MERTES’ MEINUNG

Positive Folgen von Corona?

Warum sich ein zweiter Blick lohnt

Corona hat auch positive Seiten. So geht es etwa mit der Digitalisierung voran – sagt Bill Gates. Das biete auch große Chancen für die Armutsbekämpfung. Hört sich gut an? Ja, aber da steckt noch mehr dahinter …

Der Microsoft-Mitbegründer Bill Gates hat auf dem Singapore-Fintech-Festival eine bemerkenswerte Rede über die „positiven Folgen der Corona-Pandemie“ gehalten (siehe faz.net, 8.12.2020). Kurze Version: Es geht mit der Digitalisierung voran. Super.

Neben dem Segen der Digitalisierung für Bildung, Telemedizin und Finanzen sieht Gates große Chancen für die Armutsbekämpfung. Seine Stiftung arbeite daran, zwei Dritteln der Weltbevölkerung in den nächsten Jahren Zugang zu einem Konto zu geben. So hätten dann auch die Armen die Möglichkeit, Staatsgelder ohne „Abzüge“ etwa durch Bestechung zu erhalten. Wie bitte? Auch autoritäre Regierungen schwärmen für die komplette Digitalisierung der Geldflüsse, weil sie so prima unkompliziert Zugang zu den Konten der Leute bekommen. Für die Banken wäre das Ganze auch ein großer Gewinn, und natürlich auch für Microsoft und andere Digitalkonzerne.

Für mich besteht eine positive Folge der Corona-Pandemie darin, aufmerksam geworden zu sein auf den neuen Typus global agierender privater Menschheitsbeglücker.

Ihre Legitimation kommt aus ihrem wirtschaftlichen Erfolg. Sie agieren (mindestens) auf Augenhöhe mit Staatschefs. Ihre Motive und Interessen zu hinterfragen gilt als ungehörig, weil sie unbestreitbar gute Ziele verfolgen. Denn wer wäre nicht gegen Pandemie- und Armutsbekämpfung? Trotzdem: Irgendwie verstehe ich besser, warum in den letzten Monaten die Nachfrage nach Klassikern wie Orson Welles oder Aldous Huxley sprunghaft gestiegen ist.


Klaus Mertes

Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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