Burkhard Hose

Versöhnung  

»Unsere Offenbarung ist kein statisches Gebilde«

Burkhard Hose über eine tolerante Kirche, Utopien und seine Motivation

Burkhard Hose setzt sich seit mehreren Jahren dafür ein, dass Kirche offener, toleranter und zukunftsfähig wird. Im Januar 2022 war er ein Gesicht von #OutInChurch, die Initiative setzt sich für die Gleichberechtigung von LGBTIQ+-Personen in der katholischen Kirche ein. Zu seinem neuen Buch „Verrat am Evangelium? Für eine Kirche, die sich zu den Menschenrechten bekehrt“, das im September 2022 im Vier-Türme-Verlag erscheint, haben wir den Autor interviewt. Ein Gespräch über seine Motivation, Utopien und Diskriminierung.

Der Titel Ihres Buches klingt provokant. Welche Menschenrechte genau, meinen Sie, sind in der katholischen Kirche noch nicht umgesetzt?

Während zum Beispiel das Menschenrecht auf Religionsfreiheit tatsächlich im II. Vatikanischen Konzil verbindlich festgeschrieben wurde, werden andere Menschenrechte in der Kirche immer noch verletzt. Menschen werden wegen ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer geschlechtlichen Identität systematisch abgewertet und benachteiligt. Die Aufdeckung der Missbrauchsverbrechen hat zu Tage gefördert, in welch erschreckendem Ausmaß selbst das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit institutionell missachtet wurde und wird.

Tritt die katholische Kirche „nach Außen“ immer wieder für die Achtung der Würde aller Menschen ein, bleibt sie dies in ihrem Inneren oft genug schuldig. 

Das, was die Mitte der Botschaft Jesu ausmachte, nämlich Nächstenliebe, Gewaltlosigkeit und Parteinahme für die gesellschaftlich Benachteiligten, wird durch jede Menschenrechtsverletzung in der Kirche pervertiert und verraten.

Bereits 1999 forderte Marianne Heimbach-Steins, heute Professorin für Christliche Sozialwissenschaften in Münster, in einer Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz zum Weltfriedenstag die „Bekehrung der Kirche zu den Menschenrechten“. Sie machte schon damals darauf aufmerksam, dass die Grundidee der Menschenrechte, der Schutz der menschlichen Würde, dem christlichen Verständnis vom Menschen entspreche. Der Titel meines Buches knüpft im Sinne eines Weckrufs an diese Gedanken an.

Wieso tut sich die Kirche so schwer mit den Menschenrechten?   

Die Idee der Menschenrechte beinhaltet, dass die gleiche Würde gleiche Rechte zur Folge haben muss, die auch einklagbar sind. Bis heute hat der Heilige Stuhl die Menschenrechtscharta nicht unterzeichnet.

Immer noch hält man formal an der traditionellen Lehre fest, dass die kirchliche Rechtsgrundlage göttliches Recht sei, das man nicht menschlichem Recht unterordnen dürfe

Seit Jahren fordern viele Stimmen, auch innerhalb der Kirche, dass der Vatikan diese Position korrigiert und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sowie die Europäische Menschenrechtskonvention unterzeichnet. Dann gerät die Kirche allerdings in Schwierigkeiten mit ihrem Wahrheitsanspruch. Sie müsste Teile ihrer eigenen Lehre, die zum Beispiel gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen, korrigieren.

Dass dies grundsätzlich möglich ist, hat Papst Franziskus schon einmal bewiesen, als er 2018 den Abschnitt im Katechismus ändern ließ, der die Todesstrafe grundsätzlich als Möglichkeit erlaubte. In der Begründung für diese Änderung der Lehre verwies der Papst darauf, dass sich das Bewusstsein der Gläubigen verändert habe, die Todesstrafe die Menschenwürde verletze und dem Evangelium widerspreche.

Sie schreiben, dass sich auch die kirchliche Sprache ändern muss. Was heißt das in Bezug auf die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle?

