Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

»Ein Zug, der in die falsche Richtung fährt«

Ein Brief über die Lage im Erzbistum Hamburg

Eine Freundin aus Hamburg schrieb mir liebe Grüße aus HH und fragte mich zum Erzbischof. Hier meine Antwort, zum mitlesen.

Liebe Anastasia,

vielen Dank für deine Fragen zu der Entscheidung von Rom, das Rücktrittsgesuch von Erzbischof Heße nicht anzunehmen. Du gibst mir damit die Gelegenheit, meine eigenen Gedanken zu ordnen. Ich versuche es also:

1.: Heute Morgen bin ich mit dem Bild aufgewacht, Mitfahrer in einem Zug zu sein, der in die falsche Richtung fährt. Da hat es dann wenig Zweck, in das hintere Zugabteil zu laufen. Vielmehr muss man die Richtung des Zuges ändern. Genauso wie ein Laufen im fahrenden Zug hat auf mich der Versuch von Kardinal Woelki gewirkt, mit Hilfe des Gercke-Gutachtens jahrelange Versäumnisse auf der Verantwortlichen-Ebene seines Bistums aufzuarbeiten. Das Gehrke-Gutachten hat ja tatsächlich einiges aufgedeckt, u.a. auch Versäumnisse des seinerzeitigen Kölner Generalvikars Heße. Aber es änderte im Ergebnis nicht die Gesamtrichtung des Zuges, der von einem Scheitern der Aufarbeitung in das nächste Scheitern weiterfuhr. Die Richtung des Zuges hätte sich auch im Falle einer Annahme der Rücktrittsbitte des Hamburger Erzbischof Heße nicht geändert. Deswegen hat mich die Frage, wie Rom in der Causa Heße reagieren würde, die letzten Monate relativ kalt gelassen.

2. Was ist die falsche Richtung, in die der Zug läuft? M.E. wird die entscheidende Frage nicht gestellt, oder doch nicht wirklich tief genug gestellt: Wie konnte es sein, dass die Verantwortlichen, besser: dass wir als Verantwortliche gar nicht verstanden haben, worum es ging, als sich Opfer von Missbrauch und/oder deren Angehörige bei uns meldeten? Rom argumentiert ja mit der Unterscheidung zwischen absichtlicher und nicht-absichtlicher Vertuschung: Weil Heße nicht absichtlich vertuscht habe, seien seine Fehlleistungen verzeihlich, und deswegen könne er im Amt bleiben. Nun ist es ja richtig, zwischen absichtlicher und nicht-absichtlicher Vertuschung zu unterscheiden ist (man könnte hier noch als Zwischenkategorie „fahrlässige Vertuschung“ einführen); Erzbischof Heße hatte sich ja schon im Frühjahr ausführlich darüber geäußert, dass er heute begreift, dass er damals nicht begriff. Aber: Es müsste doch Rom zutiefst beunruhigen, dass nicht nur Erzbischof Heße, sondern die Verantwortlichen in der Kirche insgesamt (Vatikan eingeschlossen) die Symptomatik von Missbrauch oder gar den offensichtlichen Missbrauch selbst gar nicht als solche erkannten, als die Gelegenheit dazu da war! Was machte uns fast alle blind und taub? Das ist doch die Frage! Und sind wir es jetzt vielleicht immer noch? Was müssen wir also bei uns ändern, um Blindheit und Taubheit bei uns zu überwinden, um aufmerksamer, feinfühliger und dann auch entschiedener zu werden im Intervenieren gegen Missbrauch geistlicher Macht? Und da kommen wir eben zu den strukturellen und systemischen Fragen. Gerade über die will Rom aber nicht reden. Und Kardinal Woelki auch nicht. Das ist und bleibt zutiefst beunruhigend.

