Sinn  

Völlig losgelöst

Wenn die Zeitlichkeit wegfällt

Im Weltraum fällt die Erdanziehung weg. Wir können sozusagen durch die Luft gehen. Es gibt keinen Boden, auf dem man steht. Die Decke eines Raumes ist leicht erreichbar, wenn die Schwerkraft wegfällt. Verschiedene Emotionen könnten einem in diesem Zustand hochkommen: ein Freiheitsgefühl, eine aufbauende Erweiterung der Handlungsoptionen – aber auch – wie im Lied von Major Tom – eine traurige Verlorenheit im Weltraum. All das steckt im Gefühl „völlig losgelöst“ zu sein. Streng genommen ist die Loslösung nicht „völlig“, sondern eben nur die eine Loslösung von der Schwerkraft.

Was passiert, wenn man eine solche Verwirrung der gewohnten räumlichen Orientierung auf die Zeit überträgt? Wie fühlte es sich an, ohne Zeit zu leben? Dieses Fühlen wäre zum Beispiel keine Überraschung, weil eine Überraschung klar die gewohnte Zeit voraussetzt: sie braucht eine gewohnte Vergangenheit, der eine ungewohnte Gegenwart gegenübersteht. Verwundert könnte man freilich sein, verwundert als Dauerzustand oder Dauerprozess. Oder das Denken wäre weniger ein zeitliches Schlussfolgern als ein immer schon Gedachthaben.

Was wegfällt: die zeitliche Ordnung

Was ist es, das wegfällt, wenn die Zeit wegfällt? Zunächst die zeitliche Ordnung. Ohne Zeiterleben ist der Früher-Später-Gegensatz ein Gegensatz wie links und rechts, ganz relativ zum Standpunkt. Vielleicht auch der Gegensatz von oben und unten.

Relativitätstheorie nimmt seit über 100 Jahren die Zeit explizit wie eine solche Raumdimension. Faktisch zeigte sich die Parallele schon in der Entwicklung der Differential- und Integralrechnung mit Leibniz und Newton. Die Steigung einer Raumlinie wird dort betrachtet als parallel zur Geschwindigkeit einer Rauzeitkurve – und ebenso die Krümmung einer Raumlinie parallel zur Beschleunigung einer Raumzeitkurve. In der Infinitesimalrechnung, die Newton und Leibniz damals entwickelten, kann man zeitliche Phänomene wie Geschwindigkeit und Beschleunigung unabhängig von einem Früher-Später ausdrücken: Als erste oder zweite Ableitung einer Kurvenfunktion.

Zeit wird noch auf eine andere Weise analysiert denn als lineare Ordnung. Wir erleben einen Zeitpunkt als ausgezeichnet, die jeweilige Gegenwart. Das Vorher zu ihr nennen wir Vergangenheit, das Nachher Zukunft. Konnte man in der Physik die Richtung der zeitlichen Ordnung noch leicht vertauschen, fällt diese Symmetrie jetzt weg. Vergangenheit, das Vorher zur Gegenwart ist fest, bestimmt und nur durch Erinnerung zugänglich. Zukunft hingegen ist (zumindest im subjektiven Erleben) offen, unbestimmt und kann nicht erinnert werden, sondern wird erwartet und ist vielleicht als vage Vorwegnahme oder Idee da.

Kann man schwerelos von der Zeit sein?

Kann man sich einen Menschen außerhalb dieser Zeitlichkeit, in der etwas erwartet und erinnert wird, vorstellen? Kann man schwerelos von der Zeit sein?

Sich in der Zeit zu bewegen wird manchmal als etwas Existentielles verstanden, etwas, das unser Menschsein ausmacht. Für Heidegger etwas ist die implizite Erwartung, dass man selber sterben wird, der Schlüssel zum eigentlichen, zum intensiven Leben. Aber schon das Bestimmtsein durch die „Sorge“, die das alltägliche Dasein bestimmt, hat die Zeitstruktur der Erwartung (auf dem Hintergrund der Erinnerung).  Vielleicht ist ein zeitloses Leben kein menschliches Leben mehr?

