Eine Liebeserklärung von Stefan Weigand an das Briefeschreiben
In unserer Welt, in der Messenger-Dienste den Kommunikationstakt bestimmen und Sprachnachrichten sich überkreuzen, fallen manche Dinge schnell aus dem Rahmen. Zum Beispiel Briefe. Sie machen sich inzwischen rar, sind (wenn handschriftlich geschrieben) aufwendig und alles andere als flink. Doch gerade das macht zu etwas, was uns gerade fehlt.
Weltliteratur – dazu gehören Dramen, Gedichte, Romane, Epen, Erzählungen, Kurzgeschichten … und Briefe! Schon die Bibel macht um diese Gattung keinen Bogen: Sie überliefert beispielsweise gleich mehrere Briefe, die der Apostel Paulus an verschiedene Gemeinden im Mittelmeerraum geschickt haben soll. Und es gibt epochenbildende Schreiben, wie etwas Kolumbus’ „Ersten Brief aus der neuen Welt“, den der Seefahrer im Oktober 1492 schrieb und der praktisch die Entdeckung Amerikas in Europa wie ein Lauffeuer verbreitete.
Manche gesammelte Briefkorrespondenz beeindruckt allein schon durch ihren Umfang: Die Briefe, die Teresa von Àvila im 16. Jahrhundert verschickte, füllen heute mehr als tausend Buchseiten; die Korrespondenz von Marcel Proust ist nicht weniger umfangreich. Aus den vielen anderen Briefen der Weltliteratur sticht natürlich noch der „Brief an den Vater“ hervor, den Kafka auf 103 handschriftlichen Seiten verfasste – und dann nicht in die Post gab.
Alles, was das Leben ausmacht
Nach dem Tod meines Großvaters haben wir die Schränke durchgesehen, die in der Wohnung standen. Und auf einmal sind wir auf einen dunkelblauen Karton gestoßen, in dem ein paar Bündel mit Briefen lagen. Aus ganz unterschiedlichen Zeiträumen kamen die Schreiben, das machten allein schon die Briefmarken und die Handschriften deutlich, mit denen die Umschläge adressiert waren.
Die Themen und Anlässe, von denen die Schreiben erzählten, waren ebenso vielseitig: Zarte Liebesbriefe und auch sorgenvolle Zeilen an meine Großmutter aus der Zeit, in der in Europa Krieg herrschte. Nachrichten von Todesfällen und Worte des Trostes, aber auch Briefe zu freudigen Ereignissen, etwa über die Geburt eines Kindes. Es waren sogar Briefe dabei, die ich selbst als Student meinen Großeltern geschrieben hatte. Auf einmal war das Bündel nicht nur ein Stapel Papier, sondern bewegende Geschichte von Menschen.
Machen wir uns nichts vor: Briefumschlägen, auf denen noch handschriftlich Name und Adresse geschrieben sind, begegnet man immer seltener. Große Sonderbriefmarken weichen immer mehr den gedruckten Kästen der Freistempler-Frankierungen. Und auch wenn sie sich hinsichtlich Form und Größe kaum von der üblichen Geschäftspost unterscheiden, fallen persönliche Briefe zwischen magentafarbenen Werbeflyern oder der nüchternen Geschäftspost vom Amt gleich auf. Ich weiß gar nicht, woran das liegt – vielleicht gibt es so etwas wie eine Aura, die handschriftliche Briefe umgibt. Und wenn, dann hat die einfach mit dem Verfassen zu tun.
Nimm den Aufwand in Kauf
Briefe schreiben bedeutet Aufwand. Also nicht von unterwegs eine Nachricht mit einem Fingertipp auf dem Smartphone verschicken, sondern überhaupt zunächst Briefpapier und Stift zur Hand zu nehmen. Ob schwungvolle Handschrift aus dem Füller oder auch mal eine eher schnell geschriebene Nachricht mit Kugelschreiber oder Fineliner: Allein die Schrift sagt manchmal mehr als Worte, nämlich ob der Autor unter Zeitdruck war oder eben Wert und Zeit für Sorgfalt aufbringen konnte.
Doch mit dem Schreiben und Adressieren sind Briefe noch nicht fertig. Der Absender muss sich auf die Socken machen und das Schreiben zum Postkasten bringen oder eben am Schalter abgeben. Und dann hoffen, dass der Umschlag auch ankommt. Ich kenne noch von früher die Luftpostumschläge mit der rot-blauen Musterung am Rand; das sind Zeugen, die zeigen: Manche Schreiben waren auch mal Wochen unterwegs, oder eben nur ein paar Tage, wenn die Reise auf dem Luftweg abgekürzt wurde. Ich bin überzeugt: All dieser Aufwand in der Form wird selbst zu einem Inhalt. Nämlich egal, was ein Briefeschreiber einem anderen mitteilen möchte – er sagt erst einmal: Du bist mir wichtig!
Jede E-Mail, jede Kurznachricht ist schneller, praktischer und einfacher. Und doch können sie Briefe nicht ersetzen.
Denn vielleicht ist es so, dass wir Briefe nicht nur für den Adressaten schreiben, sondern eben für uns selbst. Briefeschreiben ist so etwas wie ein Innehalten – man geht der Frage nach: Was ist eigentlich gerade von Bedeutung? Was ist unverzichtbar, was möchte man festhalten. Von welchem Gefühl wünscht man sich, dass es bleibt. So finden sich in Briefen Gedanken und Nachrichten, die so wichtig sind, dass sie auch in fünf Tagen, vier Monaten oder zehn oder fünfzig Jahren eine Bedeutung haben. Und vielleicht landet der ein oder andere Brief auch in einem Karton, um ein halbes Jahrhundert später Menschen zu berühren. Weltliteratur eben.
Wunder warten überall
Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch »Wunder warten überall.Die Wiederentdeckung der einfachen Dinge«
Wir brauchen nicht immer mehr, nicht einmal viel, sondern vor allem eins: das Richtige. Gerade durch die einfachen Dinge im Leben erfahren wir Klarheit und Ausgeglichenheit. Der Bleistift, der uns schon ein halbes Leben begleitet. Die selbst eingekochte Marmelade, die uns neu den Wert von Ernten und Jahreszeiten vor Augen führt. Der Spaziergang im Frühling, der Geruch nach Erde und das plötzliche Gefühl von Aufbruch.
Dieses Buch ermutigt mit sinnlicher Gestaltung, seinen Lebensstil auf das Wesentliche zu fokussieren und dem einfachen Leben neu zu vertrauen.
Fotos: © Stefan Weigand