3. Ich bleibe in dem Bild vom Zug: Das Gehrke-Gutachten ist der Versuch einer kirchenrechtlichen Aufarbeitung. Es ist also eine Bewegung innerhalb des fahrenden Zugs. Immerhin: Würde Rom die Ergebnisse dieser Untersuchung bestätigen und als Kriterien verbindlich machen, so müssten weltweit sehr Personalverantwortliche, Weihbischöfe und Bischöfe ihren Rücktritt einreichen, und der Rest könnte dann – problematischer Nebeneffekt – wie Kardinal Woelki seine Hände in Unschuld waschen. Deswegen stand und steht Rom angesichts des Gehrke-Gutachtens aber auch vor einem Dilemma, das Köln ihm mit dem Gehrke-Gutachten einbrockte. Jedenfalls: Rom hat sich nun entschieden, die festgestellten Verfehlungen als nicht schwerwiegend genug für die Annahme der Rücktrittsbitte zu bewerten. Damit gibt Rom, ob es das will oder nicht, das Signal in den leitenden Klerus weltweit: „Ihr könnt im Prinzip weitermachen wie bisher.“

4. Diese Entscheidung führt nun allseits zu großem Ärger, und nur bei wenigen zu Verständnis. Aber ich fürchte: Ärger und Verständnis bleiben mentalitätsmäßig im Zug. Es geht um Rücktritte, Rücktrittsangebote und deren Ablehnung. Rücktritte werden aber die Richtung des Zugs nicht ändern. Was bleibt, das ist, dass die Passagiere verunsichert sind, wütend werden, verzweifeln und sich untereinander spalten. Aber weil das alles mentalitätsmäßig im Zug bleibt, ermüden mich die vielfältigen Äußerungen von Ärger. Sie ändern nicht nur nicht die Richtung, mehr noch, sie sehen den Zusammenhang mit dem Richtungsproblem oft nicht oder nicht klar genug. Das gilt auch für jene innerkirchlichen Äußerungen, die monieren, dass die Entscheidung in Rom den Opfern nicht gerecht werde. Waren die Opfer denn bei dem Gehrke-Gutachten und bei den anschließenden Entscheidungen wirklich im Blick? Wurde Woelki etwa den Opfern etwa gerecht, als er über Schwaderlapp, Puff und Assenbacher den Daumen senkte, und über Heße indirekt gleich mit? Wollen denn die Betroffenen Rücktritte? Klar, es gibt Betroffene, die Rücktritte fordern, aber es gibt viele Betroffene, sie sich gar nicht für Rücktritte interessieren. Sie haben Themen, die ihnen wichtiger sind: Aufklärung, Entschädigung, Hilfe, Frieden mit der eigenen Biographie, Prävention.

Noch eine kurze Randbemerkung zum Zusammenhang von Rücktritt und Beziehung zu den Betroffenen: Ich kann mir schon vorstellen, dass der Rücktritt eines Bischofs als Zeichen der Übernahme von Verantwortung für Betroffene wichtig ist. Nur: So wie die Lage zurzeit ist, können Bischöfe ja gar nicht aus eigener Vollmacht zurücktreten, sondern nur ein Rücktrittsgesuch in Rom einreichen. Letztlich können sie also das Zeichen gar nicht setzen, das von Betroffenen dann auch wirklich als Zeichen definitiver Verantwortungsübernahme ihnen gegenüber gedeutet werden könnte. Die Kommunikation läuft ja zwischen Bischöfen und Papst, nicht oder nur im Kollateraleffekt zwischen Bischöfen und Betroffenen.

5. Schwierig finde ich es nun, in Hamburg von einem „Neuanfang“ zu sprechen. Da wird schon wieder zu viel verheißen. Ich würde eher raten, die Hausaufgaben zu machen und insbesondere dann aufmerksam hinzuhören, wenn Rufe in den Zug dringen, die auf die eine oder andere Weise darauf hinweisen: „Ihr fahrt in die falsche Richtung. Schaut doch mal in diese oder diese Richtung!“ Mich erreichte dieser Ruf im Frühjahr 2010. Die Betroffenen formulierten es zwar nicht so, aber zum aufmerksamen Hinhören gehört eben auch, das Gehörte zu deuten. Die Aufgabe der Deutung kann aber niemand den Verantwortlichen abnehmen, auch nicht die Betroffenen. Auch Betroffene können mentalitätsmäßig im Zug sein – oder sich vielleicht, drinnen oder draußen, gar nicht dafür interessieren, was im Zug los ist. Ich bin sicher, dass es sehr bald in der Erzdiözese Hamburg wieder Gelegenheit für den Bischof geben wird, hinzuhören, das Gehörte in eigener Verantwortung zu deuten und dann Entscheidungen zu treffen. Das wäre dann auch das, was ich unter „Hausaufgaben“ verstehe.

Herzliche Grüße, Klaus


Klaus Mertes

Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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