Transformation  

»Haltung allein reicht nicht«

Wenn die Strukturen falsch sind, verpufft der individuelle Verzicht – ein anderer Blick auf Maßnahmen im Zuge des Klimawandels

Die Ängste vor der Zukunft wachsen, gleichzeitig wirkt die Gesellschaft bei Themen wie der Energiewende tief gespalten. Für Johanna Rist ist das kein Zufall, sondern das Resultat politischer Versäumnisse. Sie ist Bildungsreferentin für sozial-ökologische Transformation und Bewahrung der Schöpfung im Heinrich Pesch Haus. Im Gespräch erläutert sie, wo unser Wohlstandsmodell an Grenzen stößt, was Papst Franziskus mit säkularem Umweltschutz gemein hat und warum wir trotzdem zuversichtlich sein sollten.

Frau Rist, viele appellieren beim Klimawandel  an das individuelle Gewissen: weniger Fleisch, weniger Fliegen  und überhaupt bewusster konsumieren. Ist das der richtige Weg?

Johanna Rist: Natürlich spielt die Haltung der Gesellschaft eine Rolle. Aber wenn persönliche Haltung auf falsche Strukturen trifft, reicht sie einfach nicht aus. Wenn ich als Privatperson ständig auf Dinge verzichte, sich das aber nicht in politischen und wirtschaftlichen Strukturen widerspiegelt, verpufft der Effekt. Das ist der Punkt, an dem die Verantwortung nicht länger beim Einzelnen abgeladen werden darf. Sie liegt bei der Politik, in unseren Rechtssystemen und Institutionen. Auch die Wirtschaft ist kein neutraler Akteur. Die Profitmaximierung einzelner Unternehmen darf nicht auf Kosten der Allgemeinheit stattfinden. Wenn wir  als Gemeinschaft nicht auf erneuerbare Energien umsteigen, entstehen immense gesellschaftliche Kosten, die in der politischen Debatte kaum benannt werden.

Sie spielen auf unsere Art an, Wohlstand zu messen?

Johanna Rist: Genau. Unsere Wohlstandsindikatoren klammern den sozial-ökologischen Bereich weitgehend aus. Das Bruttoinlandsprodukt etwa bezieht das Naturkapital überhaupt nicht ein. Es sagt uns nichts darüber, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen – und als reiner Durchschnittswert verrät es uns auch nichts  darüber, wie Reichtum in einer Gesellschaft verteilt ist.

„Große Konflikte, die auf politischer Ebene diskutiert werden müssten, werden auf die private Ebene übertragen. Das sorgt für Spaltung.“

Genau diese Verteilungsfragen führen zu Polarisierung. Bestes Beispiel ist der Streit um das Heizungsgesetz. Woher kommt diese Wut?

Johanna Rist: Ich beobachte, dass große Konfliktfelder, die eigentlich gesamtgesellschaftlich diskutiert werden müssten, auf eine private Ebene übertragen werden. Der Streit um die Wärmepumpe ist ein klassisches Beispiel: Da streiten Menschen im kleinen Kreis über Heizformen und die Debatte wird emotional. Das passiert, weil auf politischer Ebene nicht klar kommuniziert wird, welche Vorteile der Wandel hat und wo die Verantwortung liegt. Hinzu kommt, dass die Macht von Vertretern fossiler Interessen selten transparent gemacht wird. Das führt zu Misstrauen, obwohl die meisten Menschen im Grunde das gleiche Ziel verfolgen: eine gute Zukunft.

Der Klimabewegung wird oft vorgeworfen,  ein Projekt gut situierter Schichten zu sein, das die ärmere Bevölkerung vergisst. Wie sehen Sie das?

Johanna Rist: Dieser Vorwurf der Moralisierung existiert, ist aber bei genauerem Hinsehen nicht haltbar. Gerade sozio-ökonomisch schlechter gestellte Gesellschaftsschichten sind von den direkten Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Echter Klimaschutz schützt genau diese Gruppen. Wir können hier viel erreichen, wenn wir auf lokalere, bessere Anbaumöglichkeiten und konsequent auf erneuerbare Energien setzen.

Wie schauen Sie persönlich auf die aktuelle Entwicklung beim Klimaschutz?

Johanna Rist: Aktuell ist das Thema in der politischen und gesellschaftlichen Debatte etwas in den Hintergrund gerückt – und trotzdem passiert so viel. Der Gletscherrückgang, unumkehrbare Umweltveränderungen. Meine Kinder werden in einer anderen Welt leben als ich, mit anderem Wetter, anderen Pflanzen und einer anderen Umgebung. Das finde ich bedrohlich.

Trotzdem bin ich hoffnungsvoll und zuversichtlich. In den letzten Jahren gab es viele Entwicklungen – vom  „European Green Deal“ bis zu Unternehmen, die das Thema Nachhaltigkeit für sich entdecken. Fern ab von Parolen und populistischen Wortführern setzen sich zahlreiche Menschen für eine gute Zukunft ein. Eine gemeinsame Herausforderung kann auch eine Chance sein, wieder miteinander in Beziehung zu gehen und zusammenzuwachsen.

Das Gespräch führte Dr. Anette Konrad

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Johanna Rist

hat an der Universität Heidelberg Geschichte, Politik und Wirtschaft auf Gymnasiallehramt studiert. Nach ihrem Referendariat hat sie eine Weiterbildung zur Förderschullehrkraft für den Bereich Lernhilfe und Erziehungshilfe gemacht und war fast 10 Jahre im Schuldienst tätig.

Seit Juni 2025 arbeitet sie als Bildungsreferentin für die Bereiche sozial-ökologische Transformation/Bewahrung der Schöpfung und Schul- und Unterrichtsentwicklung im Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen am Rhein.

In ihrer Freizeit genießt sie Wanderungen im Pfälzer Wald und lässt sich von einem guten Buch begeistern.

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