Sprache ist ein menschenrechtliches Thema. In einem engeren Sinn bedeutet das: Eine ausgrenzende und diskriminierende Lehre produziert auch eine ausgrenzende und diskriminierende Sprache. Es würde im Umkehrschluss nicht genügen, alle kirchlichen Verlautbarungen künftig in gendergerechter Sprache zu verfassen, es in der Lehre aber beim Alten zu belassen.

In der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle machen wir mit der kirchlichen Sprache noch eine weitere Erfahrung: Kirchliche Stellungnahmen, Mitleids- wie Betroffenheitsbekundungen sowie Schuldbekenntnisse bleiben häufig in ihrer sprachlichen Sonderwelt gefangen und sprechen manchmal sogar bewusst verschleiernd über Missbrauchsverbrechen und Diskriminierung. Das geht hin bis zur sprachlichen Täter-Opfer-Umkehr, wenn zum Beispiel davon die Rede ist, wie sehr die Kirche oder Amtsträger unter dem Missbrauch zu leiden hätten.

Schließlich zeige ich im Buch an einigen Beispielen aus Reden des Papstes Benedikt XVI., wie gewalttätig eine kirchliche Sprache ist, die von einem überhöhten hierarchisch-klerikalen Amtsverständnis geprägt ist.  Es braucht einen Bruch mit diesem Jargon der Kirche des Missbrauchs, in dem so lange die Heiligkeit der Kirche behauptet wurde und geweihte Amtsträger überhöht wurden.

Die kirchliche Sprache ist nicht unschuldig an den Menschenrechtsverstößen, die in der Kirche begangen wurden.

Am Ende des Buches beschreiben Sie im Kapitel „Utopien“, wie Sie sich eine Kirche vorstellen, die die Menschenrechte umsetzt. Was entgegnen Sie Kritikern, die Reformen eher kritisch sehen?

Es gibt ja zwei Arten Kritiker:innen, die eher skeptisch auf derzeitige Reformbestrebungen schauen. Die einen halten Reformen, die sich konsequent an der Einhaltung der Menschenrechte orientieren würden, ihrerseits für einen „Verrat am Evangelium“. Dass zum Beispiel nur (heterosexuelle) Cis-Männer ein Weiheamt wahrnehmen können und damit mehr als die Hälfte der Getauften vom Zugang zu den Ämtern ausgeschlossen bleibt, ist für sie ein unaufgebbarer Glaubensinhalt.

Gerade durch die biblischen Reflexionen in meinem Buch möchte ich auch diese Kritiker:innen dafür öffnen, dass sich Strukturen aber auch Inhalte in der Kirche schon immer verändert haben.

Hose Kirche Menschenrechte

Unsere Offenbarung ist kein statisches Gebilde, sondern dynamisch mit der jeweiligen Gegenwart verwoben.

Letztlich geht es um die Relevanz der Botschaft Jesu für die Gesellschaften der Gegenwart. Kirche ist das Instrument, diese Botschaft in der jeweiligen Zeit sichtbar zu machen. Sie ist nicht selbst die Botschaft.

Papst Franziskus hat in einer Ansprache zum 25. Jahrestag der Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche am 11. Oktober 2017 gefordert, in der kirchlichen Lehre „…Positionen zu vermeiden, die an Argumenten festhalten, die längst eindeutig einem neuen Verständnis der christlichen Wahrheit widersprechen“. Ich bin davon überzeugt, dass sich in den Menschenrechten genau dieses neue Verständnis der christlichen Wahrheit finden lässt.

Dann gibt es ja noch die zweite Gruppe von Kritiker:innen, die Kirche und ihre Lehre grundsätzlich im Widerspruch zu den Menschenrechten sehen. Sie halten die Kirche nicht für reformierbar und werfen Reformkräften vor, eher noch zum Erhalt des Systems beizutragen. Mein Verständnis von der historischen Entwicklung unserer Tradition stimmt mich da zuversichtlicher. Schließlich gab es in der frühen Geschichte des Christentums schon einmal Zeiten, in denen die Idee der Würde aller Getauften für eine gewisse Zeit und in einigen Gemeinden die Strukturen deutlicher bestimmte als dies heute der Fall ist.

Woher nehmen Sie die Motivation, sich schon mehrere Jahre lang für Reformen in der Kirche einzusetzen?

