Was die Kirche zur zerrissenen Republik beitragen kann
Der Kampf um die politische Mitte in Deutschland wird in der CDU und um sie herum ausgetragen. Die Partei steht heute vor einer doppelten Herausforderung. Auf der rechten Seite zerrt die AfD an ihr, auf der Gegenseite drückt die Linke (nicht nur DIE LINKE) auf sie.
Die AfD greift Anliegen der CDU auf und taucht sie in ihr völkisch vergiftetes Wasser ein. Die Linke verlagert die Brandmauer nach links, so dass Positionen rechts von links zu Positionen rechts von der Brandmauer mutieren. Weder die „Sorgen um die CDU“ von links noch die verführerische Mischung aus Hass und Werbung von Seiten der AfD vermögen der CDU in dieser Lage eine Richtung zu geben. Sie wird sich selbst sortieren müssen. Aber zugleich ist das mehr als ein Problem der CDU.
Die deutsche Gesellschaft steht insgesamt in einem Kampf um die Mitte.
Was kann denn eigentlich die katholische Kirche zu diesem Kampf beitragen? Ein Zurück in die Zeiten des Schulterschlusses zwischen katholischem Nachkriegs-Milieu und der CDU ist kein Thema mehr. Der alte Konsens – soziale Marktwirtschaft, antitotalitäre Abgrenzung, Westbindung, europäische Einheit, Versöhnung mit Israel – wurde inzwischen Teil der politischen DNA der gesamten demokratischen Mitte in Deutschland, mit gelegentlichen Abzweigungen, die dann aber wieder zur Mitte zurückfanden.
Konrad Adenauer gelang es mit seiner unnachahmlichen Mischung aus demokratischer Überzeugungskraft und pragmatischer Skrupellosigkeit, den ziemlich breiten deutschnationalen Rand der Nachkriegszeit sowie, nicht zu vergessen, die Vertriebenenverbände in die CDU hinein zu integrieren. Das wird heute mit dem neuen Rechtsextremismus so nicht mehr funktionieren.
Neue Gräben auch im katholischen Milieu
Die gesellschaftspolitischen Aufbrüche nach 1968, das Aufkommen der Friedensbewegung in den 80er Jahren, die neuen ökologischen Fragestellungen, der konziliare Prozess sowie die Fluchtbewegungen aus dem globalen Süden – das alles machte auch im katholischen Milieu Gräben auf. Nicht zuletzt die GRÜNEN profitierten davon und, unter anderen Voraussetzungen, die Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Die Gemengelage zwischen kirchlicher Hierarchie und demokratischer Mitte wurde auch nicht einfacher durch den Konflikt um die Schwangerschaftskonfliktberatung.
Wie sehr sich das katholische Milieu politisch differenzierte, zeigte sich dann auch von Wahlperiode zu Wahlperiode immer deutlicher an der Entwicklung im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Bereits vor dem Fall der Mauer pluralisierte es sich politisch.
Mit der deutschen Einheit 1989 verschwanden zwar zunächst einige Kontroversen. Umso mehr musste aber auch die Einheit innerkatholisch gefunden werden. Für diesen Diskurs standen nicht mehr nur und mehrheitlich CDU-Politiker-Ost wie Hans Joachim Meyer, sondern auch SPD-Politiker-Ost wie Wolfgang Thierse. Doch nun gibt es sie, eine in Teilen rechtsextreme Partei – ein neues Phänomen. Zur AfD gehören auch manche katholische oder aus der katholischen Kirche ausgetretene Politiker. Wie sehr diese Situation auch innerkirchlich die Diskurslage auf Dauer prägen wird, ist noch schwer abzusehen.
Riss in der politischen Mitte
Jüngst stach ein Ereignis im kirchlichen Leben heraus, das einen Riss in der politischen Mitte auch innerhalb der Kirche markierte: Der Austritt der CDU-Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer aus dem ZdK. Grund: die „Tonalität“ der Kritik am Abstimmungsverhalten der CDU-Bundestagsfraktion am 27.1.2025. Hier liegt ein Hinweis, der aufhorchen lässt: Das C in der Politik ist nicht bloß eine Note im Notentext unterschiedlicher politischer Positionen. Es ist der Notenschlüssel vor dem Notentext. Das C ist an dem Ton erkennbar, mit dem über unterschiedliche Positionen gestritten wird. Von diesem Ton lebt die politische Mitte, auch in der Kirche.





