Aufrecht und vor nichts knien, was nicht Gott ist – der Jesuit Alfred Delp und die Frage, wer zum „wir“ gehört
Im Januar 1945 sprach Roland Freisler vor dem Volksgerichtshof einen Satz aus, der den Konflikt genau benennt: Christentum und Nationalsozialismus fordern beide den ganzen Menschen. Der Jesuit Alfred Delp, geboren in Mannheim, bezahlte seine Antwort darauf mit dem Leben. Tobias Zimmermann SJ fragt mit Blick auf den Tag der Deutschen Einheit, was Delps Haltung heute bedeutet. Wieder wird laut darüber gestritten, wer zum „wir“ gehört.
Berlin, im Januar 1945. Vor dem Volksgerichtshof steht ein Jesuit, 37 Jahre alt, geboren in Mannheim, aufgewachsen in Lampertheim: Alfred Delp. Neben ihm Helmuth James von Moltke und andere aus dem Kreisauer Kreis. Roland Freisler brüllt, höhnt und unterbricht die Angeklagten ständig. Mitten in diesem Toben sagt Freisler einen Satz, der wahr ist. So schreibt es Helmuth James von Moltke, Freund und Leidensgefährte von Delp, seiner Frau Feya. So sagen es die Protokolle: „Nur in einem sind das Christentum und wir gleich: Wir fordern den ganzen Menschen.“
Warum die Bischöfe von „unvereinbar“ sprechen
Freisler begriff, was viele Christinnen und Christen damals und manche auch heute noch nicht begreifen wollen. Man kann nicht sonntags vor Gott knien und werktags vor der eigenen Volksgemeinschaft, der Abstammung, der rücksichtslosen Profitmaximierung oder vor „Führern“, die bedingungslose Gefolgschaft fordern. Man kann nicht Weihnachten die Menschenliebe Gottes feiern und den Rest des Jahres mit aufgeblasener Häme über Menschen herziehen. Man kann nicht an Ostern, einen Gott feiern, der sich aus Menschenliebe verletzlich gemacht hat, um anschließend Andersdenkende mit Hass und Gewalt zu bedrohen.
Die Bibel hat für all das ein starkes Wort. Und es klingt nur im ersten Moment altmodisch: Götzendienst. Weil, da, wo Dein Herz ist, da ist Dein Gott. Gott hat sein Herz bei den Menschen, ohne Ansehen der Person. Und deswegen gibt es in dieser Frage kein Grau. Du kannst nicht Menschen hassen und behaupten, Gott zu lieben. Deswegen haben die deutschen Bischöfe im Februar 2024 klar und einstimmig festgehalten: Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar. Unvereinbar. Da steht nicht: schwierig. Da steht nicht: spannungsreich. Unvereinbar!
Das Herz Europas
Der Nationalismus definiert das „wir“ durch Abstammung. Aber so funktioniert das Herz Europas nicht, hat nie so funktioniert. Wir lesen in zeitgenössischer Literatur, dass in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts jeder fünfte Berliner in Russland geboren war. Nur eines von vielen Beispiel. Und, wenn hier aus literarischen Gründen auch übertrieben worden sein mag – es waren vermutlich eher 15 % – entscheidend ist: Es wurde von den Berlinern nicht als Problem betrachtet und schaffte keinen Sozialneid, trotz Wirtschaftskrise. Man kommt fast notwendig zu „Säuberungsfantasien“, wenn sich das „wir“ im Herzen Europas über Abstammung definiert: Wer gehört wirklich dazu, und wer hat bloß den Pass?
Das Christentum ist für Nationalismus eh ungeeignet.
Paulus beschreibt die christliche Gemeinschaft so: Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie – ihr alle seid eins in Christus. Gerade skandieren Menschen wieder: „Wir sind das Volk!“ Lasst uns also genau hinhören, von welcher Art „wir“ hier die Rede ist. Ein “wir“ das wesentlich davon lebt, nicht wie „die da“, zu sein, wie die korrupten Eliten, die „Woken“ – was immer das sein mag – die im falschen Land Geborenen, die falsch Denkenden oder falsch Liebenden, so ein „wir“ kann sich nicht auf den Mann aus Nazareth berufen, der mit Zöllnern aß und der am Feind, am Samariter erklärte, wie Gott Menschenliebe versteht.
Jesuit geblieben bis zuletzt
Menschen wie Delp verkörpern das Herz dieses christlichen Humanismus, das Menschen liebt, weil Gott die Menschen liebt. Wir drohen dieses lebendige Herz zu verlieren, wenn wir liebäugeln mit Menschenhassern, und sei es nur, dass wir ihr Pöbeln und ihre Tiraden als Waffe des Protestes einsetzen. Delp kostete die Entscheidung, seinem Herz treu zu bleiben, alles. Die Gestapo bot ihm die Freiheit an, wenn er „nur“ den Orden verließe. Bleibst Du Deinem Herz treu oder wirfst Du es weg, wenn es schwierig wird? Delp legte am 8. Dezember 1944 in der Haftanstalt Tegel seine letzten Gelübde ab. Nach dem Urteil schrieb er: „Der eigentliche Grund der Verurteilung ist der, dass ich Jesuit bin und geblieben bin.“ Am 2. Februar 1945 wurde er in Plötzensee hingerichtet.
