Über den Film, der das Leben von Ingeborg Bachmann erzählt
Ingeborg Bachmann im Kino. Was kann ein Bildmedium uns beibringen, wenn das Werk der Portraitierten aus Buchstaben besteht, aus Sprache? Frank Berzbach schreibt über den den visuellen Zugang zu einem anspruchsvollen literarischen Werk – und dessen Wirken auf der Leinwand.
Eine dokumentarische Seance
Die Schauspielerin Sandra Hüller ist überall, und nun auch im neuen Film von Regina Schilling, in dem aber Ingeborg Bachmann die Hauptdarstellerin bleibt. Er ist eine Reise durch Gedichte und Prosapassagen, Auszüge aus Dankesreden und Interviewschnipseln, die wir reichhaltig aus dem Mund der Dichterin selbst hören.
Die gekonnte Auswahl an Texten, ihre gut geschnittene Komposition und die Passung mit den Archivbildern sind in dieser Dokumentation meisterlich – sie vermitteln eben nicht nur ein Bild der Dichterin, sondern präsentiert poetische Puzzlestücke, die keineswegs aneinanderpassen wollen. Sandra Hüller agiert darin improvisationstheatralisch, ihre Auftritte sind stark, wie immer: Einfühlsam und «ohne Filter».
Die Sequenzen mit ihr als Bachmann stehen im Verhältnis zu den Originalbildern wie eine anspruchsvolle Illustration zu einem Text. Hier wird nichts einfach verdoppelt, sondern ihr Spiel setzt meist Originaltöne in Szene: die schwierigen und tiefen, schmerzlichen und genialischen Auskünfte der Dichterin über die Unmöglichkeit zu leben.
Früher Erfolg und langes Leiden
Es gib die kurze Reise durch die Zeiten des unerwarteten frühen Erfolgs: Die höchsten Literaturpreise für die junge Lyrikerin, ihr Gesicht auf dem Titel des Spiegel-Magazins, der Zuspruch durch die Kollegen der Gruppe 47 und des Publikums. Es gibt die Reise in den Schrecken der Zeitläufte und der Herkunft: Erfahrungen im Bombenkeller und den schon vor 1933 in die NSDAP eingetretenen Vater.
Wir bekommen Einblick in ihren lebenslänglich aussichtslosen Versuch, zu lieben. Er scheitert am komplizierten Paul Celan, der sich das Leben nimmt; am homosexuellen, daher unerreichbaren Hans Werner Henze. Es gelingen, zumindest halbwegs, einige Jahre mit Max Frisch, sie münden in der Trennung, die Ingeborg Bachmann in den gesundheitlichen Abgrund stürzen lässt.
Es gibt Beschreibungen von Höllentouren durch Krankenhäuser und die «satanischen» Aussagen von Ärzten, «das ist bei allen Frauen so … bald sind Sie wieder schön.». Wir hören Radio O-Töne von Marcel Reich-Ranicki, der in den 1960ern predigt, Frauen seien für die Literatur einfach nicht gemacht, für die Musik und Kunst auch nicht, sondern für sie sei «von der Natur anderes vorgesehen», auch wenn es Ausnahmen wie Droste-Hülshoff und die Bachmann geben würde.

Es ist eine Zeit, die schon für gesunde Seelen zahlreiche Alltagsschrecken bereithält, aber aus der Sicht einer kriegsversehrten, sensiblen Künstlernatur, einer Seherin, die viel größere Augen und Ohren hat als andere, formiert sie sich zur stillen Tortour. Egal ob tiefe Provinz in Klagenfurt, wo sie 1926 geboren wurde, in Wien oder Deutschland und selbst in Rom fällt sie aus Raum und Zeit. In ihrem freiwilligen italienischen Exil lebt sie in einer Wohnung, die ausschaut, als liege sie in Wien.
Den halben Film klingelt das Telefon, ohne dass sie abhebt.
Wir sehen die bewegende Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden; ein Saal voller blinder Männer, die teils die schwarzen runden Brillen tragen, wie die Gemälde von George Grosz sie zeigen (seine Darstellung der «Kriegskrüppel» vergisst man nicht) – und auch diese kleine Rede von Ingeborg Bachmann vor den Blinden wird man nicht mehr vergessen. Kann die Literatur «die Augen öffnen»?
