Richard Hartmann über eine wichtige Ressource, wenn Kirche eine Zukunft haben möchte
Ein krisenhafter Fachkräftemangel – so könnte man die Situation in der katholischen Kirche angesichts der rapide zurückgegangenen Zahl der Prieser und der deutlichen Nachwuchsprobleme sprechen. Weil diese Diskussion so plakativ ist, verdrängt sie auch die Aufmerksamkeit auf andere, vielleicht sogar wichtigere »Ämter« in der Kirche: Die Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Der Pastoraltheologe Richard Hartmann fordert in seinem neuen Buch, nicht nur Weiheämter neu zu denken, sondern eben auch den Ehrenamtlichen wieder neue Bedeutung und Aufmerksamkeit zu geben. Hier ein Auszug aus dem Buch.
Die ersten Ehrenamtsstudien Ende des 20. Jahrhunderts zeigen ein großes Spektrum des ehrenamtlichen Engagements, wobei immer geprüft werden muss, ob es sich um freies außerberufliches Engagement handelt oder ob ausdrücklich der »Amts«-Begriff mitgemeint ist. Gerade in den Kirchen engagieren sich etliche, die auch in anderen Bereichen der Gesellschaft aktiv sind. Es gibt jedoch zugleich Anzeichen dafür, dass Menschen im kirchlichen Engagement nur begrenzt Verantwortung übernehmen dürfen und sollen. Nicht wenige verstanden sich zumindest damals als »Helferin« oder »Helfer«; leitende und mitentscheidende Verantwortung war selten.
Nur Lückenbüßer?
Wenn dies heute möglich ist, zum Teil sogar gefordert wird, fürchtet ein Teil der Menschen, jetzt nur als Lückenbüßer gebraucht zu werden; andere erleben Druck und zeitliche Überforderung. Auch ist die Zuordnung der Kompetenzen zwischen freiwillig nebenberuflich Engagierten, hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Klerikern selten geklärt. Diese Unklarheit sorgt für Konflikte und Frustrationen. So sehr die Asymmetrien der verschiedenen Rollenträger erwartbar sind, so sehr ist es eine Herausforderung, diese möglichst auszubalancieren und strukturell zu einem guten Miteinander zu ordnen.
Wichtig für das Gelingen einer veränderten Mitwirkung in der Kirche und im Verkündigen der Reich-Gottes-Botschaft ist die Transparenz bei allem, was geschieht, und bei den handelnden Personen: Was sind die Ressourcen und Kapazitäten derer, die im Erwerbsberuf für die Kirche arbeiten – und vor allem: Wer hat die Kompetenz, die Schwerpunktsetzung zu bestimmen? Wie werden Repräsentationsaufgaben vergeben? Welche Informationsquellen stehen wem offen? Was sind die zeitlichen Ressourcen der Menschen, die sich neben ihrem Erwerbsberuf oder ihrer Care-Arbeit in der Kirche engagieren? Welche fachlichen und persönlichen Fähigkeiten und Charismen spielen zusammen? Wie wird es gelingen, eine Konzentration auf wirklich zentrale Aufgaben der Reich-Gottes-Verkündigung zu vereinbaren, wenn auf andere Tätigkeitsfelder, die traditionell besetzt waren, verzichtet werden muss?
Auch diese Konzentration muss synodal vorgenommen werden, sowohl nach dem Kriterium, wie zentral die Aufgabe für das Selbstverständnis der Kirche ist, als auch in der Wahrnehmung der vorhandenen Charismen und Interessen einzelner Mitwirkender. Das Wirken der Kirche kann und darf nicht in absolut formulierten »Pflichtaufgaben« zentral bestimmt sein. Es wird mitgeprägt durch konkrete Menschen, die durch die Geistkraft Gottes befähigt sind, die Herausforderungen im Hier und Jetzt anzunehmen und daraufhin zu handeln.
Wenn es gelingen soll, Kirche künftig mehr als bisher durch freiwilliges Engagement zu tragen, muss erst recht gesichert werden, dass die Aufgaben von vielen Schultern getragen werden und nicht alle Last auf ganz wenigen ruht.