Was hat das mit dem Tag der Deutschen Einheit zu tun?
Delp und seine Freunde hatten überlegt, wie Deutschland nach Hitler aussehen sollte. Sie dachten es nicht als Festung. Sie dachten es als Teil einer europäischen Friedensordnung. Ein Blick auf die Landkarte gibt ihnen Recht. Deutschland hat neun Nachbarn, mehr als jedes andere Land in Europa. Wer neun Nachbarn hat, kann es sich nicht leisten, sich für etwas Besonderes zu halten. Dieses Land war dann stark, wenn es sich als Mitte eines vielfältigen, offenen und friedlichen Europa verstand: mit Handelswegen statt Frontlinien, mit Universitäten, an denen halb Europa zusammenkam, mit einer Musik, die bei Italienern, Franzosen und sogar Österreichern in die Lehre gegangen war.
Dieses Land hat sich und Europa ins Unglück gestürzt, sobald es sich abschloss, weil es sich selbst für grandios und für etwas Besonderes hielt. 1914. 1933. Am Ende lag nicht nur Deutschland in Trümmern, sondern die Welt.
Der 3. Oktober 1990 gehört auf die helle, die humanistische Seite unserer Geschichte. Die Wiedervereinigung kam wesentlich auch deswegen, weil europäische Nachbarn Ja dazu sagten, ja zu einem starken Deutschland im Herzen Europas; Völker, die aus ihrer Geschichte allen Grund hatten, ein großes Deutschland zu fürchten. Unsere Freiheit, unsere Demokratie und die Wiedervereinigung waren ein Geschenk, ein Geschenk der Menschlichkeit. Wir bekamen dieses Land wiedergeschenkt aus dem Geist eines großen Europas, das seine Stärke nicht zieht aus der Durchsetzung nationaler Interessen, sondern aus Vielfalt und Austausch, geduldigem Zuhören und Kompromiss. Der Papst hat uns eben aufgefordert, der Welt dieses starke Europa zu erhalten. Ja, es scheint, wir müssen heute wieder kämpfen um dieses offene, dieses menschenliebende, dieses starke Europa und seine christlichen Wurzeln.
Wer gehört zum „wir“?
Manchmal reichen Sätze, um auf den Punkt zu bringen, was die Geister zu scheidet: Am 25. September 2026 hat Angela Merkel in Augsburg den Elisabethpreis der Caritas bekommen. Die Laudatio hielt die Kabarettistin Sarah Bosetti. Sie sagte, Merkel werde für genau das geehrt, wofür sie von Vielen am meisten gehasst wird: für den Versuch, in einer Katastrophe menschlich zu bleiben. Und sie beschrieb Merkel als eine Frau, die das Wort „wir“ ausspricht und alle Menschen im Stadtbild meint. Über konkrete Facetten der Politik von 2015 dürfen wir streiten.
Aber wir sollten aufhorchen, wenn schon ein Satz wie, „wir schaffen das“ und der Versuch, Menschen in einer sehr konkreten Katastrophensituation beizustehen, zum Anlass für Hass wird.
Da ist es also wieder, dieses Wort „wir“, welches die Geister scheidet. Aber über das Wesen eines „wir“, für das wir Christen zu haben sind, lassen wir nicht mit uns handeln. Delp blieb dem „wir“ und seinem Herzen treu, das an diesem „wir“ hing.
Was braucht es dazu, heute, wo nicht gerade unser Leben, aber doch wieder viel auf dem Spiel steht?
Die Ilias erzählt von Odysseus und den Sirenen. Ihr Gesang ist schön. Sie kriegen jeden herum und auf den falschen Kurs. Und dann zerschellen die Schiffe. Um der Gefahr zu entgehen, lässt Odysseus sich an den Mast binden. Das haben wir in der Bundesrepublik nach 1945 auch getan: Wir haben uns gebunden – an die Würde des Menschen im ersten Artikel des Grundgesetzes, an ein Recht, das für alle gleich gilt, an Europa. Diese Bindungen sind unser Mast. Und die Sirenen singen wieder fleißig. Sie singen von echten Deutschen und von solchen, die nur den Pass haben, von „Remigration“ und sie verhöhnen und ätzen damit gegen Kolleginnen und Nachbarn, die mir persönlich ans Herz gewachsen sind. Sie gehören zu meinem „wir“ hier in Ludwigshafen. Und das lasse ich mir nicht ausreden, nur weil sie in Italien geboren sind, in Spanien, in Bulgarien, im Iran oder in Syrien, nur weil sie anders lieben, leben oder denken, als andere es für richtig halten. Die Sirenen singen volkstümelnd von Deutschland. Für manche klingt das offenbar nach Heimat. Aber es ist ein altes Lied. Wir wissen, an welchen Klippen es endet.
Delp hat mit gefesselten Händen aufgeschrieben, worauf es ankommt: „Brot ist wichtig, die Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten aber die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung.“ Unverratene Anbetung heißt: aufrecht stehen und vor nichts knien, was nicht Gott ist. Auch nicht vor der eigenen Nation.
Zu Teil 2 des Artikels
Foto oben: Alfred Delp SJ vor dem Volksgerichtshof in Berlin am 9. Januar 1945








