Tobias Zimmermann

ZIMMERMANNS MEINUNG

Macht euch doch nicht so klein!

Weder die klandestin verordnete Impfung noch all das Verschwörungsgeschwurbel sind eine gute Ausrede, um uns vor unserer persönlichen Verantwortung zu drücken

Impfpflicht, ein böses Wort, ein Eingriff in die Grundrechte! Ritualisiert muss deshalb inzwischen jedem Kommentar, der sich positiv dazu äußert, dass ein größerer Teil der Bevölkerung sich bald impfen lassen sollte, die Beteuerung vorangestellt werden, man sei natürlich gegen die Impfpflicht. Dieser Ausweis rechter moralischer Gesinnung darf ebenso wenig unterlassen werden, wie bei Kritik an Impfmaßnahmen die Versicherung, keiner rechtsradikalen Verschwörungs-Spinnersekte anzugehören. Bei bestimmten Reizwörtern ist das Gesprächsklima vergiftet.

Das aber ist kein Zufall. Es ist Folge der gezielten Unterwanderung von Protesten durch rechte Gruppen und Verschwörungstheoretiker. Sie wissen, dass sie mit ihren kruden Weltbildern dauerhaft nicht genug Menschen erreichen. Deswegen müssen sie fremde Debatten kapern. Die Inhalte sind ihnen im Kern völlig egal. Impfung? Egal! Wir färben sie antisemitisch und schon passt es wieder. Gegen diese Marken-Piraterie gibt es keine Impfung. Da hilft nur Abstand halten.

Was aber die Frage der Impfung betrifft: Es ist die erste Impfung meines Lebens, der ich mich unterziehen werde, nicht um mich, sondern um andere zu schützen. Denn das ist mein Alptraum: Selbst zum tödlichen Risiko für andere Menschen zu werden, bzw. durch Unterlassung andere Menschen aus dem sozialen Leben auszusperren, weil sie meiner Gesellschaft nicht trauen können. Ob ich, wenn ich Kinder hätte, diese jetzt schon impfen lassen würde? Ich denke, eher nicht.

Die Impfung ist ein Eingriff in den eigenen Organismus. Niemandem darf die Entscheidung und die Verantwortung erlassen werden, warum er oder sie den Eingriff vornehmen lässt oder nicht. Und egal wie Menschen sich entscheiden. Sie tragen die Verantwortung für die Folgen.

Darum geht es: Um Freiheit und Verantwortung. Wer fordert, nur geimpfte Menschen dürften in Zukunft am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, oder wer die eigene Verantwortung nach Vogel-Strauß Art einfach leugnet, weil das Infektionsrisiko durch Corona angeblich erfunden sei, der versucht nur Abkürzungen zu nehmen. Aber beides zeigt nur eines: Die Unreife für die Art erwachsener Freiheit, die uns unsere demokratische Ordnung abverlangt.


Der Kommentar ist eine Replik auf den Text von Klaus Mertes.


Tobias Zimmermann SJ

ist Priester, Pädagoge und Jesuit. Als Autor und als Mitbegründer des Zentrums für Ignatianische Pädagogik (ZIP), das er seit Oktober 2019 leitet, arbeitet Tobias Zimmermann an Projekten der Entwicklung der katholischen Schulbildung und Spiritualität, in der Schulentwicklung, im Coaching für Leitungskräfte und in der Fortbildung von Schulleitungen und Pädagogen. Seit Oktober 2019 ist er Direktor des Heinrich Pesch Hauses und wirkt mit an der Weiterentwicklung der Akademie im Bereich Online-Bildung, neue Schwerpunktthemen sowie an der Entwicklung der Heinrich Pesch Siedlung, einem Modellprojekt für soziale und ökologische Stadtentwicklung.

Foto: Stefan Weigand

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