Tobias Zimmermann

Versöhnung  

»Ihr werdet mich nicht los!«

Warum das Gefühl der Heimatlosigkeit zu meinem österlichen Glauben gehört

Es ist wirklich eine „verbeulte“ Kirche, wie Papst Franziskus sagt, mit der wir unterwegs sind. Aber diese Kirche sind nicht „die anderen“. Ich bin Teil davon, obwohl ich mich nicht erst seit gestern oft nicht daheim fühle oder dem Wunsch aktiv widerstehen muss, mich zu distanzieren. Aber sie wird mich nicht los, und ich sie nicht!

Gesund sind sie! Ansonsten ist die gute Nachricht, dass die Kirche heute keinen mehr verbrennt. Die schlechte Nachricht ist: Sie werden es trotzdem nicht leicht haben in dieser Kirche, und die anderen nicht mit ihnen.“ Damit endete 1990 mein Gesundheitscheck beim Psychologen, der jeden Kandidaten vor dem Eintritt in den Jesuitenorden in Augenschein nahm.“ Wo er recht hatte! Ich und meine Kirche, wir hatten und haben es bis heute manchmal nicht leicht miteinander! Wie kommt das? Ich bin wirklich kein Rebell. Aber ich kann offenbar Dissonanzen und Schattenseiten schlechter ausblenden als manch andere. Das ist meine Gabe und mein Fluch.

Tatsächlich begleitet mich das schmerzhafte Gefühl einer Heimatlosigkeit in der Kirche seit ich denken kann: Da sind die Gottesdienstbesuche mit meiner Familie. Meine protestantische Mutter blieb beim Kommuniongang immer als einzige in der Bank sitzen. Sie wollte dem Pfarrer keine Scherereien verursachen. Sie spürte ein Denunziantentum, das wenige Jahre später in den Messen eines frisch geweihten Freundes unverhüllt auftrat: Erste Reihe, Predigt mitschreiben, um ihn und die Gemeinde von Studierenden einzuschüchtern; nach dem Hochgebet raus, um an einem anderen Ort potentielle Abweichler durch die massive Präsenz von „gesundem“, katholischen Volksempfinden auf Linie zu bringen. Irgendwie war der Zirkus ja lächerlich. Und doch: Diese innerkirchliche Sektenmentalität konnte nur gedeihen, wo es in der Hierarchie eben auch Abnehmer für anonyme Verdächtigungen, Förderer einer Kultur von Überwachung, Beurteilung von Menschen nach „Linientreue“ und Ausschluss von Andersdenkenden gab.

Blick in die Abgründe

Die meisten von uns mussten erst ab 2010 direkt in die Abgründe sexualisierter Gewalt schauen. Aber mich überrascht doch bis heute, wie überrascht viele Menschen vom Blick hinter die Kulissen waren und sind: Sakrale Selbstüberhöhung, Selbstimmunisierung der Glaubenswächter vor Kritik bis hinein ins Kirchenrecht, Ausschluss und öffentliche Demütigung andersdenkender – und schwuler Menschen, klerikaler Chorgeist und Ausschluss von Frauen von Mitbestimmung und allen Leitungsämtern …

Wieviel Fantasie braucht es eigentlich, um in all dem die ernste Gefährdung eines jeden erkennen und befürchten zu müssen, der sich in diesem System bewegt. In gewisser Weise eine furchtbar normale Gefährdung, korrumpiert zu werden durch Karriere- und Machtstreben, Geld, Gewalt und all die anderen Abgründe, die unkontrollierte Macht, Intransparenz und der Geist der Sektiererei nun einmal mit sich bringen.

Nein, eigentlich brauchte es keine Fantasie. Es gab sie ja, die warnenden Stimmen, die einen Kulturwandel forderten, eine Kirche solidarisch an der Seite der Armen und der Menschen am Rande, statt einer Kirche der Macht. Die aber wurden mundtot gemacht.

Rausnehmen aus der Geschichte?

Ich schäme mich für all das. Und mit der Scham kommt prompt der Wunsch nach Distanzierung: mich rausnehmen aus dieser Geschichte, zu den Guten gehören … Aber: Die Einteilung der Welt in Gute und Böse, sich lossagen von den Bösen und einfach nur Teil werden einer Geschichte der „Guten“. Wann hätte das je funktioniert jenseits von Bud Spence Filmen? So funktioniert Geschichte nicht. Und so funktioniere ich nicht.

