Die Passion der kleinen Dinge – warum wir heute eher keinen Widerstand, sondern mehr Gemeinsinn und Zivilcourage brauchen
Wer sich heute auf Sophie Scholl beruft, verwechselt oft Meinungsstreit mit Widerstand. Tobias Zimmermann SJ wirbt für den unscheinbaren Mut im Alltag. Er erinnert dazu an Alfred Delp, an Hamburger Polizisten im Jahr 1942 und an die Kerzen von Leipzig.
Es gib da diese Szene auf einer Demonstration vor dem Reichstag, wo eine junge Frau sich selbst in Pose wirft, eine Wiederverkörperung von Sophie Scholl in unseren Tagen. Irgendwie tragisch und vielleicht sollten wir der Frau ersparen, das zu erinnern. Andererseits: Es ist so symptomatisch für das, was im Moment passiert. Menschen missbrauchen in letzter Zeit gehäuft den deutschen Widerstand, um sich selbst Opferstatus zu verleihen und der eigenen Meinung Gewicht. Menschenhasser berufen sich auf Dietrich Bonhöfer und Sophie Scholl. Angeblich soll ihre Meinung unterdrückt werden.
Was Mut in einem freien Land bedeutet
In diesem Land zu seiner Meinung zu stehen, braucht Zivilcourage und manchmal richtig Mut. Davon können Reporterinnen und Reporter ein Lied singen, die wegen ihrer Berichterstattung massiv angegriffen und eingeschüchtert werden vom bräunlich-aktivistischen Umfeld einer Partei, die es nicht für notwendig ansieht, sich davon zu distanzieren. Lokalpolitiker werden bedroht, wenn sie sich nicht zu Handlangern degradieren lassen. Ich finde das unerträglich!
Aber selbst das ist noch weit von dem entfernt, was Widerstand in einem Land bedeutet, das freie Meinung verfolgt. Wir leben in Freiheit. Die freie Meinungsäußerung auf Demonstrationen wird von Polizei beschützt, auch bei den Gruppen, die der Polizei mit Gewalt begegnen. Mich macht die brutale Gewalt gegen Menschen, die unserem Staat dienen, fassungslos und zornig. Und doch:
Das ist die wirkliche Stärke dieser Demokratie, dass wir nicht zulassen, dass die Gewalttätigkeit der einen zum Vorwand wird, anderen das freie Wort zu verbieten, selbst dann noch, wenn wir uns fragen können, warum eigentlich in diesem Land so viele friedliche Demonstranten bewusst in Kauf nehmen, neben Gewalttätern zu laufen.
Zu Teil 1 des Artikels
Wir brauchen keine Superhelden
Jede Person will ihre Meinung sagen dürfen. Und weil dies so ist, muss jede Person auch andere Meinungen aushalten, Streit und klare Worte. Nichts davon aber eignet sich, um es mit „Widerstand“ zu betiteln. Wir brauchen keine Superhelden, sondern nur mehr Menschen mit ein klein wenig Hirn, um nicht jedem verschwörungstheoretischen Unfug nachzurennen; Menschen mit Charakter, die nicht für alles, was in ihrem Leben schief läuft, Schuldige suchen, und nicht ihre miese Laune an anderen auslassen; Menschen mit Zivilcourage ohne dümmlich-narzisstisches „starker Mann“-Getue.
Überhaupt haben Demokratie und Christentum eins gemeinsam: Beide vertragen sich nicht gut mit Heldengeschichten. Demokratie ist die Staatsform, welche die kleinen Menschen in den Mittelpunkt stellt. Deswegen eignet sie sich so gut für den Hohn ihrer Feinde, die starke Führer in großen Posen lieben. Deswegen kann ein russischer Despot so gut spotten, der Andersdenkenden nicht zuhören muss, sondern sie einfach niedertrampelt. Und Jesus eignet sich höchstens als Antiheld, und das aus Überzeugung. Man denke an den kleinen zerbrechlichen Esel, mit dem er in Jerusalem zur letzten Auseinandersetzung mit seinen Gegnern einreitet. Kein Machtmensch auf einem großen Pferd! Auch Delp war weder Bessermensch noch Held. Mitbrüder beschrieben ihn als schroff und rechthaberisch. In der Zelle hatte er Angst, und er hoffte bis zuletzt auf ein Wunder. Nach dem Todesurteil schrieb er: „Ehrlich und gerade: ich würde gerne noch weiterleben.“
Ganz normale Männer
Wenn wir Heldengeschichten lieben, dann deswegen, weil wir auch aus Gegnern so gerne Monster machen. Es entschuldigt so viel von unserer Feigheit. „Wir konnten uns nicht wehren.“ So hat Deutschland sich für Generationen die eigene Verantwortung vom Leib gehalten. So einfach war es aber nicht. Juli 1942, das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101. Hafenarbeiter, Handwerker, Angestellte, viele Familienväter, die meisten um die vierzig. Sie stehen vor dem polnischen Ort Józefów. Ihr Kommandeur sagt ihnen, was sie tun sollen: die jüdischen Frauen, Kinder und Alten erschießen. Und er sagt: Wer sich dem nicht gewachsen fühlt, kann vortreten.
