Wie die Marte-Meo-Methode mit kurzen Videosequenzen Entwicklung sichtbar – und Veränderung möglich – macht
Was braucht es wirklich, damit Entwicklung gelingt? Keine aufwendigen Programme, keine besonderen Räume – manchmal nur eine Minute und einen genauen Blick. Die Marte-Meo-Methode arbeitet mit kurzen Videosequenzen aus dem ganz normalen Alltag und macht darin sichtbar, was sonst unbemerkt bleibt: gelingende Interaktionsmomente, die Kraft entfalten. Im Gespräch erklärt Marte-Meo-Supervisorin Sabine Herrle, warum „seeing is believing“ keine Floskel ist – und weshalb die Methode für Kinder, Eltern und Fachkräfte gleichermaßen trägt.
Marte Meo – das klingt nach einem Zauberwort. Was steckt dahinter, und wo ist der Unterschied zu anderen pädagogischen Ansätzen?
Sabine Herrle: Marte Meo wird oft als Methode bezeichnet, ist aber viel mehr! Durch die Reflexion anhand der Videosequenzen ist eigentlich immer auch eine Reflexion der eigenen Haltung verknüpft: Wie begegne ich der anderen Person? Welche innere Erwartung habe ich bezüglich des Kindes? Auf was stelle ich mich ein, wenn ich in eine bestimmte Situation gehe (z.B. Morgenkreis, Pflege, Frühstück, etc.)?
Mit Marte Meo knüpfen wir an den nächsten Entwicklungsschritt an. Wo der ist und wie das geht, zeigen uns die Bilder und das macht im Wesentlichen auch den Unterschied aus zu anderen pädagogischen Ansätzen. Marte Meo ist sehr praxisnah, es müssen keine besonderen Situationen geschaffen werden, um damit zu arbeiten.
Jeder Interaktionsmoment ist eine Gelegenheit und diese gibt es immer, sobald Menschen zusammenkommen. Es gibt so etwas wie die „verlorene Minute“ – das bedeutet, dass es im Alltag immer wieder eine Minute gibt, die ich für passgenaue Interaktionsmomente, in der Entwicklungsunterstützung möglich ist, nutzen kann. Ich muss lediglich die Achtsamkeit dafür haben und um die Bedeutung wissen.
Marte Meo ist also Methode und Haltung!
Gibt es überhaupt jemanden, für den das nicht funktioniert – oder kann wirklich jeder damit arbeiten?
Es gibt keine Ausschlusskriterien – außer jemand ist nicht bereit, Veränderungen zuzulassen und sich selbst dabei auch zu hinterfragen. Wir selbst nehmen ja Einfluss auf die Interaktion mit anderen. Ob in der Krippe, Kita, Schule, in der Arbeit mit Behinderten, im Demenzbereich – überall findet Interaktion und Kommunikation statt und somit ist die Methode in den pädagogischen, sozialen, psychologischen, pflegerischen Bereichen passend. Letztendlich in Beziehungen – ob privat oder institutionell!

Sie sprechen von der „Kraft der Bilder“ – was passiert da emotional mit den Menschen, wenn sie sich selbst auf Video sehen? Kommt nicht oft erstmal die Panik „Oh Gott, sehe ich wirklich so aus“?
Mitunter kann es zu Beginn zu Unsicherheiten kommen, da meist davon ausgegangen wird, dass anhand der Videoaufnahmen aufgezeigt wird, was man alles falsch macht. Aber dies entspricht in keinster Weise dem Ansatz von Marte Meo.
Es geht immer darum aufzuzeigen, wie eine Unterstützung für einen neuen/nächsten Entwicklungsschritt aussehen kann. Wird dies erkannt, schöpfen Beteiligte oft Zuversicht aus den Bildern, erleben sich selbstwirksam, genießen gelingende Interaktionsmomente und machen die Erfahrung, dass sie Einfluss nehmen können auf Situationen, die zuvor als anstrengend, stressig und/oder frustrierend erlebt wurden. Die Kraft der Bilder zeigt Möglichkeiten auf und orientiert sich an gelingenden Interaktionen und nicht am Problem.
Können Sie ein konkretes Beispiel beschreiben – eine Situation, die zunächst aussichtslos schien und durch den Blick auf das Video kippte?
Oh, da fallen mir gleich einige ein. Zum Beispiel berichtete eine Teilnehmerin eines Marte Meo-Kurses, Erzieherin in einer Kita, dass sie und ihr Team bezüglich der Verhaltensauffälligkeiten eines Kindes sehr überfordert waren und nicht mehr wussten, was sie noch tun konnten. Deswegen wurde ein „Runder Tisch“ mit verschiedenen Fachleuten unterschiedlicher Qualifikationen einberufen.