Ob ich will oder nicht: Ich bin verwickelt in diese Geschichte.

In einem der wichtigen Dokumente des Ordens steht: Was heißt es Jesuit zu sein? Erfahren, dass ich als Sünder trotzdem zum Gefährten Jesu berufen bin. Und tatsächlich kann ich natürlich auch für mich nur sagen: Ja ich mache vieles falsch. Und ich fürchte, wenigstens für mich muss ich akzeptieren, dass ich als Mensch der Kirche, als Jesuit, aber auch als Teil dieses gegenwärtigen Deutschlands nicht einfach rauskomme aus den Geschichten, auch nicht aus denen, für die ich mich schäme. Furchtbar? Ja, manchmal schon.

Aber diese dunklen Schatten gehören von Anfang an in die Geschichte der Menschen, also auch in die der Jesusbewegung. Und ich finde tröstlich, wie Jesus damit umgeht, z.B. mit dem Verrat durch einen engen Freund. Da heißt es, Jesus habe genau gewusst, was Judas Ischariot plante. Und er geht in den Konflikt mit ihm, öffentlich bei Tisch. Aber er macht keinerlei Versuche, ihn zu „exkommunizieren“; er bietet ihm sogar, als jener mit den Schergen kommt, die Wange zum Bruderkuss.

Lernen, mit den Schatten zu lernen

Lernen, mit den tiefen Schatten unserer eigenen Gemeinschaft zu leben, bedeutet nicht, die Dinge hinzunehmen wie sie sind. Aber die Geschichte, in die ich verwoben bin, lässt sich nicht wie bei einem Verein durch Austritt klären; jedenfalls nicht für mich. Auch nicht in den dunkelsten Stunden. Warum?

Fangen wir mit der Erinnerung an meine Großmutter an: Sie verband eine sehr nüchterne, eigenständige Sicht auf die kirchliche Situation, die Selbstverliebtheit mancher, kirchlicher Amtsträger und das Verfallsdatum ewiger Wahrheiten mit einer unerschütterlich-stoischen Verbundenheit mit ihrer Glaubensgemeinschaft. Es muss gegen 1926 gewesen sein, als mein Urgroßvater sie von einer Klosterschule nehmen musste. Er kam ihrem Rauswurf zuvor. Sie hatte sich dem Zwang zur Beichte in der Schule widersetzt. Diese Eigenständigkeit ihres Standpunktes hat sie sich nie wieder nehmen lassen; aber eben auch nicht ihren selbstverständlichen Platz sonntags in der Kirche.

Ich glaube, dass mich Vorbilder wie sie mehr geprägt haben als mir lange bewusst war. Sie halten und ermahnen mich, wenn es mal wieder soweit ist, wie am Vorabend meiner Priesterweihe. In mehreren mehr unerleuchteten als böse gemeinten Gesprächen mit der Obrigkeit war mir wieder erfolgreich vermittelt worden: „Die wollen Dich eigentlich eh nicht! Die kriegen Dich nur nicht los.“ Und das nicht direkt, sondern wieder über die Bande gespielt. Wie mich diese verdeckten Machtspielchen „ankotzen“! Sorry, ich kann das nicht anders schreiben.

Ich war in der Nacht vor der Weihe jedenfalls wieder einmal an dem Punkt alles hinzuschmeißen. Aber da war auch die innere Stimme, die sagte: „Mag ja sein. Aber sie kriegen Dich eben auch nicht los!“

»Und genau so, glaube ich, ereignet sich Ostern, Neuanfang, Leben aus dem Tod«

Und da gab es dann am nächsten Tag – ich war krank und fühlte mich elend – jenen Moment der Handauflegung; da stand Christian vor mir. Er lebte mit Obdachlosen. Und er war mir ein wichtiger Mentor auf langen Spaziergängen durch Berlin Kreuzberg. Und jetzt stand er barfuß und im einfachen Wollpulli vor mir und legte mir die Hände auf. Er hatte seinen Weg gefunden, als Priester Teil der Kirche zu sein, ohne sich vom Machtsystem und seinen Symbolen kassieren zu lassen, auch in dieser Weiheliturgie. Auch er einer der Engel, die mich in meinem Leben gerettet haben.