So dankbar etliche sind, dass Menschen in ihrer Freizeit mit ihrer Kraft und Zeit Vieles tragen, so sehr kommt es darauf an, auch Rahmenbedingungen zu schaffen, dass solches während der Arbeitszeit möglich wird.
Die Gefahr der Überforderung
Den Diakonen mit Zivilberuf wird zugetraut, dass sie wöchentlich vier bis sechs Stunden für den kirchlichen Dienst aufbringen, wo immer und mit welchen Facetten dies auch geschieht. Das scheint mir ein realistisches Zeitbudget auch für andere zu sein. Damit wird erst recht klar, dass nicht jede und jeder alles allein tragen kann. Es stehen Entscheidungen an, was für welche Zeitdauer von wem getan werden kann – und worauf es zu verzichten gilt.
Oftmals sind es, trotz veränderter Rollenkonzepte, Frauen, die in der Kinderphase Verkündigungsaufgaben und liturgische Dienste in der Kinderkatechese übernehmen.
Leitungsverantwortung in Verwaltungsgremien können – so ihnen die notwendigen Informationen bereitgestellt werden – kompetente Menschen aus Rechtsprechung, Finanzen, Ingenieurwesen und Kommunikation leisten. Gerade Kommunikation, Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit wird auch in anderen Gremien gebraucht.
Immer ist jedoch achtsam zu klären, wer was zu übernehmen bereit ist, da manchmal das außerberufliche Engagement gerade ein Gegengewicht zur alltäglichen Arbeit sein soll. Die hauptberuflich Tätigen sind insofern Trägerinnen und Träger der kirchlichen Arbeit, dass sie Charismen fördern und begleitende Expertise einbringen. Sie prägen die verschiedenen Bereiche nicht mehr vor allem selbst, sind aber bereit, in Krisenzeiten für Entlastung einzustehen. All dies zeigt sich in einer guten Kommunikationskultur. So ordnen sich die Rollen in Arbeitsteilung, Organisationsfähigkeit und Professionalität.
Der Gemeinde- und Kirchenaufbau mit und durch Gemeindemitglieder lehrt auch – was vorher oft vertuscht war –, dass niemals alle »Aufgaben« (besser: Möglichkeiten) der kirchlichen Arbeit erfüllt werden müssen und können. Das, was getan werden soll, kann – in Unterscheidung der Geister – durch die Verantwortungsträgerinnen und -träger ausgewählt werden: im Blick auf die Charismen und Möglichkeiten aller Engagierten und im Blick auf die Hauptaufgabe, das Reich Gottes zu verkünden.
Buchempfehlung: Die Kirche und ihre Ämter
Dieser Text ist ein Auszug aus „Die Kirche und ihre Ämter neu denken“. Das Buch versteht sich als engagierter Zwischenruf in einer Zeit tiefgreifender kirchlicher Umbrüche. Richard Hartmann analysiert darin die Krise kirchlicher Strukturen und richtet den Blick insbesondere auf das Verständnis kirchlicher Ämter. Ausgehend von theologischen, historischen und pastoralpraktischen Überlegungen plädiert er für eine Neujustierung kirchlicher Verantwortung, die stärker von den Bedürfnissen der Gemeinden und den Herausforderungen der Gegenwart ausgeht. Dabei verbindet Hartmann kirchliche Tradition mit Reformperspektiven und fragt nach Formen von Leitung, Teilhabe und geistlicher Autorität, die zukunftsfähig sind.
Das Buch versteht sich nicht als endgültiges Konzeptpapier, sondern als Einladung zum offenen theologischen Gespräch über die Gestalt von Kirche heute. Ein pointierter Beitrag zur aktuellen Debatte um Reform, Verantwortung und Erneuerung in der katholischen Kirche.
112 Seiten, 13 x 21 cm, Hardcover
Patmos Verlag
ISBN 978-3-8436-1667-6








