Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

Wie wirkt sich die Pandemie in Indien aus?

Armut ist für viele Bevölkerungsgruppen schlimmer als eine COVID-Erkrankung

Corona hat es geschafft, dass Indien hierzuladen endlich einmal wieder im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit steht. Das ist eine Gelegenheit, auch einmal wieder Stimme aus Indien zu hören. Es gibt ja keine Berichterstattung, die nicht perspektivisch geprägt wäre. Also sind die vielen Perspektiven so wichtig, insbesondere auch die des betroffenen Landes selbst.

P. Joseph Rajakumar SJ, Dozent an der Jesuitenhochschule in Neu-Dehli, ist so eine Stimme aus Indien. Das katholische Hilfswerk missio kündet einen Vortrag von ihm mit folgenden Worten an:

Was macht Corona mit den Ärmsten der Armen in Indien? … Eigentlich müsste Corona in den Slums, wo soziale Distanzierung und Masken die Ausnahme sind, hemmungslos wüten. Millionen von Slumbewohnern wohnen im Elend in kleinen Hütten, können keine Abstände einhalten oder Hygienemaßnahmen wie häufiges Händewaschen einhalten.

Dennoch hat überraschenderweise das Virus die Slumbewohner, Armen und Migranten nicht in dem Ausmaß getroffen, wie man es vermuten würde. Denn die weitaus größere Gefahr als das Corona-Virus ist die wirtschaftliche Armut, die durch Corona noch verschärft wurde. Dies betrifft neben den Slumbewohnern auch die Tagelöhner und die Bauern. Insbesondere die Tagelöhner haben gelitten, denn aufgrund des intensiven Lockdowns von April bis Juli 2020 erhielten sie keine Arbeit mehr und daher auch keine täglichen Löhne. In ihrer Verzweiflung begannen diese Migranten zu Fuß in ihre Heimatorte zurückzugehen.

Dazu kam der historische Protest von Bauern wegen kürzlich erlassener neuer Gesetze, die die Bauern wegen der damit verbundenen Beschneidung ihrer wenigen Rechte zu Millionen auf die Straße trieb. Trotz Corona und trotz Kälte protestierten sie gegen die neuen Gesetze der Regierung.

Gewiss: Die Verhältnisse in Deutschland und in Indien sind nicht vergleichbar. Aber genau das macht den Fokus unserer deutschen Berichterstattung über Indien in der Corona-Krise auch problematisch. Mir bestätigten das kürzlich indische Ordensfrauen, die hierzulande leben. Sie teilen den Blick auf ihr Land nicht, den sie hier in den Medien wahrnehmen. Vielleicht wäre es deswegen auch einmal gut, wenn wir mit indischen Augen auf die Situation in Deutschland blicken würden.


Vortragsempfehlung:

Der Vortrag von P. Joseph Rajakumar SJ findet am Donnerstag, 27. Mai 2021, von 18:00 bis 19:30 Uhr statt


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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