Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

Die ausgestreckten Hände

Klaus Mertes über #OutInChurch

Kürzlich, am 24.1.2022, strahlte die ARD die einstündige Sendung „Wie Gott uns schuf“ aus. Auf der ARD-Mediathek kann man nachlesen: „Sie sind Priester, Ordensbrüder, Gemeindereferentinnen, Bistums-Mitarbeitende, Religionslehrer, Kindergärtnerinnen, Sozialarbeiter und vieles mehr. Hundert Gläubige outen sich und berichten von ihren Erfahrungen als queere Menschen in der katholischen Kirche.“

Die persönlichen Zeugnisse, die in der Sendung gezeigt werden, sind ergreifend. Es sind nicht zuletzt auch Glaubenszeugnisse. Hier sprechen Menschen, denen die Zugehörigkeit zur Kirche bestritten und der Zugang zum kirchlichen Dienst verweigert wird, die sich aber die Zugehörigkeit und den Zugang aus innerer Glaubensüberzeugung nicht nehmen lassen wollen. Sie brechen nicht mit der Kirche.

Auch ihr Outing ist kein Bruch. Brechen tun diejenigen, die das Outing als Bruch bezeichnen und darauf mit Ausschluss aus dem kirchlichen Dienst oder gar aus der Zugehörigkeit zur Kirche reagieren.

Wieviel Gewalt, wieviel Vernichtungsbereitschaft gegen queere Menschen in diesem Bruch liegt, das zeigt der Film auf bewegende Weise.

Seht ihr die ausgestreckte Hand?

Die Zeugnisse in dem Film klagen an, aber nicht in anklagendem Ton. Das macht die Anklage wiederum so pro-vokativ im ursprünglichen Sinne des Wortes: herausrufend, herausfordernd. Mehr noch: Diese Outings vollziehen gerade keinen Bruch – sie wirken auf mich viel mehr wie ausgestreckte Hände über den Graben, den gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der Kirche schlägt.

Nicht diejenigen, die diesen Graben sichtbar machen, schlagen den Graben, sondern die realen Mentalitäten und Verhältnisse in den arbeitsrechtlichen, sexualethischen und anderen Strukturen in der Kirche.

Seht ihr die ausgestreckte Hand? Das ist meine Frage an die Verantwortlichen, angefangen bei den Kita-, Schul- und Verwaltungsleitungen vor Ort bis hin zu den Höchstverantwortlichen in der Kirche. Und wenn ihr sie seht, dann: Ergreift sie, und sei es „nur“ so wie der einzige Bischof es tut, der in diesem Film bereit war, sich einem Interview zu stellen. Das ist nämlich jetzt ein „kairós“ (vgl. Mk 1,14), eine Gelegenheit. Gelegenheiten kann man, wie wir aus vielen Erfahrungen der letzten Jahre wissen, auch verpassen.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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