Odysseus

Sinn  

Odysseus, Batmans kleiner Bruder

Die Welt feiert die neue Verfilmung der «Odyssee». Aber war der antike Held ein US-amerikanischer Soldat? Oder wird er gar auf eine kleine Ausgabe von Batman reduziert? Frank Berzbach erhebt gegen Christopher Nolans Deutung des Mythos Einspruch.

Jede Zeit kennt ihre Deutung

Die Odyssee wieder zu verfilmen ist eine gute Idee. Die klassischen Stoffe der Heldenreise geben mehr her als die neuen, weil sie das Fundament unseres Erzählens überhaupt bilden. Und zu schauen, wie jede Zeit diese Urgeschichte für sich ausdeutet, akzentuiert und nachdichtet, gibt Auskunft über die Gegenwart. Obwohl mir einige Filme von Christopher Nolan gefallen, würde er auf meiner Bestenliste der Regisseure nicht stehen. Er sorgt meist nur so lange für Begeisterung, wie man nicht genauer hinschaut. Im Film selbst war man noch naiv zufrieden, wenn man das Kino aber verlassen hat, nicht mehr. Popcorn schmeckt manchen, aber es sättigt nicht und enthält keinerlei Nährstoffe. Insgesamt trüben Nolans Filme die Augen.

Nolans Odyssee hat mir drei kurzweilige Kinostunden beschert. Einfache Unterhaltung, aber schon einen Tag später trat mir die Amerikanisierung des griechischen Stoffes unschön vor Augen. Schaut man Nolans Batman-Filme, dann erscheinen sie nicht nur schlicht, sondern die werkübergreifend schwachen Frauenfiguren fallen auf, die Dialoge grenzen an denkdünnen Kitsch.

Nolans Odysseus ist weniger ein antiker Held, sondern ein spätmoderner harter Kämpfer. Er ist Stratege, hat ein Gewissen, er ist guten Willens und hat viele Muskeln. Dass er ursprünglich für seine Arroganz von Poseidon gestraft wird, dass ihm in jedem Kapitel der antiken Vorlage die Tränen fließen, im Film allerdings nie, da heult nur Penelope (dies aber sehr oft), das ist eine puritanische Verbürgerlichung der Geschlechterrollen, die mich stört.

Zudem ist dieser Odysseus überaus prüde. Schaut man selbst in die Nacherzählung der griechischen Mythen von Sarah Iles Johnston, der berühmten Philologin der Ohio State University, dann ist das ganz anders. Die Antike kennt weder das bürgerliche heteronormative Schema und schon gar nicht die bürgerlich-protestantische Sexualmoral. Man kann nachlesen, dass über sieben Jahre die schöne Kalypso Odysseus in ihr Bett bittet, und anschließend auch ein ganzes Jahr Kirke – die verwöhnt den Kämpfer derart, dass der gar nicht mehr nach Hause will. Erst seine Besatzung überredet ihn, doch wieder Richtung Penelope zu fahren – im Film ist davon keine Spur zu finden. Ganz im Gegenteil: Odysseus überredet die Besatzung, weil seine Gattin auf ihn wartet.

Kalypso ist bei Nolan ein fragiler, keusch-liebender Lifecoach, und Kirke eine asexuelle Hexe. Die schöne Nausikaa, die ihm ebenfalls sehr zugeneigt ist und auch er himmelt ihre Schönheit an, trifft er gar nicht erst.

Einzig stark ist das Verhältnis zu Athene, die im Grunde alles lenkt und die Rückreise überhaupt ermöglicht, allerdings liegt das an der großartigen Zendaya. Nolan sollte jedenfalls froh sein, wenn er echten Göttinnen nicht begegnet. Abweichungen von der Vorlage sind immer nötig, übertriebene Werktreue führt oft nur zu schlechten Filmen, aber Nolan fegt fast alles aus der Vorlage, was uns auch heute noch zu denken geben könnte. Und er macht aus den starken Frauen schwächliche Opfer. Warum nur?