Ein Glück, sie hatte einen kurzen Clip von sich selbst und diesem Kind dabei. Nach der Analyse bekam sie konkrete Informationen zur weiteren Entwicklungsunterstützung für den kleinen Jungen. Nach circa drei bis vier Wochen kam die Erzieherin zum nächsten Weiterbildungstag und berichtete freudestrahlend, sie sei so glücklich, da sie und ihre Kolleginnen nun wissen, wie sie das Kind unterstützen können, die Verhaltensauffälligkeiten sich deutlich reduzieren und sie den „Runden Tisch“ abgesagt haben – dieser sei nicht mehr erforderlich!
Kinder, die andere schlagen oder einfach etwas wegnehmen; Vorschulkinder, die Lernmomente verweigern; Schulkinder, die keine Aufgabe selbständig erledigen können; aggressives Verhalten eines Bewohners im Wohnheim der Lebenshilfe; Hausaufgabensituationen die eskalieren. Wenn man versteht, dass jeder Interaktionsmoment eine Gelegenheit ist, gute Momente zu bauen und diese zu nutzen, um etwa Kooperation zu ermöglichen, Kontakt herzustellen, soziale Aufmerksamkeit zu erreichen – dann erlebt man sich selbst ja ebenfalls kompetent und selbstwirksam.

© Herrle
Wie sind Sie persönlich zu Marte Meo gekommen?
Ich selbst habe 2004 auf einem großen Kongress Maria Aarts, die Begründerin der Marte Meo Methode, gesehen und gehört und hatte circa ein halbes Jahr später die Möglichkeit, an einer zweitägigen Fortbildung mit ihr in einer kleinen Gruppe von rund 25 Personen teilzunehmen.
Nach diesen zwei Tagen wusste ich, dass ich diese Methode näher kennenlernen muss!! Ich war so begeistert zum einen von Maria Aarts, ihrer humorvollen, charismatischen, kompetenten Art und Weise, Marte Meo zu vermitteln. Zum anderen war ich völlig fasziniert und beeindruckt von der Arbeit mit den Videoclips – wie viele Informationen aus kleinsten Sequenzen herausgelesen werden können und hilfreich sind. Danach gab es kein Zurück mehr und ich startete meine Marte Meo-Ausbildung bei Maria Aarts in Eindhoven!
Gab es einen Moment, der Sie besonders geprägt hat?
Ehrlich gesagt, gab und gibt es viele davon. Immer wieder zu erfahren, wie wenig es mitunter braucht, um positive Entwicklungen zu erfahren und anhand der Bilder sichtbar werden zu lassen, das beeindruckt mich immer wieder sehr. Besonders geprägt hat mich möglicherweise, dass es mir möglich war, meine Marte Meo-Qualifizierung bei Maria Aarts in Eindhoven zu erhalten und nun seit Jahren mit der Methode erfolgreich in unterschiedlichen Bereichen zu arbeiten.
In der Pädagogik gibt es immer wieder Trends und neue Methoden – warum sollten wir gerade jetzt auf Marte Meo setzen? Welche Rolle könnte Marte Meo in der Zukunft der Pädagogik spielen?
Hoffentlich eine sehr wichtige, da es offensichtlich ist, dass der Bedarf vorhanden ist. Ob Kinder, Eltern, Fachpersonal – um sich selbstwirksam, kompetent, erfolgreich, in guter Verbindung und Beziehung zu erleben, dafür ist Marte Meo ausgesprochen geeignet.
Den Unterschied erlebt man durch die Bilder bzw. kurzen Videosequenzen, in denen gelungene Interaktionsmomente sichtbar werden. Es sind nicht nur Worte, Dialoge oder Interpretationen, sondern die Bilder sind objektiv. Es heißt: seeing is believing, also was ich sehe kann ich auch glauben. Dies ist gerade bei sehr unsicheren oder gar psychisch kranken Personen so wichtig, damit sie Zutrauen in die eigene Wirksamkeit entwickeln können.
Ein letzter Gedanke: Wenn Sie morgen früh einer überforderten Mutter oder einem erschöpften Erzieher einen einzigen Satz mit auf den Weg geben könnten – welcher wäre das?
Lerne Marte Meo kennen – um sich selbst, das Kind und Möglichkeiten der alltäglichen Entwicklungsunterstützung zu sehen, statt problemorientiertes Verhalten und die eigene Hilflosigkeit.
Das Gespräch führte Jana Sand.






