Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

Die ausgestreckte Zunge

Welche Auswirkungen ein einziges Bild haben kann

Das Bild wird nicht mehr verschwinden, auch wenn er Bundeskanzler werden sollte: Armin Laschet lacht und witzelt, während Bundespräsident Steinmeier den Opfern der Flutkatastrophe in Erftstadt sein Beileid bekundet. Besonders die ausgestreckte Zunge wird bleiben. Das Bild springt mir seit Tagen ständig aus allen Medien in die Augen. Ich entkomme ihm nicht. Da helfen auch alle Entschuldigungen nicht.

In einer Studie zur politischen Theologie des Mittelalters hat Ernst Kantorowicz das Bild von den beiden Körpern des Königs entwickelt, dem privaten und dem öffentlichen. In der heutigen Medienwelt lässt sich der private Körper hinter dem öffentlichen Körper kaum noch verbergen, im Gegenteil, die Inszenierung des Privaten gehört zum politischen Geschäft dazu. Was hinter dem inszenierten Privaten an wirklich Privatem verborgen ist, muss umso verborgener bleiben.

Laschet hat in einem entscheidenden Augenblick etwas wirklich Privates mitten in der Öffentlichkeit durchblicken lassen.

Was dieses Private war, weiß ich nicht und möchte ich auch nicht wissen. Ich stelle es mir nur vor, indem ich an eigene, vielleicht vergleichbare Fehlleistungen denke. Kürzlich habe ich zum 20. Juli im Hinrichtungsschuppen von Plötzensee gesprochen. Der Gottesdienst wurde gestreamt. Nachdem die Kameras aus waren, fühlte ich, wie der Druck dieses bedrückenden Ortes sowie der Konzentrationsdruck vor den Kameras von mir wichen. Beim Herausgehen machte ich vor der Tür zu einem Kameramann eine Schlabberbemerkung. Sofort fasste ich mich an den Mund und schaute mich um, ob die Kameras noch an waren. Sie waren es Gott sei Dank nicht.

Ein Bild für das kollektive Bewusstsein

Man mag es gut finden oder nicht: Politikern darf so etwas nicht passieren. Und wenn es doch passiert, dann ist der Preis sehr hoch. Armin Laschet wird mit diesem Bild leben müssen. Vielleicht wird es noch Jahrzehnte später bei einem Nachruf auf ihn gezeigt werden. Die Szene wird in das kollektive Bewusstsein der Republik einsinken. Das ist bitter, aber so sind die Gesetze in der Mediengesellschaft.

Mir persönlich tut das für Armin Laschet leid. Ich halte ihn für einen redlichen Mann, der ehrlich erschüttert ist über die schrecklichen Auswirkungen der Fluten. Es wird ihm aber wohl nichts anderes übrigbleiben, als sich gerade nicht gegen die Gesetze der Mediengesellschaft zu wehren. Denn je mehr er sich dagegen wehren würde, um so klebriger würde das Bild an ihm haften bleiben und entsprechend noch wirksamer werden.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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