Christopher Nolan (links) bei den Dreharbeiten (© Universal Pictures)

Die weinerlichen Göttinnen des Christopher Nolan

Sein Odysseus kennt keine sexuellen Freuden, er ist der prüde amerikanische Kämpfer. Das ist angesichts der übertriebenen Sexualisierung von Nymphen, Sirenen und Musen zwar einerseits erleichternd, keine dieser drei antiken Sagengestalten locken durch erotische Reize, aber andererseits bleibt ein Held übrig, der dem Idealtypus des weißen, US-amerikanischen, evangelikalen Soldaten entspricht: heult nicht, zieht kriegerische Männertugend den Sinneslüsten vor, er ist nicht verführbar, hat eine auf ihn wartende weinerliche Frau, ein pathetisches Verhältnis zum Sohn und ein schlechtes Gewissen, weil er in Troja einen Trick anwendet und das nicht gerade dem Fair-Play entspricht.

Wie immer in Hollywood: Kleinbürgerliches Familienidyll ist alles! Das schlechte Gewissen ist sicher keine Instanz der antiken Geschichten und auch posttraumatische Belastungsstörungen kennen diese Helden noch nicht.

Das kann man sich so wünschen, aber mit der Antike, mit Homer, generell mit Ilias und Odyssee hat das wenig zu tun. Der Film deutet Szenen, die in den Vorlagen gar nicht gewaltvoll geschildert werden, ins Horrorfilm-Metier um. Warum bloß? Und zugleich enterotisiert er alle Figuren, selbst die (Halb)Göttinnen, die Odysseus auch als sexuelles Wesen feiern und transformiert sie zu weinerlichen Feen, wartenden Witwen in spe oder zu Hexen.

Die im Film häufiger wiederholte ethische Regel, man solle zu Fremden freundlich sein, weil das immer auch ein Gott sein könnte (nicht der Nächstenliebe wegen!), läuft so ins Leere. Wer hat noch Angst vor diesen zögerlich-schüchternen Göttern? So wie Engel in der Bibel keine babygleichen Putten oder Hummelfiguren sind, sondern alle vor Angst erstarren, wenn sie auftauchen, so waren die antiken Götter und Göttinnen keine Sensibelchen. Man kann alles umdichten, künstlerische Freiheit, aber wer braucht die Antike als neoromantisch-prüdes Horrorfilmchen?

Odysseus als amerikanischer Comic-Held

Es geht überaus blutig zu, für die US-Kultur immer in Ordnung, und es geht nie lustvoll zu, als wäre das das größte Vergehen. Odysseus ist nun Batman in Sandalen (abzüglich der freiheitsliebenden Catwoman.) Etwas übertrieben könnte man Fragen: Würde Christopher Nolan, dessen Frauenfiguren immer schwach waren, auch Casanovas Memoiren als romantisches Gewaltmärchen verfilmen, ohne dass wir nackte Haut sehen? Die bleibt, wie weinende Männer, leider auch ihm sehr viel gefährlicher als abgeschlagene Köpfe.

Es wundert nicht, dass man mehr über das IMAX-Format des in Übergröße gedrehten Streifens spricht und weniger über den Film selbst; ich glaube, es handelt sich um ein Ablenkungsmanöver. Wer in Übergröße dreht, der hat etwas zu verbergen! Die größte Pizza ist selten die beste; der Film selbst ist kaum viel wert. Die Fans von Batman Begins (2005) werden allerdings glücklich sein. Dieser Odysseus dient einem Agamemnon, der an Darth Vader erinnert, man nimmt ihm nicht ab, dass er Griechenland jemals gesehen hat.

Am Ende der antiken Varianten der Geschichte um Odysseus wird der von Poseidon doch noch zur Strecke gebracht oder der Spätheimkehrer ermordet Penelope aus Eifersucht; selten happy ending. Bei Nolan segelt er frohgemut ins Exil … wahrscheinlich liegt er nun in Gotham an einem Pool, schon bald wird er als Batman wieder die Kriminalität bekämpfen …

Fotos: © Universal Pictures


Frank Berzbach

Jahrgang 1971, unterrichtet Literaturpädagogik und Philosophie an der Technischen Hochschule Köln. Nach einer Ausbildung zum Technischen Zeichner studierte er Erziehungswissenschaft, Psychologie und Literaturwissenschaft. Über Wasser hielt er sich als Bildungsforscher, Wissenschaftsjournalist, Fahrradkurier und Buchhändler. Er hat eine Vorliebe für Schallplatten und Bücher, Tätowierungen und Klöster. Kulturphilosoph, lebt und arbeitet als freier Autor in Köln. Zuletzt erschienen: Die Kunst zu glauben (2023) und Das Alphabet der Lebenskunst (2025).
www.frankberzbach.com

Foto: © Tristan Hachmeister

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