Gott Theologie Sprache

Versöhnung  

Gott neu sagen

Die Technik ist Gottes so voll

Es geht um ein Wagnis: neue Worte für den Gott der Bibel und sein Wirken zu finden – und diese neuen Worte im technisch-naturwissenschaftlichen Heute zu suchen. Wie könnte die Erfahrung, die im Psalm heißt: „Mein Gott ist mein Fels und meine Burg“, mit Bildern aus unserer Welt gesagt werden? Aber machen wir überhaupt die gleiche Erfahrung wie damals der Psalmist, oder müssen wir andere Erfahrungen mit dem Gott der Bibel in ungewohnten Metaphern sagen?

Bildworte für Gott

Wir wissen nicht, ob es ihnen bewusst war, aber die Glaubenden der Antike waren sehr mutig. Sie nutzten Begriffe ihrer nomadischen oder bäuerlichen Lebenswelt, um Gott, den niemand je gesehen hat, zu beschreiben. Sie sprachen von Wolke und Windhauch, von Hirte, Schöpfer und König … Natürlich wussten sie, dass Gott nicht einfach ein König ist, wie die Könige, die ihre Länder regierten. Aber mit dem Wort „König“ konnten sie etwas davon aussagen, wie sie sich Gott vorstellten und ihn erlebten. Um dann auch zu spüren: Nur dieses eine Bild allein, das genügt nicht. „König“ allein wird einseitig. Und so setzten sie das Bild eines Liebenden daneben – wohl wissend, dass auch diese Metapher nur einen Aspekt beschreibt und viel zu menschlich gedacht ist.

Jesus benutzt dann in seinen Gleichnissen Bilder wie den Gutsherren, den Winzer, die Hausfrau, die ein Geldstück verloren hat … und bereichert auf diese Weise die großartige Symphonie der Namen Gottes im Alten Testament durch seine Erfahrung. Der Islam kennt die sufistische Tradition der 99 bekannten und des einen unaussprechlichen Namens Gottes.

Dann aber, zu Beginn der Neuzeit, verändert sich die Welt rasch. Neue Erdteile mit ganz anderen Kulturen werden bekannt. Immer mehr technische Apparate entstehen. Leonardo Da Vinci konzipiert bereits einen Flugapparat, auch wenn dieser wahrscheinlich nie gebaut wurde. Die Dampfmaschine beschleunigt die Veränderung. Natur- und humanwissenschaftliche Forschung nimmt einen großen Aufschwung und beginnt in der Folge der Aufklärung immer mehr das Weltbild der Europäer*innen zu prägen. 

Theologie und kirchliche Verkündigung aber werten diese Entwicklung meist als Bedrohung und nehmen deshalb die neuen Wirklichkeiten, Weltsichten und Wortbildungen nicht in ihren Wortschatz für die Rede von Gott auf.

Roboter Theologie

Ähnlichkeit in größerer Unähnlichkeit

Eine Chance hätte es dafür jedoch gegeben. Jahrhunderte zuvor, noch mitten im Hochmittelalter, schuf ein Konzil im Lateran in Rom die theoretischen Voraussetzungen dafür, immer wieder neue Worte für Gott finden und benutzen zu dürfen. Das Konzil formulierte den sogenannten Analogie-Satz, den theologischen Satz, der dann einer der wichtigsten Treiber theologischer Entwicklung wurde. Der Analogie-Satz lautet: Wann immer etwas über Gott ausgesagt wird, ist die Unähnlichkeit bleibend immer größer als die Ähnlichkeit.

Das bedeutet einerseits, dass mit Vergleichen aus der geschaffenen Welt sinnvoll etwas über Gott gesagt werden kann. Ein Vergleich ist möglich.

Aus der Erfahrung mit dem Wirken Gottes können Bilder, Symbole, Metaphern, aber auch beschreibende religionsphilosophische Sätze abgeleitet werden.

Diese Bilder und Beschreibungen helfen dann anderen Menschen, ihre Erfahrungen zu deuten und daraus wieder neue Metaphern für Gott zu finden.

Zugleich bleibt die Unähnlichkeit jedes Vergleiches immer größer. Jeder Vergleich hinkt, denn Gott ist nicht Teil dieser geschaffenen Welt. Wer er in sich ist, wissen wir nicht und können wir nicht wissen. Kein Bild, keine Beschreibung, kein noch so durchdachter theologischer Satz fasst Gott. Sein Name ist unaussprechlich. Kein Bild ist absolut. Jede Zeit und jeder Ort kann und muss mit ihren philosophischen Mitteln, mit ihrer Lebenserfahrung und aus ihrer Lebenswelt heraus, neue Bilder für Gott finden – und sie zugleich wieder relativieren.