Was habe ich von ihm gelernt? Sich verwundbar machen, um nicht das Gefühl für die Wirklichkeit und die Menschen zu verlieren. Und vielleicht zeigt die Geschichte, warum ich also auch in diesen Momenten geblieben bin. Na, weil mich dieser Jesus in seine Geschichte mit seinen Engeln verwickelt hat. Und ihn und die kriege ich nicht los, und damit halt auch all die anderen nicht, die auch Teil der Geschichte sind, und die ich mir sicher nicht ausgesucht hätte und aussuchen darf, leider; Gott sei Dank!

Und genau so, glaube ich, ereignet sich Ostern, Neuanfang, Leben aus dem Tod, Transformation durch Gott. Jedenfalls ist Ostern ist kein kitschiges Freudenfest in Bonbonfarben nach dem Motto: Jetzt mal alles nochmal auf null! Hurra, der Tod ist abgeschafft. Jippie yeah, die Guten siegen über die Bösen! Jetzt ist alles gut! An Ostern feiern wir, dass Menschen, die sich von Jesus in seine Liebe zum Vater verwickeln ließen, diesen Jesus einfach nicht loswerden, nicht mal nach seinem Tod. Weil Gott ihn nicht fallen lässt, lässt er uns nicht los, auch wenn wir fallen.

Ganz ohne Massenhysterie

Viele stellen sich die Begegnung mit dem Auferstandenen ja wie eine Art heitere Massenhysterie vor: Begeisterte Anhänger eines Gurus wollen einfach nicht glauben, dass ihr geliebter Lehrer tot ist. Diese Vorstellung hat mehrere Haken: Erstens ist die Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tode zurzeit Jesu ja gerade noch nicht sehr verbreitet. Zweitens sind sich die Texte, die zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten verfasst wurden, darin einig, dass die Jesusbewegung längst auseinandergebrochen war; die einen waren resigniert auf dem Heimweg; die anderen schlossen sich verängstigt in Jerusalem ein. Da war einfach keine „Masse“ für eine Massenhysterie! Die wollten nichts mehr miteinander zu tun haben.

Wir können ahnen: Der unterschiedliche Umgang mit Trauer trennt; die verschiedenen Deutungen, was passiert ist; Schuldzuweisungen … Kennen wir alles, oder? Und drittens ist die Begegnung mit dem Auferstandenen offenbar eher peinlich und ein Schockerlebnis. Es löst bei den Betroffenen, das beschreiben alle Berichte, mehr Fragen aus als Begeisterung. Die Frauen am Grab jedenfalls wollen erst einmal keinem davon erzählen, schon gar nicht dem engeren Kreis der Führungspersönlichkeiten.

Der Auferstehungsglaube taucht die Welt also nicht in bunten Zuckerguss.

Und Ostern führt nicht auf eine vordergründige Art zu mehr Beheimatung bei den Glaubensgeschwistern und in der Welt. Jedenfalls ganz sicher nicht bei mir! Im Gegenteil: Denn Ostern ist untrennbar verbunden mit dem Kreuz: Maßstab für die Entschiedenheit Jesu, sich nicht mit den herrschenden Gegebenheiten abzufinden; Symbol aber auch seines Scheiterns. Das Kreuz ist das Symbol einer Liebe, die um uns Menschen wirbt, ohne uns mit Mitteln der Macht oder der Manipulation zu unterwerfen. Die Auferstehung Jesu bedeutet, dass Gott sanft bleibt, aber beharrlich. Er resigniert nicht. Erlebnisse, die meinem Glauben an ein Leben nach dem Tod Nahrung geben, sind ermutigend und lassen mich hoffen. Sie sind aber auch erst einmal sehr persönlich und führen mich auf dünnes Eis. Sie erlösen mich nicht vom Ringen mit Fragen wie diesen: Kann ich dieser Hoffnung wirklich trauen? Und traue ich mir ein Leben unter dem Maßstab des Kreuzes zu?

