Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

Im Spiegel des anderen

Warum Chinas Corona-Politik zur Selbsterkenntnis verhilft

In Zeiten des Ukraine-Krieges gehen Nachrichten aus China fast unter. Mit strengen Lockdowns versucht die Regierung dort, die Corona-Fallzahlen in Schach zu halten. Klaus Mertes meint: Die Politik Chinas betrifft auch deutsche Bürger.

Was ist eigentlich in China los? Lange Zeit galt die Corona-Politik in China als so vorbildlich, dass hierzulande sogar die Frage ernsthaft diskutiert wurde, ob Diktaturen nicht besser zur Pandemie-Bekämpfung geeignet wären als Demokratie und Rechtsstaat. Und nun dies: Vor dem Hintergrund der Zero-Covid-Strategie – die im letzten Jahr kurzzeitig auch bei uns von namhaften Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Gesellschaft gefordert wurde – erreichen uns Nachrichten aus Shanghai, die gruseln lassen.

Die brutalen Lockdowns führen kurzfristig zur Flucht all derjenigen Personen aus der internationalen Handels-Metropole, die dort bisher gute Geschäfte machen konnten. Gute Geschäfte sind eben nicht alles. Mittel- und langfristig steht der Westen vor der Frage, wie wünschenswert eigentlich die internationale Verflechtung durch Handel und Lieferketten aller Art überhaupt ist. Mag sich Globalisierung auf den ersten Blick ökonomisch „lohnen“, so birgt sie doch erhebliche Risiken, sicherheitspolitisch (siehe Russland), aber auch demokratiepolitisch, und irgendwann dann auch wieder ökonomisch.

Warum fährt das Regime in China diesen brutalen, ja suizidalen Kurs gegen das Virus? Ist es die Anmaßung zu meinen, man könne ein Virus wie Covid-19 vollständig unter Kontrolle kriegen, indem man noch mehr Distanz schafft, noch mehr testet, noch mehr nachverfolgt, noch mehr Daten sammelt? Ist es Panik, weil die Debatte über die umstrittene GOF-Forschung (GOF = Gain of function) in Wuhan nicht verstummen will? Ist Omikron bloß ein Anlass, um die Schrauben der Diktatur noch enger zu ziehen?

Kein Gespür für Ambivalenzen

Eindeutige oder gar einfache Antworten gibt es nicht auf diese Fragen. Aber wir sehen doch auch ein wenig in den Spiegel, wenn wir nach China schauen: Anmaßung, riskante Forschung, allerhöchste Erwartungen an Politik und Wissenschaft – all das geschieht zwar irgendwie im Namen guter Ziele, aber ohne Gespür für Ambivalenzen und Grenzen. Wir wissen doch aus leidvollen Erfahrungen des letzten Jahrhunderts: Aufklärung ist „dialektisch“ (siehe Adorno). Gefährlich wird es, wenn das in Vergessenheit gerät. Also: Schauen wir nach China, aber schauen wir dann auch wieder auf uns selbst. Kopfschütteln über die anderen ist zu wenig. Im Spiegel des Anderen können auch Selbsterkenntnisse gewonnen werden.

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