Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

Schuldig durch Mitgliedschaft?

Warum ein Kirchenaustritt keine Lösung ist

Am 13.6.2022, nach mehr als zwei Jahren Forschungsarbeit, stellte ein Team von fünf Historikern der Uni Münster ihre Untersuchung zu sexuellem Missbrauch im Bistum Münster vor. Von über 600 Opfern in der Zeit zwischen 1945 und 2020 ist seitdem die Rede. Neben dem eklatanten Versagen der Bistumsleitungen über Jahrzehnte hinweg wurden auch die weitergehenden Strukturen des Schweigens bis in die Gemeinden und Familien hinein deutlich.

Am Wochenende nach Veröffentlichung der Studie predigte ein Pfarrer in einer Gemeinde: „Ich bin Mitglied in einer Täterorganisation. Ich bin schuldig.“ In der Woche darauf erreichte mich eine Mail. Ein Gemeindemitglied meldete sich bei mir, bedrückt und resigniert: „Ich habe die Kirche so sehr geliebt. Jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich bleiben oder gehen soll. Wie kann ich Mitglied in einer Täterorganisation sein wollen?“

Ich schrieb zurück:

Danke für Ihre Mail und Ihr Vertrauen. Zunächst möchte ich Ihnen sagen: Ich stehe weiterhin zur Kirche und werde in ihr bleiben. Dass es sich so bei mir verhält, hat weniger mit Anstrengung „wider alle Hoffnung“ zu tun, sondern mehr mit meinem Dank für alles, was ich in der Kirche empfangen habe, und auch mit dem Auftrag, den ich spüre: An der Aufarbeitung mitzuarbeiten und dadurch – sozusagen nebenbei – auch alle zu ermutigen, die in ihrem eigenen sozialen Umfeld Missbrauch aufarbeiten müssen, wenn es dran ist. Rausgehen und die „Systeme“ sich allein zu überlassen, kommt für mich nicht infrage.

Ich verwende auch nicht das Wort „Täterorganisation“ für die Kirche. Dieser Begriff mag seine begrenzte Berechtigung im Rahmen eines juristischen Sprachspiels haben, wenn eine Organisation oder Institution unter Anklage steht. Aber unter einer „Täterorganisation“ verstehe ich im allgemeinen Sprachgebrauch eine Organisation, die zu dem Zweck gegründet wird, Verbrechen zu begehen, zum Beispiel die Mafia. Aber das trifft für die Kirche nicht zu, im Gegenteil: Das Schlimme am Missbrauch in der Kirche besteht ja gerade darin, dass er in einer Institution geschieht, deren Zweck ausdrücklich nicht das Verbrechen ist, sondern die Vermittlung von Schutz und Geborgenheit in der Liebe Gottes.

Man könnte sogar sagen: Von Kirche als „Täterorganisation“ zu sprechen, verharmlost das Widersinnige des Missbrauchs in der Kirche.

Die Verwendung dieses Begriffes in den innerkirchlichen Diskursen steht für mich also für die Verwirrung, für den toxischen Charakter des Missbrauchs, der nicht nur die Beziehung Opfer-Täter, sondern das ganze Beziehungsumfeld, die Selbstverhältnisse und dann auch die Aufarbeitungsprozesse selbst erreicht. Wer den Begriff „Täterorganisation“ verwendet, suggeriert jedenfalls, über eine Klarheit zu verfügen, die der Komplexität der Missbrauchstaten und der unterschiedlichen Ebenen der Vertuschung nicht gerecht wird.

Es reicht nicht zu gehen

Es fällt mir schwer zu verstehen, wie man nicht bloß von außen, sondern auch noch von innen heraus von „Täterorganisation“ sprechen kann und dabei wirklich meint, was man sagt. Wenn man zur Kirche gehört und erkennt, dass sie eine „Täterorganisation“ ist, dann reicht es nicht, zu gehen. Man muss sie dann vielmehr bekämpfen. Und was geschieht eigentlich, wenn das leitende Personal der Kirche zu dieser Sprache greift?

Mich befremdet die Aussage Ihres Pfarrers, und ebenfalls die Wortwahl des Kölner Weihbischofs beim Bußgottesdienst im Kölner Dom im Frühjahr dieses Jahres, gerade auch was ihr eigenes Selbstverständnis als Pfarrer oder Bischof betrifft. Was wollen sie Ihnen als Gemeindemitglied damit sagen? Ich teile ja die Erschütterung und Empörung über Verbrechen an Kindern und Schutzbefohlenen durch „Hirten“. Ich finde es auch richtig, dass man inzwischen in der Kirche gemerkt hat, dass es nicht okay ist, wenn sich die Kirche – nicht nur Päpste und Bischöfe, sondern auch Vertreterinnen und Vertreter von kirchlichen Verbänden und Reformgruppen aller Art – sprachlich auf die Seite der Opfer schleicht, um sich dann mit ihnen über die Täter und Vertuscher zu empören, wie das in den letzten Jahren oft geschehen ist.

Aber mit sprachlicher Selbstgeißelung ist niemandem geholfen, nicht Betroffenen, schon gar nicht denjenigen Betroffenen, die in der Kirche jetzt etwas suchen, was ihnen in ihrer Kindheit vorenthalten oder gar genommen wurde, und auch nicht den verwirrten „Systemen“ in Familien, Gemeinden, Schulen und Verbänden. Sprachliche Selbstgeißelung wirkt auf mich eher wie eine Art von institutioneller und auch spiritueller Selbsthinrichtung, um sich so doch wieder den Betroffenen zu entziehen, und auch der Hirtenaufgabe, der Fürsorge für die Schutzbedürftigen hier und heute.

Es geht nicht um mich

Und schließlich: Was bedeutet es, aufgrund von Mitgliedschaft in einer „Täterorganisation“ schuldig zu sein?

Bloße Mitgliedschaft allein, zumal dann, wenn man von Kindesbeinen an in sie hineingeboren wurde, macht nicht schuldig.

Wenn sich herausstellt, dass die Kirche tatsächlich eine „Täterorganisation“ ist, dann reicht es nicht auszutreten, um selbst unschuldig zu bleiben oder Unschuld zurückzugewinnen. Wenn das der Grund für Austritt ist, dann bin ich ja doch wieder nur bei mir selbst, und nicht bei den Anliegen der Aufarbeitung. Dann geht es mir wieder primär um mich, darum, selbst nicht schuldig zu werden. Aber bei der Aufarbeitung geht es gerade nicht um mich. Vielmehr ist diese „Angst um mich“, um meinen guten Ruf, um meine eigene Unschuld selbst einer der tiefsten Gründe für die Hermetik der Schweigespiralen und Vertuschungsdynamiken. Mit dem Austritt allein ist man also noch längst nicht der eigenen Anfälligkeit für Schweigen, Wegsehen und Vertuschen entkommen. Diese Anfälligkeit wird dann vielmehr wieder in anderen gesellschaftlichen Kontexten zu Zuge kommen.

Soweit meine Überlegungen zu dem Satz Ihres Pfarrers. Lassen Sie sich nicht entmutigen. Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Kirche kann gelingen. Ich werde weiterhin versuchen, meinen kleinen Teil dazu beizutragen.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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