Und so lese ich die Geschichte der Kirche weiter. Apostelkonzil: Paulus geht nach Jerusalem. Er will endlich klären, dass auch Nichtjuden Christen werden können, also nur durch die Taufe und nicht etwa durch Beschneidung zunächst Juden. War das nicht ein Kern von Jesu Botschaft: Die Freundschaft Gottes allen Menschen bringen, ohne Angst vor Berührung und ohne Ausschluss bestimmter Gruppen? Keine Berührungsängste vor der Begegnung mit Menschen anderer Kulturen und Weltanschauungen, mit vermeintlichen Feinden, öffentlichen Sünderinnen und Sündern …? War es nicht das, was Jesus vorgelebt hatte z.B. bei seinem Besuch beim römischen Hauptmann?

»Ihr alle, ihr kriegt mich nicht los!«

Paulus ist es leid: Beim Besuch vor Ort hatte Petrus, der Boss, noch ein freundliches Gesicht gemacht und Paulus ermutigt. Und kaum ist er wieder in Jerusalem bei den anderen Wortführern, distanziert er sich, wird wieder zum Traditionalisten. Aus Angst vor den anderen Wortführern? Weil er jetzt beim Heimspiel wieder Oberwasser hat? Oder hat er es einfach satt, sich von Paulus, also von einem, der vor kurzem noch ein Todfeind war, der viele Mitglieder der jungen Christenheit gehetzt hatte, ein Wortführer bei der Ermordung des Stephanus, jetzt plötzlich erklären zu lassen, wie Christentum geht? Jedenfalls geht Paulus nach Jerusalem. Und es scheint laut hergegangen zu sein, nicht nur dort. Schon zuvor, bei einer Begegnung in Antiochien, berichtet Paulus, er habe dem Petrus ins Angesicht widerstanden, weil der im Unrecht war.

Die Geschichte in Jerusalem endet mit einem Handschlag und einer pragmatischen Arbeitsteilung: Die Urgemeinde predigt unter Juden, Paulus und seine Begleiter gehen zu den Nichtjuden. Was hält diese sehr verschiedenen Parteien zusammen? Sie brüllen sich gegenseitig an, verstehen sich nicht und sind sich jeweils ganz sicher, dass die anderen im Unrecht sind. Aber sie müssen jeweils anerkennen, dass Jesus sie beide nicht loslässt. Er bindet sie zusammen. Deshalb ist Trennung keine Option!

Wir Christen stehen gerade wieder vor schmerzhaften Einschnitten: Aufarbeitung sexualisierter Gewalt, Vertrauenskrise, wirtschaftliche Krise … All das sind tiefe Einschnitte in unser Selbstverständnis als Kirche. Wir müssen uns verändern, und – Gott sei Dank – jetzt wissen das alle. Nur, wenn wir ehrlich sind, weiß niemand von uns genau, wo die Reise hingehen wird. Manche wollen in einen anderen Bus, weg von dieser Reisegruppe. Und sicher wissen wir nur, wie sehr uns dies und das nervt, und warum jene und jener auf jeden Fall im Unrecht ist und uns auf die Palme bringt. Wir wollen in sehr verschiedene Richtungen. Uns eint nur der Eindruck: Alles geht viel zu langsam! Und doch bin ich heute gelassener und weiter weg von Resignation denn je. Denn ich kann sie hören, diese sanfte Stimme in mir, die mit einem satten Lachen sagt: „Ihr alle, ihr kriegt mich nicht los!“

Fotos: © Stefan Weigand


Tobias Zimmermann SJ

ist Priester, Pädagoge und Jesuit. Als Autor und als Mitbegründer des Zentrums für Ignatianische Pädagogik (ZIP), das er seit Oktober 2019 leitet, arbeitet Tobias Zimmermann an Projekten der Entwicklung der katholischen Schulbildung und Spiritualität, in der Schulentwicklung, im Coaching für Leitungskräfte und in der Fortbildung von Schulleitungen und Pädagogen. Seit Oktober 2019 ist er Direktor des Heinrich Pesch Hauses und wirkt mit an der Weiterentwicklung der Akademie im Bereich Online-Bildung, neue Schwerpunktthemen sowie an der Entwicklung der Heinrich Pesch Siedlung, einem Modellprojekt für soziale und ökologische Stadtentwicklung.

Foto: Stefan Weigand

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