St. Anton Schweinfurt

Zusammenleben  

Entdeckt die­ Kirchen neu

Warum wir Kirchen und Sakralbauten nicht abschreiben dürfen

Dort, wo Gottesdienste ausfallen müssen und die Anzahl der Gemeinde­mitglieder schwindet, stellt sich vielerorts die Frage: „Braucht es diese ­Kirche oder jene Kapelle überhaupt noch?“ Die Sparzwänge, aus denen heraus ­Bistümer ­handeln müssen, machen aus dieser Frage ein ernstes Thema. Kirchen­schließungen sind keine exotischen Vorgänge mehr, sondern auf der Tagesordnung pastoraler Prozesse. Die Gefahr ist dabei, dass wir Kirchen gar nicht mehr als heilige Räume wahrnehmen – sondern auf finanzielle ­Verhandlungsmasse und Baulasten reduzieren.

„Jede zehnte Kirche im Bistum Würzburg soll umgenutzt werden“ (Überschrift Domradio, 19.09.2025), „Die Kirchengemeinden schrumpfen und die Kosten für die Unterhaltung der Gebäude steigen – das Bistum Münster zieht die Reißleine.“ (WDR, 24.06.2025) „131 katholische Kirchen in fünf Jahren geschlossen“ (Süddeutsche Zeitung, 25.12.2023).

Kirchenschließungen waren noch vor Jahren ein Thema, an das man nicht zu denken wagte. Nunmehr ist es überdeutlich drängend.

Wenn Pastoralräume zusammengelegt und Gottesdienste immer weniger werden, liturgische und pastorale Angebote keine Nachfrage mehr erfahren und Energiekosten über den Kopf wachsen, stehen Kirchengebäude zur Debatte – flächendeckend und in jedem Bistum.

Das Bistum Paderborn hat Hilfestellungen für Pastoralteams und Gremien erarbeitet, wie ein guter Abschied von kirchlichen Gebäuden aussehen kann. Das Bistum Würzburg arbeitet mit einem System von fünf Kategorien. Unter Kategorie A fallen beispielsweise Kirchen „mit überörtlicher ­Bedeutung“, für die die Diözese Generalsanierungen und bauliche Ergänzungen bezuschusst. Ganz anders fällt Kategorie E aus: Damit werden Kirchen bezeichnet, die einer neuen Nutzung zugeführt werden sollen. Das meint in der Regel Profanierung und Verkauf. Die Wikipedia-Liste profanierter Kirchen im Bistum Fulda umfasst inzwischen über fünfzig Einträge – mehr als die Hälfte der Einträge betreffen Kirchen, die erst in den letzten fünf Jahren profaniert wurden.

Drei Schlaglichter, die praktisch für jedes Bistum gelten. Jede Diözese durchläuft derzeit einen Prozess, der klären soll, wie man sich von Gebäuden trennt, für die es keine Nutzungsideen und auch keinen Bedarf mehr gibt. Sparen ist ein Thema, das an den Bistümern nicht vorbeigeht. Der evangelischen Kirche geht es mit ihrem Gebäudebestand nicht anders.

Prekärer Imagewandel

In den letzten beiden Jahren haben wir uns näher mit sakralen Gebäuden beschäftigt. Was uns medial und auch bei Predigten, Hirtenbriefen, Projektgruppen, Ver­lautbarungen und Bistums-Berichterstattungen mehr und mehr auffiel: Kirchengebäude haben einen gehörigen Imagewandel erfahren. Es scheint uns, dass über sakrale Gebäude kaum mehr als großer Schatz gesprochen wird – sondern eher als große Last.

Wenn die Sechziger-Jahre-Betonkirche ausschließlich mit dem katastrophalen Energieausweis assoziiert wird oder die Neuromanische Kirche zum Mahnmal von Kirchenleerstand wird, besteht die Gefahr, dass Kirchengebäude nur noch als Problemzonen wahrgenommen werden. Um es plakativ zu formulieren, könnte man von einer Beziehungskrise der Kirche zu ihren eigenen Gebäuden sprechen.

Wir wollen hier nichts schönreden und auch keine Lanze dafür brechen, dass man keinesfalls eine Kirche schließen darf. Das wäre realitätsfremd. Ebenso wenig helfen unseres Erachtens Beschönigungen wie etwa „Weniger ist mehr“ (tatsächlich haben wir das in einem Artikel über Kirchenschließungen gelesen) oder euphorisch anmutende Projektgruppentitel wie „Räume für eine Kirche der Zukunft“ (Bistum Rottenburg Stuttgart). Sie tragen im schlimmsten Fall einen zynischen Beigeschmack in die Diskussion.