Viele Philosophen vermuten, dass die Ursache der Zeit nicht mehr zeitlich sein kann. Sie haben davon eine Vorstellung, wie sie dem Weltschaffen eines Gottes entspricht. Manche aus religiösen Quellen wie dem Genesis-Schöpfungsbericht, andere aus philosophischen Quellen wie Platons Timaios. Man beachte, dass es sich dabei nicht um eine Art Zünden eines Urknalls handelt, sondern um ein Am-Leben-Halten der Schöpfung in jedem Moment. Ein ewiger Gott muss sich nicht erinnern, er hat Zugang zu allen Zeiten. Auch erwartet er nichts, die ganze Zeitkette scheint vor ihm schon ausgebreitet und fixiert zu sein.

Schwerelos in der Zeit Philosophie

Plotin: Jede Seele als Schöpferin

Das mag alles sich alles so ergeben, wenn man den Grenzfall Gott denkt. Es scheint mit der uns zugänglichen Erfahrung nicht zu tun zu haben. Plotin, ein später Schüler des Philosophen Platon sieht das anders:

„So bedenke denn also erstlich jede Seele dies, daß sie selbst es ist die alle Lebewesen geschaffen hat und ihnen Leben einhauchte, welche die Erde nährt und welche das Meer, die in der Luft sind und die göttlichen Gestirne am Himmel; daß sie die Sonne und sie unsern gewaltigen Kosmos geschaffen hat, sie ihn formte, sie ihn in bestimmter Ordnung kreisen läßt“ (Enneaden V.1.2)

Plotin meint damit explizit jede individuelle Seele, wie sie jedem Menschen zukommt. Wie kann er derartiges behaupten? Selbst phantasievolle Schriftsteller wie Tolkin schaffen doch nur Gedankenwelten und nichts Echtes, Lebbares, nichts mit anderen selbständigen Wesen. Plotin denkt hier anders.

Ich verstehe ihn so:

Jede Lebendigkeit kommt nur von der Seele her, ohne sie ist Stillstand und bestenfalls noch mechanisches Funktionieren.

Es ist nur der äußere Anschein, dass Naturgesetze die Freiheit beschränken oder dass Konflikte zwischen Menschen verhindern, dass manche Seelen zur Geltung kommen. Auf der zeitlosen Seelenebene könnte es noch so viele andere Dimensionen geben, dass man an der These, dass jede Seele in ihren Konflikten immer gewinnt und ihre kreative Schaffenskraft zur Geltung bringt, wagen kann.

Major Toms Rückkehr

Plotins Erweiterung des Erlebens des Liedes „Völlig losgelöst“: In der Zeitlosigkeit hat Major Tom die Herrschaft über sein Raumschiff zurückgewonnen, und mit ihr eine Kraft zum kreativen Lebendigmachen der ganzen Welt. Könnte Plotin recht haben?

Veranstaltungsempfehlung im Heinrich Pesch Haus Ludwigshafen

Matthias Rugel

Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte: Matthias Rugel SJ bietet ab dem 31. August 2026 im Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen einen zehnteiligen Kurs zu „Plotins Synthese der antiken Philosophie vom Unfassbaren, von Seele und Welt“ an.

Logo Heinrich Pesch Haus

Matthias Rugel

Sucht den Sinn in Gesellschaft von alten und zeitgenössischen Philosophen und möchte in der Gesellschaft den Sinn für gemeinsames Leben mit Menschen aus aller Herren Länder stärken. Der Jesuitenbruder arbeitet als Bildungsreferent am Heinrich Pesch Haus. Der ehemalige Langzeit-Student, Jugendtheater- und Softwareentwickler organisiert auch in Corona-Zeiten ehrenamtlichen Sprachunterricht für Geflüchtete. Seine Ahnung ist, dass die Willkommenskultur bis heute mit dem Reich Gottes zu tun hat.

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