Klaus Mertes SJ Kolumne

HIER SCHREIBT KLAUS MERTES

Lautstärke und Ratlosigkeit

Lehrerkräftemangel und der schwindende Glanz des Lehrberufs

Ein Großplakat mit der Aufschrift „HURRRAAA!“ fängt die Blicke der Flugpassagiere ein, die im Stuttgarter Airport zum Urlaub ins Flugzeug oder vom Urlaub aus dem Flugzeug steigen: „Gelandet und gar keinen Bock auf Arbeit morgen? Mach, was Dir Spaß macht und werde Lehrer*in“. Auf einem kleineren Plakat im Abflugbereich steht: „Kein Bock auf Deinen Job? Bloß weg hier? JUHUUU! Mach doch etwas anderes und werden Lehrer*in!“ Mit diesen und vergleichbaren Slogans will das Kultusministerium angesichts des Lehrkräftemangels Quereinsteiger anlocken. Seit dem Start am 17. Juli seien bereits 8000 Weiterleitungen über die Kampagnenseite auf die Website zur Lehrkräfteeinstellung verzeichnet worden, teilte eine Sprecherin des Ministeriums mit.

Ein Erfolg also?

Das Ministerium meint: Ja. „Man muss schließlich auffallen, und das tun etwa die Plakate. Das ist gut, und es funktioniert auch.“ Es funktioniert auch deswegen gut, so könnte man ergänzen, weil die empörten Reaktionen aus Lehrerverbänden und Lehrerkreisen das Geschäft der Aufmerksamkeitserregung mit befördern. „Deutlicher und niveauloser kann man die Geringschätzung des Lehrerberufes in Baden-Württemberg nicht ausdrücken. Die Verantwortlichen sollten sich in Grund und Boden schämen.“ – So schrieb etwa die Landesvorsitzende des Realschullehrerverbandes. Ich stimme ihr zu. Und es ist mir auch egal, ob ich mit diesem Bekenntnis das Interesse der Aufmerksamkeitserreger weiter bediene oder nicht.

Der Lehrkräftemangel ist ein tiefes, in langer Zeit gewachsenes Problem. Er hängt mit der schwindenden gesellschaftlichen Wertschätzung des Lehrberufes zusammen. Dabei geht es um mehr als Geld. Es geht darum, dass die Gesellschaft – wenn man mal vom Datum des „PISA-Schocks“ 2000 ausgeht – seit 23 Jahren von einer Panik-Attacke über den Zustand des Bildungssystems in die nächste Attacke taumelt; dass empirische Bildungsforschung die Sau namens Schule wiegt und wiegt und wiegt, aber sie dadurch nicht fetter macht; dass den Schulen ein gesellschaftliches Problem nach dem anderen aufgebürdet wird, ohne sie dabei personell und finanziell entsprechend auszustatten.

Schule ist kein Reparaturbetrieb

Bei immer mehr Lehrkräften selbst schwindet die Motivation für ihren eigenen Beruf, weil sie alles Mögliche machen müssen, vor allem Bürokratie, nur eines immer weniger, wozu sie eigentlich diesen Beruf ergriffen haben: Lehren. Der Berliner Bildungshistoriker Heinz Elmar Tenorth vermerkt dazu: „Lehrer wollen gestalten, nicht ständig reguliert und sanktioniert werden. Das würde dem Lehrerberuf auch wieder mehr Ansehen verschaffen. Ich schlage vor, dass Politik und Verwaltung ein Jahr lang mal gar nichts tun, sondern einfach nur den Schulen und Lehrern vertrauen. Es sollte keine neuen Maßnahmen und irritierende Interventionen geben, sondern nur Unterstützung, Förderung, realistische Zielvereinbarungen – und Entlastung. Was Schule heute leisten soll, ist völlig übersteigert. Die Schule ist nicht der Reparaturbetrieb aller Übel der Gesellschaft.“

Es ist ein Armutszeugnis für die Bildungsverwaltung, wenn sie zwar mit absurden Werbekampagnen für Quereinsteiger auffällt, aber nicht mit einem strategischen Konzept zur Überwindung der schwindenden Wertschätzung des Lehrberufes in Deutschland.

Die arrogante Reaktion auf den Protest gegen die Stuttgarter Plakataktion – man müsse auffallen, und das klappe ja – ist da nur ein weiterer Tropfen in das Geduldsfass von Lehrkräften. Eines Tages werden sie „keinen Bock auf meinen Job“ mehr haben und das auch der nächsten Generation gegenüber ausstrahlen. Wer will es der dann verübeln, dass sie diesen Beruf nicht mehr ergreifen will? Jedenfalls: Die Lautstärke der Kampagne hat symptomatischen Charakter für das Ausmaß der Ratlosigkeit der Verantwortlichen im Umgang mit dem Lehrberuf und dem Lehrkräftemangel. Sie sollten sich schämen.

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen ist der Spruch auf dem Plakat geändert – er heißt nun “Gelandet und gar keinen Bock auf deine jetzige Arbeit”.

Foto: © privat


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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