Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

Gravierende Gründe

Über die Reise des Papstes in den Irak

Der Papst reist für vier Tage in den Irak. Die Risiken, die sogar vom Vatikan selbst nicht verharmlost werden, liegen auf der Hand: Der Papst gefährdet sich und gefährdet auch Andere. Er begibt sich selbst in Gefahr. Er lädt zum Gottesdienst ein. Die im Irak verbliebenen Christgläubigen begeben sich in Gefahr, wenn sie der Einladung folgen.

Es gibt mindesten zwei Gefahrenquellen: Zum einen die Fanatiker, die die Gelegenheiten zu einer spektakulären Mordtat wittern könnten. Zum anderen das Virus. Massenzusammenkünfte erhöhen das Infektionsrisiko. Zwar ist der Papst selbst ein wenig mehr geschützt, weil er bereits geimpft ist. Aber diejenigen, die sich um ihn versammeln werden, sind es weniger oder gar nicht.

Irgendwann geht es nicht mehr

Das Dilemma der letzten zwölf Monate kommt hier auf den Punkt. In Zeiten der Corona-Pandemie ist ja jeder Mensch potentiell gefährdet und potentiell gefährdend. Daraus folgt, dass im Prinzip alle Abstand von allen halten müssen. Das kann man für eine gewisse Zeit durchhalten. Irgendwann geht es eben nicht mehr. Und es gibt Notsituationen, in denen es ohnehin gar nicht geht: Begleitung von Sterbenden, Pflege von Kranken, Intervention gegen Gewalt, Zusammensein von Kindern, und so weiter. Letztlich gilt es für das ganze Leben: Es gibt kein Leben ohne Risiken.

Es ist gut, Risiken ernst zu nehmen und sich gegenseitig zu schützen. Aber weder kann ich mich, noch kann ich andere vollkommen schützen. Wir Menschen sind miteinander auf Leben und Tod verbunden.

Die Gründe des Papstes dafür, in diesen Tagen in den Irak zu fahren, müssen gravierend sein.

Ein Blick in das jüngere Schicksal von Christgläubigen im Irak reicht, um das zu erahnen. Die Reise ist darüber hinaus aber auch ein Zeichen an den Globus. Ich weiß nicht, ob der Papst auch dieses Zeichen setzen wollte. Er nimmt es jedenfalls in Kauf: Das Abstandgebot ist auch in Pandemiezeiten ist keine absolutes, sondern ein relatives Gebot. Auch Infektionsrisiken müssen gegen andere Risiken abgewogen werden können und dürfen.

Jedenfalls: Ich respektiere die riskante Entscheidung des Papstes.


Klaus Mertes

Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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