Kerstin Hofmann

HIER SCHREIBT KERSTIN HOFMANN

Wo sind eigentlich die Erwachsenen hin?

Warum Kinder Grenzen brauchen

Aufregung im Rülzheimer Streichelzoo: Kinder jagen Schafe mit Stöcken durchs Gehege. Die Tiere rennen panisch. Die Eltern? Greifen nicht ein. Keine Erklärung, kein Stopp. Nur sprachloses Zuschauen. Ein Vorfall, der mich seit dem Lesen der Rheinpfalz (21.3.2025) nicht loslässt. Denn er steht exemplarisch für etwas, das wir zunehmend beobachten: Erwachsene, die sich ihrer Verantwortung für das Verhalten ihrer Kinder entziehen bzw. sich nicht mehr für die Erziehung zuständig fühlen.

Natürlich ist es unangenehm, die eigenen Kinder in der Öffentlichkeit zu korrigieren – gerade wenn andere zusehen. Ich kenne diese Situationen aus unserem Familienalltag mit drei Söhnen zur Genüge. Aber sie können keine Ausrede sein, einfach nichts zu tun. Und zuschauen, wenn Kinder anderen (oder Tieren!) schaden? Das darf keine Option sein.

Eltern ohne Haltung – Kinder ohne Richtung

Aus meinem Umfeld höre ich ähnliche Erzählungen: Kinder, die im Hotelrestaurant toben, Hotelgäste aus dem Schlaf trampeln, Personal muss sich rechtfertigen – und Eltern, die wegsehen oder die Verantwortung bequem an andere delegieren. Dabei brauchen Kinder gerade in solchen Momenten eines: Erwachsene, die Haltung zeigen.

Grenzen setzen ist kein autoritärer Reflex, sondern Fürsorge. Kinder brauchen Struktur und klare Orientierung, um sich in der Welt zurechtzufinden. Nicht alles, was sie wollen, ist auch gut – für sie oder andere. Wenn niemand ihnen zeigt, wo ihre Freiheit endet, verlieren sie nicht nur den Respekt vor anderen, sondern auch die Sicherheit im eigenen Handeln. Sie müssen lernen, dass es Regeln gibt – und dass diese nicht nur für sie, sondern für das Miteinander gelten. Wer ihnen alles erlaubt, überfordert sie. Denn: Ein Kind, das alles darf, weiß nicht, was es soll.

Kinder brauchen Erwachsene, die nicht nur reden – sondern handeln.

Werte werden nicht gepredigt – sie werden gelebt

Das bedeutet nicht, dass Kinder zu kleinen Funktionären dressiert werden sollen. Es heißt: ihnen Respekt, Rücksicht, Ehrlichkeit und Mitgefühl vorzuleben – und bei Regelverstößen auch mal unbequem zu werden. Denn Werte werden nicht gepredigt, sondern gelebt.

Kinder lernen durch Nachahmung. Die Familie – und besonders die Eltern – sind ihr wichtigstes Vorbild. Wer Grenzen setzt und dabei selbst glaubwürdig bleibt, vermittelt mehr als tausend gut gemeinte Erziehungsratgeber.

Die Kunst der Erziehung liegt im Gleichgewicht: liebevolle Freiräume, ja – aber eben auch klare Regeln. Kinder, die beides erleben, wachsen zu Menschen heran, die Verantwortung übernehmen können. Und genau das brauchen wir in einer Gesellschaft, die nicht nur aus Zuschauern bestehen darf.

Erziehung ist kein Zuschauer-Sport. Wer Verantwortung abgibt, erzieht nicht – er lässt laufen. Doch genau das können wir uns als Gesellschaft nicht leisten. Es ist Zeit, dass Eltern wieder mutiger werden. Und sich trauen, einfach mal wieder „Nein“ zu sagen.


Kerstin Hofmann

ist Diplom-Pädagogin und Erzieherin. Nach ihrem Studium der Erziehungswissenschaften (Medien- und Betriebspädagogik) an der Universität Koblenz-Landau kam sie 2005 mit der Offensive Bildung der BASF SE (Projekt Qualität von Anfang an) ins Heinrich Pesch Haus und ist seit 2009 in der Familienbildung im Heinrich Pesch Haus verwurzelt. Ihre Schwerpunkte liegen u.a. im Bereich Frühkindliche Bildung, Qualifizierung von Sprachförderkräften, Erzählwerkstatt. Als Mutter von drei Jungs im Alter von 14 (Zwillinge) und 9 Jahren lebt sie das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Gemeinsam mit den Kindern die Welt entdecken ist ihr größtes Hobby, aber auch Aktivitäten in der Natur sind ihr wichtig.

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