Jana Sand Meinung

HIER SCHREIBT JANA SAND

Das kann doch nicht so schwer sein …

Warum der Verzicht auf soziale Medien bei Kindern und Jugendlichen vorausgesetzt wird und was Erwachsene davon eigentlich lernen müssten

Noch bevor der Tag richtig beginnt, bin ich längst mittendrin – im Strom aus Schlagzeilen, Bildern, Reels und Benachrichtigungen. Mein Alltag spielt sich nicht nur im Hier und Jetzt ab, sondern parallel auf einem leuchtenden Display in meiner Hand. Doch wann ist aus beiläufigem Scrollen ein Automatismus geworden? Und warum fällt es selbst uns Erwachsenen so schwer, das Handy einfach wegzulegen?

Der Wecker klingelt und mein erster Griff geht ganz automatisch an mein Handy. Was ist in der Welt passiert? Intuitiv öffne ich nach den Nachrichten auch die App Instagram und scrolle mich wild durch das Leben anderer Menschen. Ein anderes Beispiel: Ich sitze mit meinem Mann abends auf der Couch und wir schauen einen Film. Irgendwann macht er mich darauf aufmerksam, dass ich parallel auch auf mit meinem Handy beschäftigt bin. Ich fühle mich beinahe ertappt: Film schauen und Reels anderer Personen ansehen. Sozusagen eine doppelte Medienzeit. Doppelte Reizüberflutung.

Das schockiert mich irgendwann selbst. Wie viel Zeit mit diversen Apps an einem Tag verstreichen kann, merke ich bei der Kontrolle meiner Bildschirmzeit. Und stelle fest, dass ich dringend etwas ändern muss.

Dass dieses Verhalten nicht gut ist, weiß ich natürlich. In der Politik wird aktiv über ein Verbot der sozialen Medien für Kinder und Jugendliche diskutiert: Social Media-Verbot für unter 14-Jährige. Da bin ich grundsätzlich auch dafür. Allerdings reicht ein Verbot nicht aus. Altersangaben können leicht umgangen werden, hier müssen die Plattformen stärker in die Pflicht genommen werden und Jugendliche über die Suchgefährdung aufgeklärt werden.

Rauschzustand durch Medienkonsum

Soziale Medien sind nicht zufällig so schwer wegzulegen. Das Gehirn verfällt beim Konsum in einen Rauschzustand. Erwachsene haben eine deutlich höhere Impulskontrolle und können sich theoretisch dem Sog sozialer Medien leichter entziehen. Kindern und Jugendlichen fällt dies deutlich schwerer. Bei jedem neuen Bild, das erscheint, wird Dopamin ausgeschüttet und das Belohnungszentrum aktiviert. Diese Erfahrung habe ich auch als Erwachsene gemacht.

Doch auch für Erwachsene ist ein Loskommen von den Apps und ihrer Dopamin-fördernden Strukturen keinesfalls einfach. Und dies müssen sich Erwachsene bewusst machen – auch in der Diskussion um ein generelles Verbot von sozialen Medien.

Grund genug für mich, in der diesjährigen Fastenzeit komplett auf Instagram zu verzichten. Ich habe die App von meinem Handy gelöscht und muss nun über meinen Computer darauf zugreifen. Eine Hürde, die hoch genug ist, um spontane Scroll-Attacken zu verhindern. Anfangs war dies noch irritierend, mittlerweile eine echte Bereicherung, die ich auch nach der Fastenzeit weiter beibehalten möchte.

Vielleicht ist genau das die Pointe dieser Debatte: Neben der Debatte um Verbote für Kinder und Jugendliche, sollten wir lernen, das Handy selbst aus der Hand zu legen.


Jana Sand

Themen, die Familien und Fachkräfte wirklich bewegen zu erkennen und dann passgenaue Angebote für sie zu schnüren, dafür pocht das Herz der Diplom-Pädagogin. Die Leiterin der Familienbildung und Referentin im Zentrum für Ignatianische Pädagogik hat sowohl den direkten Kontakt zu Familien und organisiert Fachveranstaltungen und Qualifizierungen für verschiedenste Zielgruppen.
familienbildung-ludwigshafen.de

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