Im zivilgesellschaftlichen Engagement der vergangenen Jahre, in der Arbeit mit Geflüchteten, in der Rassismuskritik und in der unabhängigen Würzburger Antidiskriminierungsstelle, dem Würzburger Ombudsrat, habe ich immer wieder erlebt, dass ich mich von der christlichen Botschaft bestärkt fühlte. Das Evangelium hat eine Relevanz für die gegenwärtige Gesellschaft, für die Frage, wie wir mit der Schöpfung umgehen, wie wir uns zu Kriegen und Ungerechtigkeiten verhalten und Menschen auf der Flucht begegnen. Die gleiche Bestärkung durch die christliche Botschaft spüre ich, wenn ich mich für die Achtung der Menschenwürde innerhalb der Kirche einsetze.

Insofern ist das Eintreten für Reformen für mich tatsächlich eine spirituelle Erfahrung, die mich nährt und motiviert.

Es geht ja dabei immer um die Frage, was für mich persönlich so wesentlich ist, dass ich meine Lebensenergie dafür einsetze.

Schließlich habe ich in den letzten Jahren im Eintreten für eine gerechtere Kirche eine ganz neue Verbundenheit mit einer stetig wachsenden Zahl von Menschen erfahren, die ich in der Initiative „Maria 2.0“, bei #OutInChurch oder in der Zusammenarbeit mit Sr. Philippa Rath OSB am Buch „Frauen ins Amt! Männer der Kirche solidarisieren sich“ kennenlernen durfte. Während eine bestimmte Erscheinungsweise von Kirche schrumpft oder stirbt, erlebe ich dort  gleichzeitig eine wachsende Kirche von Menschen, die sich für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen, eine Kirche, der ich mich zugehörig fühle und die mich trägt.

Das Interview führte Christoph Kraft.

»Verrat am Evangelium?«

Hose Cover Verrat

Burkhard Hoses „Verrat am Evangelium? Für eine Kirche, die sich zu den Menschenrechten bekehrt“ ist im September im Vier-Türme-Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7365-0458-5, 144 Seiten, 20 €).

Burkhard Hose, Jahrgang 1967, ist Priester und Diözesanleiter des Katholischen Bibelwerks e. V. in Würzburg. Als Studentenpfarrer der Katholischen Hochschulgemeinde in Würzburg begleitet er seit 2008 die Studierenden auf ihrem Lebensweg. Immer wieder setzt er sich für Randgruppen, Geflüchtete und Asylbewerber ein – unter anderem im Würzburger Flüchtlingsrat, im Würzburger Bündnis für Zivilcourage oder im Ombudsrat der Stadt Würzburg gegen Diskriminierung. Für sein großes soziales Engagement wurde er bereits 2014 mit dem Würzburger Friedenspreis ausgezeichnet.

Fotos: © wunderlichundweigand


Burkhard Hose

»Was für mich zählt, ist der Mensch.« Diese Haltung ist so etwas wie eine Richtschnur im Leben von Burkhard Hose. Als Pfarrer der Würzburger Hochschulgemeinde begleitet er junge Menschen bei ihrer Entwicklung und ist Seelsorger und Austauschpartner. Mit seinem politischen Engagement tritt er ein für ein freundschaftliches Miteinander der Religionen und für eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik. Dass er damit bei engstirnigen Politikern wie auch bei plumpen Populisten aneckt, entmutigt ihn nicht. Sein Engagement wurde 2014 mit dem Würzburger Friedenspreis ausgezeichnet.

Foto: © wunderlichundweigand

Christoph Kraft

hat Geschichte und Germanistik studiert und einen Master im Fach Deutsche Literatur erworben. Bei der Heilbronner Stimme war er als Journalist im Bereich der überregionalen Nachrichten eingebunden. Als Redakteur arbeitet er bei einem Gestaltungsbüro und realisiert Websites und Magazine. Seine Passion sind Sachbücher und Belletristik. Er ist bei Calw aufgewachsen, dort wo auch Hermann Hesse seine ersten Lebensjahre verbrachte. Er wohnt inmitten von Weinbergen, seine Lieblings-Laufstrecken sind damit traumhaft gelegen.
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