Johanna Rist

Transformation  

Was macht Wohlstand eigentlich aus?

Über den Preis einer Ananas, die Bewahrung der Schöpfung und die Frage, was Schule mit dem Wandel zu tun hat

Klimakrise, soziale Ungerechtigkeit, Zukunftsängste: Laut Johanna Rist hängen diese Krisen eng zusammen. Als Referentin für sozialökologischen Wandel im Heinrich Pesch Haus begleitet sie Lehrkräfte dabei, mit dieser Komplexität umzugehen – nachdem sie selbst den Schuldienst verlassen hat, um gesellschaftliche Veränderungen nicht nur im Klassenzimmer, sondern systemischer mitzugestalten.

Frau Rist, Ihr Titel lautet Referentin für sozial-ökologische Transformation und Bewahrung der Schöpfung. Ein langer Titel. Was steckt dahinter?

Johanna Rist: Eine ganzheitliche Herangehensweise. Wir brauchen systemische Ansätze, die nicht nur einen isolierten Punkt betrachten. Klimakrise, die Erosion der Demokratie, die psychische Erschöpfung vieler Menschen und fehlende Resilienz – das sind keine getrennten Probleme, das hängt alles miteinander zusammen. Ausgehend von dieser Ganzheitlichkeit müssen wir unsere Wachstumsmodelle überdenken und uns fragen, was Wohlstand eigentlich ausmacht.

Können Sie das konkret machen?

Johanna Rist: Nehmen wir eine Ananas im Supermarkt. Der Preis, den ich zahle, berücksichtigt weder die Emissionen, die beim Transport nach Europa entstehen, noch die fehlende soziale Absicherung von Erntehelfer*innen.

Ökologische und soziale Kosten werden externalisiert. Würde man sie einrechnen, müssten viele Produkte deutlich teurer sein. Sozial-ökologische Transformation bedeutet für mich, in Beziehungen zu denken – zwischen Menschen, zur Umwelt, zu vergangenen und zukünftigen Generationen. Man kann ökologische Nachhaltigkeit nicht ohne die soziale Frage denken.

Das Heinrich Pesch Haus ist eine katholische Akademie. Welche Rolle spielt die christliche Sozialethik in Ihrer Arbeit?

Johanna Rist: Da gibt es direkte Anknüpfungspunkte, vor allem über den Begriff der Bewahrung der Schöpfung. Der leitet sich schon aus dem Buch Genesis ab: Wir sind eingeladen den Garten zu bestellen, nicht ihn zu zerstören. Papst Franziskus hat das 2015 in seiner Enzyklika Laudato si‘ sehr grundlegend formuliert.

Er hat Umweltzerstörung und soziale Ungerechtigkeit untrennbar zusammengebracht. Mir gefällt daran: Ob man einen säkularen oder einen christlichen Zugang zum Thema wählt – man kommt am Ende beim Gleichen raus. Es geht darum, wie wir in Frieden und Wohlstand weiterleben können. Mir war dieser christliche Aspekt beim Thema Umwelt früher gar nicht so bewusst, aber es ist schön zu sehen, wie viel die Kirche hier als gesamtgesellschaftliche Akteurin bewirkt.

Sie waren bis vor Kurzem Lehrerin. Was hat Sie zu diesem Wechsel bewogen?

Johanna Rist: Ich war gerne Lehrerin – es war keine leichte Entscheidung. Aber ich wollte gerne tiefer in viele Themen einsteigen. An vielen Stellen habe ich mich im System Schule nicht wirksam gefühlt. Das fühlt sich jetzt anders an. Ich arbeite mit Menschen aus sehr unterschiedlichen Bereichen zusammen und lerne ständig neue Perspektiven kennen.

Und dennoch ist Schule nach wie vor ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Johanna Rist: Ein Teil meiner Arbeit gilt der Schul- und Unterrichtsentwicklung. Ich berate Lehrkräfte und Schulleitungen. Da merke ich: Es hilft enorm, das „System Schule“ von innen zu kennen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, von außen mehr bewirken zu können.

Was geben Sie Lehrkräften in Ihren Veranstaltungen mit?

Johanna Rist: Es geht mir nicht nur um die Vermittlung von Fakten. Es geht um Haltung. Lehrkräfte sind Vorbilder, sie werden mit enormen Erwartungen konfrontiert und sind gleichzeitig auch einfach Menschen.

Nehmen wir das Beispiel Klimakrise: Bei Jugendlichen sind damit handfeste Ängste verbunden. Und als Lehrkraft hat man darauf oft keine Antwort. Das muss man aushalten können.

Wie gelingt das?

Johanna Rist: Indem Schule ein Ort wird, wo genau solche Fragen Platz haben. Jugendliche wachsen in einer Welt auf, in der Nachrichten über Krieg und Umweltzerstörungen ungefiltert über Social Media auf sie einprasseln. Die Folge ist oft Resignation und gefühlte Handlungsunfähigkeit. Lehrkräfte können dem etwas entgegensetzen; Sie können Schüler*innen dabei begleiten, Komplexität auszuhalten, zu begreifen, dass es nicht immer eine einfache Antwort gibt – und echte Mündigkeit und Wirksamkeit zu erfahren. Das ist keine kleine Aufgabe. Aber eine sehr wichtige.


Johanna Rist

hat an der Universität Heidelberg Geschichte, Politik und Wirtschaft auf Gymnasiallehramt studiert. Nach ihrem Referendariat hat sie eine Weiterbildung zur Förderschullehrkraft für den Bereich Lernhilfe und Erziehungshilfe gemacht und war fast 10 Jahre im Schuldienst tätig.

Seit Juni 2025 arbeitet sie als Bildungsreferentin für die Bereiche sozial-ökologische Transformation/Bewahrung der Schöpfung und Schul- und Unterrichtsentwicklung im Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen am Rhein.

In ihrer Freizeit genießt sie Wanderungen im Pfälzer Wald und lässt sich von einem guten Buch begeistern.

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