Klaus Mertes SJ Kolumne

HIER SCHREIBT KLAUS MERTES

Aussätzig sein

Die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) verzeichnet 380.000 Kirchenaustritte, so viele wie noch nie in einem Jahr. 2021 waren es 280.000 Austritte, 2005 120.000. Als Treiber für die Steigerungen wird von Religionssoziologen nicht zuletzt die Debatte um sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche benannt. Sie beschädigt auch das Vertrauen in die evangelische Kirche. Da steht mir als katholischem Christen „die Schamesröte im Gesicht“ (Dan 9,8).

Reinhard Bingener kommentiert dazu in der FAZ (8. März 2023, Seite 8): „Die evangelische Kirche hat die Chance verpasst, sich von diesem klerikalen Sumpf (gemeint: in der katholischen Kirche – KM) rechtzeitig zu distanzieren und mit besserer Aufarbeitung zu überzeugen.“ Dieser Satz tut weh. Wegen des Wortes „distanzieren“ – wie man sich eben von einem Aussätzigen distanziert, um nicht infiziert zu werden.

Ich kenne es, dieses Gefühl, aussätzig zu sein, wenn man sich daran beteiligt, in der eigenen Schule, im eigenen Orden oder in der eigenen Kirche sexualisierte Gewalt aufzuarbeiten. Das geht nämlich gar nicht, ohne sich dazu zu bekennen, dazuzugehören, und zwar gerade nicht als der „goody“, sondern als einer, der Anteil hat am Aussatz.

Der Preis der Stigmatisierung

Zu den bittersten Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren seit 2010 machen durfte, gehört die Abwendung – manchmal von heute auf morgen – von befreundeten Organisationen, langjährigen treuen Spendern, staatlichen Partnern und anderen mehr.

Das ist aber nur die Rückseite der beglückendsten Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren ebenfalls machen durfte: diejenigen, die sich neben „mich“ mit meinem Aussatz stellten, angefangen damals mit den Schülerinnen und Schülern des Canisiuskollegs in Berlin. Sie begriffen, dass man sexualisierte Gewalt in Institutionen gar nicht aufarbeiten kann, ohne den Preis der Stigmatisierung der Institution zu zahlen, für längere Zeit. Sie zogen am Tag nach dem ersten Schock die CK-T-Shirts an und zeigten so ihre Solidarität mit der aussätzigen Schule.

Dasselbe gilt für die Solidarität von vielen evangelischen Glaubensgeschwistern bis hin zu Bischöfinnen und Ratsvorsitzenden, die wir in der katholischen Kirche von Anfang an erfahren durften: keine Häme, kein Bah-Effekt, keine Sorge um das eigene Image, wenn man sich neben „uns“ stellte. Diese Erfahrung hat mein Bewusstsein von Ökumene vertieft. Dafür bin ich dankbar.

Und das soll jetzt ein Fehler gewesen sein? Nicht rechtzeitig distanziert? Nein, hier kommentiert genau der Geist jenes Institutions-Narzismus, der zur toxischen Struktur von Missbrauch, Vertuschung und Scheitern von Aufklärung führt.


Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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