Von knapp fünfhundert Männern treten etwa ein Dutzend vor. Ihnen ist nichts geschehen. Die anderen haben geschossen. Am Abend waren 1500 Menschen tot. Der Historiker Christopher Browning hat sein Buch darüber „Ganz normale Männer“ genannt. Ein Schritt nach vorn: Mehr war Widerstand an diesem Morgen nicht. Fast keiner ist ihn gegangen. Monster waren sie nicht. Sie wollten vor den Kameraden nicht als Feiglinge dastehen. So banal und so schrecklich!
Vom Mut zum Alltag
Auch heute braucht unser Land keine Helden, die aufräumen und es richten. Wir brauchen eher wieder etwas Demut, damit wir in aller Unterschiedlichkeit uns gemeinsam den großen Herausforderungen stellen, vor denen wir stehen. Und wir brauchen eine alltagsfähige Liebe und einen aufrechten Gang, der die kleinen Herausforderungen des Alltags besteht und nicht von großen Heldentaten träumt. Von diesem Mut zum Alltag schreibt Madeleine Delbrêl:
„Die große Passion, unser Leiden, das es zu durchstehen, unser Kreuz, das es zu tragen gilt: Einverstanden, wir warten darauf; wir wissen, dass es kommen wird, und es ist klar, dass wir es mit einer gewissen Größe durchstehen wollen.
Wir warten auf die Stunde des Opfers unserer selbst. Wir wissen, dass wir wie ein Holzscheit im Feuer verbrennen müssen. Dass wir wie ein Wollfaden, der von der Schere abgeschnitten wird, zerteilt werden müssen.
Wir warten auf die große Passion, aber sie kommt nicht. Was kommt, sind die kleinen Geduldsproben. Diese Übungen der Geduld, diese kleinen Partikel der Passion, deren Aufgabe es ist, uns ganz unmerklich sterben zu lassen zu deiner Ehre, sterben zu lassen ohne Eigenruhm.
Schon am Morgen suchen sie uns auf. Unsere Nerven sind angespannt oder gehen mit uns durch; der Bus ist voll; die Milch kocht über; die Kinder machen alles durcheinander; der Mann bringt Gäste mit; ein Freund kommt nicht; das Telefon läutet ununterbrochen; die, die wir lieben, streiten sich; man möchte schweigen und muss reden; man möchte reden und muss schweigen; man möchte ausgehen und muss daheim bleiben, und zu Hause bleiben, wenn man weg muss; man sucht im Mann eine Stütze, und er wird schwach wie ein Kind; das tägliche Einerlei ödet uns an, und wir sehnen uns nach all dem, was wir nicht haben können.
So treten die Geduldsübungen an uns heran, nebeneinander oder hintereinander, und sie vergessen immer, uns zu sagen, dass sie das Martyrium sind, das uns bestimmt ist. Wir aber lassen sie verächtlich vorüberziehen und warten auf eine Gelegenheit, unser Leben hinzugeben, eine Gelegenheit, die es wirklich wert wäre. Denn wir haben vergessen, dass es zwar Äste gibt, die im Feuer verbrennen, aber dass es auch Bretter gibt, die unter unseren Schritten ganz allmählich abgetreten werden und die schließlich zu Sägemehl werden. …
So sieht das Opfer aus, das wir zu bringen haben: die kleinen Übungen der Geduld.“ (In: Schleinzer, Annette (Hrsg.) (2. Aufl. 2010): Madeleine Delbrêl: Gott einen Ort sichern. Texte, Gedichte, Gebete, Gütersloh, 36–38.)
Kerzen statt Steine
Der Tag der Deutschen Einheit erinnert an einen Widerstand, der eine Diktatur zum Wanken brachte. Leipzig, 9. Oktober 1989. Siebzigtausend Menschen gehen nach den Friedensgebeten auf den Ring. Sie haben Angst, und sie haben Grund dazu. Helden sind auch sie nicht. Viele von ihnen waren Montag für Montag in die Nikolaikirche gegangen, als noch keine Siebzigtausend kamen.
Sie tragen Kerzen.
Wer eine Kerze trägt, braucht beide Hände: eine zum Halten, eine, um die Flamme zu schützen. Für einen Stein bleibt keine Hand frei.
Ein führender SED-Mann sagte später, man sei auf alles vorbereitet gewesen, nur nicht auf Kerzen und Gebete. Die Einheit, die wir heute feiern, ist aus dieser Haltung gewachsen: aus der Bescheidenheit vieler kleiner Schritte, in der alltäglichen Gemeinschaft von Menschen, die einfach nicht mitmachen wollten beim Spiel der Menschenhasser, lange bevor eine Mauer fiel.
Entschiedene Zuversicht
Unsere Passion ist die der kleinen Dinge. Sie beginnt morgen, Montag früh, wieder. Und was uns dabei vielleicht am meisten kostet, ist: Nicht den Sirenengesängen unseres eigenen Herzens folgen: Nicht der Stimme, die unseren Ärger nährt, weil sie uns einflüstert, wir würden zu wenig gesehen und „verdienten“ so viel mehr. Nicht der eigenen Angst, die uns lähmen und entmutigen will, weil es angeblich eh keinen Unterschied macht, wenn wir etwas tun.
Der Mast an den wir uns binden? Entschiedene Menschenliebe, weil Gott sein Herz an die Menschen verloren hat. Und entschiedene Zuversicht. Diese entschiedene Zuversicht sogar im Angesicht des Todes ließ Delp in der Haft mit gefesselten Händen schreiben: „Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.“








