeln beweglicher geworden sind. Man variiert, spielt mit dem Ton, fügt kleine persönliche Noten hinzu: „frohe Grüße“, „herzliche Grüße“, „Grüße aus dem verregneten Nürnberg“ oder aus der sommerlichen Hitze. Es sind unscheinbare Versuche, dem raschen Austausch einen Hauch von Individualität zurückzugeben.

Aus der Zeit gefallen?

Irgendwann habe ich begonnen, meine Mails mit „benevolenten Grüßen“ zu beenden. Ein Ausdruck, der aus der Zeit gefallen scheint. Für manche klingt er manieriert, vielleicht auch unnötig gelehrt und befremdlich. Doch ich meine es durchaus ernst.

„Benevolenz“ – das meint mehr als bloße Höflichkeit. Es ist das Einüben eines Wohlwollens, ein Sich-Erinnern daran, dass der andere nicht bloß Adressat, sondern Mitmensch ist. Lateinisch: bene volens – das Gute wollen und dem Anderen zusprechen. In einer Zeit, in der viel von Werten gesprochen wird, scheint mir entscheidend, ob und wie sie zur Haltung werden.

Haltung aber entsteht nicht abstrakt, sondern in Wiederholung, im kleinen Vollzug, in alltäglichen Gesten – selbst in einer E-Mail-Signatur.

Gerade deshalb irritiert mich der Ton vieler öffentlicher Auseinandersetzungen. Nicht der Konflikt als solcher – der gehört zu einer lebendigen Gesellschaft. Sondern die Selbstverständlichkeit, mit der der andere nicht mehr als Gegenüber erscheint, sondern als Gegner, der herabgesetzt, bloßgestellt, im Extremfall vernichtet werden soll. In politischen Debatten, in Interviews, in den digitalen Räumen unserer Zeit begegnet einem nicht selten eine Sprache, die das Wohlwollen verlernt hat. Sie kennt nur noch Zustimmung oder Ablehnung, Freund oder Feind.

Benevolenz ist keine Sentimentalität

Was dabei verloren geht, ist etwas Grundlegendes: die Fähigkeit, im anderen einen Menschen zu sehen, auch dann, wenn er irrt, widerspricht oder provoziert. Benevolenz ist keine Sentimentalität. Sie verlangt Unterscheidung, sie schließt Kritik nicht aus. Aber sie setzt einen Rahmen: den Respekt vor der Person, die nicht im Urteil aufgeht, das wir über ihre Meinung fällen.

Es ist eine anspruchsvolle Haltung. Sie kostet Kraft, manchmal Überwindung. Nicht selten steht sie quer zu spontanen Regungen, zu Ärger, Ungeduld oder Empörung. Vielleicht braucht es gerade deshalb kleine Erinnerungen im Alltag – unscheinbare Zeichen, die uns auf das verweisen, was wir eigentlich sein wollen.

Schlussformel als Zeichen

Für mich ist die Schlussformel meiner E-Mails ein solches Zeichen geworden. Kein großes Programm, eher eine leise Übung. Ein Versuch, mir selbst vor Augen zu halten, dass jeder Austausch mit einem Menschen geschieht – und dass diesem Menschen, bei aller Differenz, zunächst eines gebührt: Wohlwollen.

Daran erinnert mich mein kleiner, leicht altertümlich wirkender Gruß am Ende vieler Mails. Nicht als Zierde, sondern als Übung. Und so verbleibe ich – mit benevolenten Grüßen.


Siegfried Grillmeyer

Er ist seit 2008 Leiter des Caritas Pirckheimer Hauses, der Akademie der Erzdiözese Bamberg und des Jesuitenordens, sowie Geschäftsführer des dazugehörigen Tagungshotels. Zahlreiche Veröffentlichungen zur politischen Bildung sowie privat von Essays und Kurzgeschichten.
www.grillmeyer.info

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