Doch sollen wir unsere Kirchengebäude abschreiben? Und einfach die Last abgeben und sagen: Das war’s dann eben, mit uns als Kirche in der Gesellschaft – und mit den Gebäuden, die da in den kleinsten Ortschaften und den größten Metropolen stehen?

Wir sind überzeugt: Hinter diesen Fragen steht eine größere Frage, die sowohl innerkirchlich als auch gesamtgesellschaftlich von Tragweite ist: Welche Relevanz haben Kirchengebäude heute überhaupt noch?

Als die Idee entstand

Hinter uns liegen knapp drei Jahre, in denen wir ganz bewusst viele Kirchen besucht haben. Kleine Kapellen, mächtige Abteien und alles dazwischen. Und immer wieder kam uns diese Frage in den Sinn. Welche Relevanz haben Kirchen noch heute?

Alles begann mit einem Treffen, bei dem wir uns noch gar nicht so richtig kannten. Bei einem Stück Kirschkuchen haben wir unsere gemeinsame Faszination für Kirchengebäude und Sakralarchitektur erkannt. Man könnte sagen, da haben sich zwei Seelenverwandte getroffen. „Die Strecke für die Fahrt zum Urlaubsort steht fest – gleich mal schauen, welche Kirchen am Weg liegen …“ So ticken wir beide.

Die gemeinsame Begeisterung für Kirchen wuchs nach dem Kirschkuchentreffen. Wir schickten uns Bilder von kleinen Kapellen im Nirgendwo, empfahlen uns Besuche in außergewöhnlichen Gebäuden und merkten mehr und mehr: Der Austausch über Kirchengebäude ist für uns mehr als ein Dialog über die Architektur und die Atmosphäre eines Ortes.

Wenn wir uns über Kirchen unterhielten, sprachen wir immer mehr über unseren Glauben, unsere Spiritualität und überhaupt die Fragen, die uns das Leben stellt. Die Fragen an uns als Menschen, die gerade fest eingebunden sind – in Familie und Arbeit; als Menschen, die gerade Mitte vierzig sind und mit einer gewissen Erfahrung und zugleich mit einer gewissen Offenheit und Neugier mit dem Leben umgehen.

On the road

Wie von selbst hat sich unser Austausch und unsere Leidenschaft zu einem Buchprojekt entwickelt. „Gottes erstaunliche Häuser. 33 Kirchen, die man gesehen haben muss, um den Glauben neu zu entdecken“ – der Titel war schnell gefunden und nun hatten wir eine Mission.

Für das Buch haben wir uns immer wieder auf den Weg gemacht, haben Kirchen quer durch ganz Deutschland besucht und auf uns wirken lassen. Mal mit einem Gottesdienst, mal ganz in Stille. Manche Bauten lagen einfach auf dem Weg, zu einigen sind wir eigens aufgebrochen, um sie zu erleben.

Da waren diese besonderen Momente: Wenn ein Lichtstrahl durch ein bestimmtes Fenster auf den Boden fiel und uns in den Bann gezogen hat. Wenn man plötzlich Gottes Nähe und Gegenwart verspürt. Wenn man eine Kirche besucht, in der man vor Jahrzehnten das letzte Mal gewesen ist – und unweigerlich in Jugend oder Kindheit zurückversetzt wird. Wenn man in Minuten der Stille aus dem Alltagsgeschehen aussteigt und plötzlich merkt: Da ist ja doch mehr Trauer über den verstorbenen Großvater da, als man gedacht hat.

Oft waren wir auch als Familien unterwegs. Betraten wir eine Kirche mit einem Ort mit Kerzen für Bitte und Gebet, gingen unsere Kinder ganz anders mit dem Raum um. „Kommt, wird zünden eine Kerze an.“ Die Quirligkeit von eben hat sich in Ruhe und, ja, Andacht gewandelt. „Die ist für den Opa“, sagte eines der Kinder und stellte die schmale Kerze in die Nische, in der schon andere Kerzen brannten.

Verschlossene Türen

Wer unterwegs ist und Kirchen besucht, der verfolgt manchmal ein frustrierendes Unterfangen. Im Projekt entwickelte sich von selbst ein Fokus auf katholische Kirchen. Tatsächlich sollte das keine inhaltliche Einschränkung sein – aber es kam einfach dadurch zustande, dass wir bei evangelischen Kirchen meist vor verschlossener Tür ­standen.
Dabei waren fehlende Google-Maps-Einträge noch gar nicht das Schlimmste. Wirklich deprimierend war es, wenn wir nach Anreise und Parkplatzsuche schließlich zum Kirchenportal kamen, und es einfach verschlossen war. Eine Eigenart fiel uns zusätzlich auf: Wenn eine Tür offen war, dann oft nicht die, die als behindertengerechter Eingang deklariert war.