Die Todesarten der Dichterin
Es gibt kein richtiges Leben für Ingeborg Bachmann: Ihre Zeit, ihr Unbehagen am eigenen Geschlecht, ihre überwache Wahrnehmung und ihre ausgeprägten Fähigkeiten zu fühlen verhindern Gemeinschaft und Zugehörigkeit. In einem Interview spricht sie über die Krankheit der Männer, «aller Männer, wissen Sie das denn nicht?», aber diese Aussage ist weit entfernt von gegenwärtigen Zuschreibungen der Schuld, von heutigem, manchmal leichtfüßigerem Popfeminismen – diese Diagnose geht sehr viel tiefer.
Bei Ingeborg Bachmann scheint kein Missstand allein dem Zeitgeist zu entspringen, sondern sie sammelt ihr vielfältiges Material, das beweist, dass im kollektiven Unbewussten, in der Archaik dieser Kultur, im tiefenpsychologischen Unbehagen seit Urzeiten etwas nicht stimmt. Das ist die Wahrheit, die sie als zumutbar bezeichnet hat. Die Einsicht in die Grunddissonanz, dass man als Mensch weder der Zeit, einer Gruppe, noch diesem Kosmos angehört, könnte eigentlich dazu führen, dass wir freundlicher miteinander umgehen, in Schicksalsgemeinschaft.
Vielleicht war es ein Trost für sie, dass der Tod kommen wird, zumindest danach wird es anders. Nur ließ sie nicht los, dass wir eben noch auf die eine oder andere Art sterben müssen – in ihrem einzigen Roman Malina, der nur der erste Band eines umfassenden Zyklus sein sollte, beginnt ihr «Todesartenprojekt».
Im Film sieht man Sandra Hüller in der Rolle der Dichterin einen Berg Zeitungen kaufen. Sie schneidet die zahlreichen Meldungen über Femizide aus, bis sie schließlich eine Sammlung hat – über die muss sie schreiben. 5000 Seiten davon fanden sich im Nachlass.
Nicht allein als Anklage und nicht nur als Gendertheorie, sondern als poetische Dokumentation einer grausamen Normalität, der zumindest sie nicht angehört, weil die Kunst und ihr Schreiben sie dazu in Distanz bringen kann. Wenn sie nicht schreibt, erscheint ihr die Welt fremd. Angst davor, ermordet zu werden, hat sie dennoch permanent.

Die Uneindeutigkeit einer Persönlichkeit
In einem Interview sagt sie, dass Resignation ihr völlig fern liege, und das glaubt man ihr, obwohl ihr brüchiges, langsames Sprechen, in dem kaum ein Satz zu Ende gebracht wird, eine Zerbrechlichkeit zeigt, die den Zuschauer einschüchtert.
Der Film lässt einen genauso wenig los, wie die Texte der Dichterin selbst, zumindest wenn man fähig ist, die zu lesen, sie auszuhalten, wenn man ahnt, woran sie wie stellvertretend gelitten hat. Nicht bagatellisiert werden ihre Alkohol- und Tablettensucht, der Film verehrt keine Heldin, kein Ideal wird aufgestellt und auch nichts pathetisch ins Dunkel gezogen. Durch Texte und Bilder spricht hier die Existenz selbst, der Film erklärt nichts, wie es in einem Bachmann-Gedicht auch heißt: «Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander durch jedes Feuer gehen. Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.»
Das Leben und schon gar nicht das Werk dieser Dichterin passen in einen Film, und man sieht dieser meisterlichen dokumentarischen Annährung an, dass die Filmemacherin Regina Schilling und auch ihre Hauptdarstellerin Sandra Hüller sich darüber im Klaren sind. Der Film ist eine große Bereicherung und öffnet Türen zum Verständnis, gibt Auskunft über eine Persönlichkeit, über die Kunst und Bachmanns inneres «Zeitalter der Extreme».
Während die gängigen Dokus und denkdünnen Biopics, egal ob zu Priscilla Presley, Amy Winehouse, Frieda Kahlo, Paula Modersohn-Becker oder Coco Chanel das Werk vernachlässigen und den Lebenslauf in eindimensionale Liebesgeschichten einschmelzen, zeigen uns Regina Schilling und Sandra Hüller: Es ist komplizierter! Nehmt Euch Zeit, sperrt die Ohren und Augen auf. Das ist, auch filmisch, zumutbar. Dabei wird auch historisch gedacht. Die Filmemacherin vermeidet, dass ein gegenwärtiger Jargon unbedacht auf die Vergangenheit projiziert wird. Der Film treibt einen ans Bücherregal oder in den Buchladen; am liebsten würde ich morgen gleich wieder ins Kino eilen, um ihn erneut zu sehen.
Den Trailer hier ansehen:
Fotos © Elliott Kreyenberg / Weltkino Filmverleih