Ohne Naturwissenschaft nimmt die Theologie Schaden

Keine Beschreibung Gottes kann allein genügen. Es braucht immer eine Symphonie von Bildern, ein ganzes Mosaik … und auch dieses Mosaik fällt wieder unter den Analogiesatz des Laterankonzils. Aber „Gott“ nimmt Schaden, wenn darauf verzichtet wird, ihn stets mit neuen Bildern auszusagen.

Natürlich, nicht Gott selbst nimmt Schaden, aber seine Möglichkeit, mit Menschen in Beziehung zu treten, wird unangemessen begrenzt, wenn keine Bildworte benutzt werden, die zeitgenössisch anschlussfähig sind.

„Die ganze Welt ist Gottes so voll, aus allen Poren quillt er uns gleichsam entgegen“, formuliert einmal Alfred Delp. Die ganze Welt … auch die Welt der Technik, der Mathematik, der Chemie, der Computer … auch die digitalen Welten sind Gottes so voll. Alle Dinge wollen von ihm sprechen. Unsere Aufgabe ist es „ihre Zunge zu lösen“ und ihre Stimme hörbar zu machen.

Die lange von der katholischen Kirche gehegte Abneigung gegen die Gedanken der Aufklärung, gegen Demokratie und moderne Naturwissenschaft jedoch hat zu einem Bildverlust, zu einem faktischen Ikonoklasmus (Bildersturm), geführt.

Gott nicht mit Vergleichen aus Naturwissenschaft, Technik, Informatik und digitalen Welten auszusagen, ist ein theologischer Sündenfall.

Die Weigerung, das naturwissenschaftliche Weltbild und Weltverstehen zu nutzen, um Gott zu beschreiben, hat Gott für einen Großteil der europäischen Menschen unerklärlich und unerreichbar gemacht. Ihre Welt ist verstummt.

Naturwissenschaft Religion

Das Problem vormoderner Bilder

Diese vormodernen Bilder sind nicht einfach falsch, nur weil sie aus einer anderen Welt stammen. Sie sagen Richtiges über Gott, auch wenn sie für heutige Menschen oft mühsam erschlossen werden müssen. Sie sind und bleiben wertvolle Steine des großen Mosaiks der Namen Gottes. Aber sie stammen aus einer früheren Welterfahrung. Um sie nutzen zu können, müssen Menschen des 21. Jahrhunderts einen intellektuellen Sprung vollziehen: aus ihrer natur- und humanwissenschaftlich, ökonomisch und demokratisch geprägten Alltagswelt in eine mythische Sonder-Bild-Welt. Das kann durchaus reizvoll sein, geschieht aber um den Preis, dass der eigene Alltag religiös stumm bleibt und nicht von Gott zu sprechen scheint.

So entwickelt sich ein Religions-Ich neben dem Alltags-Ich. Manche haben Talent, zwischen beiden Identitäten hin- und her zu wechseln, manchen religiös besonders „musikalischen“ Menschen gelingt es, beide Identitäten in sich miteinander zu vermitteln. Die Bedeutung des Glaubens für den Alltag wird jedoch zur großen, individualisierten Herausforderung. Der Alltag aber schweigt über Gott und läuft weithin „als ob es Gott nicht gäbe“.

So haben wir christliche Europäer*innen uns und Gott ein Problem geschaffen, das es nicht geben müsste. Statt es auf der Symptomebene zu beklagen oder gar zu kurieren zu versuchen, macht es mehr Sinn, uns vom Lateran-Konzil zu neuen Worten für Gott, zu neuen Ähnlichkeiten in bleibend größerer Unähnlichkeit, anstiften zu lassen.

Fotos: © David-W/photocase.com, © shutterstock.com


Einladung ins Experiment

Mit diesem Beitrag möchte ich Sie, die Leserinnen und Leser einladen, mit mir diesen Sprung zu wagen und mit Begriffen unserer Lebenswelt – ausgehend von Technik, Informatik, Mathematik, Chemie … – neue Bildworte für Gott zu erproben. In biblischer Sprache gesagt geht es darum, die „Zunge des Taubstummen zu lösen“, damit unsere Welt zu sprechen beginnt.

Schicken Sie mir doch Texte, in denen Sie versuchen, den Gott der Bibel in unserer Welt neu zu sagen. Ich würde mich freuen. Persönlich erreichen sie mich über peter.hundertmark@bistum-speyer.de

Zu diesem Thema sind bereits folgende Beiträge auf „Sinn und Gesellschaft“ erschienen:

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Gott Mathematik Unendlichkeit

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von Matthias Rugel SJ


Peter Hundertmark

Peter Hundertmark

Pastoralreferent im Bistum Speyer, Exerzitienbegleiter, Leiter des Referates Spirituelle Bildung/Exerzitienwerk im Bischöflichen Ordinariat Speyer. Weitere Texte zu Fragen des Glaubens, zur Heiligen Schrift, zu ökologischer Spiritualität, zur Kirchenentwicklung, zu Seelsorge … finden Sie auf meinem Blog https://geistlich.net

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