Klaus Mertes SJ Kolumne

MERTES’ MEINUNG

Ein Freifahrtschein für das Ende der Moral in der Politik

Kann die „Eucharistiewürdigkeit“ von Politikern geregelt werden?

Mit 168 zu 55 Stimmen (bei fünf Enthaltungen) hat sich die Mehrheit der katholischen US-Bischöfe dafür ausgesprochen, ein Lehrdokument zu erstellen, in dem die „Eucharistiewürdigkeit“ katholischer Politiker geregelt werden soll, die „sich nicht an die kirchliche Lehre der Abtreibung halten“ (KNA, 18.6.2021), genauer: die trotz des Kurses der Demokraten in der Abtreibungsfrage in der Partei bleiben, für sie kandidieren und Verantwortung in politischen Ämtern übernehmen. Prominenteste Beispiele: Joe Biden und Nancy Pelosy.

Der päpstliche Gesandte in den USA, Christophe Pierre, hatte vorher ausdrücklich vor dieser Zuspitzung gewarnt. Es gehe nicht darum, „Recht zu behalten“, bemerkte er. Der Washingtoner Kardinal Wilton Gregory hatte gleichfalls deutlich gemacht, dass er keinen Anlass sehe, Biden die Kommunion zu verweigern. Robert McElroy, Bischof von San Diego, hatte kritisiert, dass die Eucharistie „zu einem politischen Werkzeug“ gemacht werde. Sollte das angestrebte Dokument auf der Herbsttagung mit dieser Mehrheit verabschiedet werden, dann ist damit zu rechnen, dass der Vatikan eher nicht zustimmen wird. Davon gehen jedenfalls viele Beobachter aus.

Der Vorgang ist bemerkenswert.

Es geht ja nicht um den Streit darüber, ob Abtreibung Tötung unschuldigen menschlichen Lebens und somit ethisch falsch sei – oder eben nicht. (Joe Biden hat sich dazu mehrfach im Sinne der katholischen Lehre geäußert.) Vielmehr geht es um die Frage, ob es für einen katholischen Politiker oder eine katholische Politikerin verboten sein soll, in einer Partei mitzuwirken, die sich die katholische Position zur Abtreibung nicht zu eigen macht. Nebenbei bemerkt:

In Deutschland genügen alle im Bundestag vertretenen Parteien nicht diesem Anspruch.

Jedenfalls: Wenn sich tatsächlich alles an der einen Frage entscheidet, dann ist das paradoxerweise gerade ein Freifahrtschein für das Ende der Moral in der Politik. Alle anderen, ebenfalls nicht verhandelbaren Grundsätze der katholischen Lehre könnten dann für Katholiken Gegenstand eines Deals werden – wie es ja im Verhältnis zu Donald Trump auch der Fall war. Man kann nur hoffen, dass der Vatikan das nicht zulässt. Und es bleibt in jedem Fall die Trauer darüber, dass es so weit kommen konnte.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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