Und es gab eine andere Erfahrung, die so manches Bild trübte: Stuhlstapel in Seitenkapellen, Reinigungswagen in Nischen oder die Erstkommunion-Infowände vom vorletzten Jahr, die immer noch im Eingangsbereich herumstanden.

Räume voller Geschenke

„Das ist ja ein spannendes Projekt. Ich bin ja nicht besonders gläubig, aber Kirchen sind für mich wichtig.“ Wenn wir mit Menschen über unser Projekt gesprochen haben, die sich gar nicht als typische „Kirchgänger“ bezeichnen oder sich erst recht nicht als gläubig einordnen würden, waren wir oft überrascht, welch gutes Image Kirchengebäude haben.
Da wurde von Rettungsankern für dunkle Tage erzählt oder Kirchen waren einfach Orte, die man fasziniert besichtigt – oder die Menschen zu sich selbst führten. Eine Freundin erzählte nach einer Jahresschlussandacht an Silvester „Ich war ja zum ersten Mal in so einem Gottesdienst. Ihr habt es vielleicht mitbekommen: Ich habe wirklich weinen müssen, als die Kerzen auf dem Leuchter alle brannten. Am Ende dieses Jahres, in dem ich mich von meinem Partner getrennt habe, wurde mir noch einmal klar, wie viel sich getan hat.“

Umso öfter wir solche Gespräche hatten, umso wahrscheinlicher kam uns die These vor, dass es mit dem Image von Kirchengebäuden gerade eine Ungleichzeitigkeit gibt: Innerkirchlich nimmt man sie häufig als Last wahr, für „Außenstehende“ sind sie immer noch Orte des Heiligen und des Nichtalltäglichen. Vielleicht liegt genau darin die Spur, die zur Zukunft der Kirchen führt.

Sind wir ehrlich: Der Relevanzverlust der Amtskirche ist gravierend. Gemeinden vor Ort erodieren. Das kirchliche Leben, so wie wir es noch in unserer Kindheit und Jugend kennengelernt haben, ist längst ausgestorben. Und doch glauben wir fest daran: Kirchengebäude haben eine Zukunft.

Orte für Widersprüche

Es ist das Nichtalltägliche, das Unerschließbare, ja das Heilige, das diese Orte auszeichnet. Ich trete in einen anderen Raum, der sich mir nicht ganz erklärt und auch nicht einer Funktion unterworfen ist. Und genau darin liegt unseres Erachtens ihre gesellschaftliche Relevanz: Hier wird nichts produziert oder gefertigt, sondern hier ist Raum für Fragen – ohne dass es automatisch Antworten gibt. Es muss nicht alles klar sein im Leben. Wenn wir darüber nachdenken, ist es sogar voller Widersprüche. Aber wenn diese Widersprüche einen Ort in unserer Gesellschaft haben, dann meist in Kirchen.

Aber wohlgemerkt: Ein Selbstläufer ist das nicht. Kirchengebäude brauchen Pflege und Zuwendung. Sie bleiben nur heilige Räume, wenn man sie als solche behandelt. Stuhllager in Seitenschiffen, verschlissene Sitzpolster, verwaiste Stellwände, ausgetrocknete Weihwasserschalen, chaotische Schriftenstände, Altarräume mit Möbelsammelsurium, verbrauchte Luft … All das ist für Kirchenräume unwürdig. Auch liturgisch zieht sich dieser Gedanke fort: Wer achtlos mit den liturgischen Orten umgeht und keine Klarheit für Ambo oder Altar hat, der zollt dem Raum und dem Gottesdienst keinen Respekt.

Wenn eine Kirche ein heiliger Ort bleiben soll, dann sollte man ihn auch so behandeln.

Für die Ewigkeit

Es hat uns oft das Herz geblutet und wir möchten es deshalb deutlich formulieren: Haltet Kirchen offen! Auch wenn die Gefahr von Vandalismus herrscht – wer Kirchen abschließt, schließt nicht nur Türen ab, sondern auch Menschen aus. Nämlich die, die ganz unverbindlich ein paar Minuten in Stille sein möchten. Oder eine Kerze für einen Menschen anzünden möchten, der ihnen gerade am Herzen liegt. Kirchen sind spirituelle und kulturelle Schatzkammern – man kann sie nur erfahren, wenn sie auch offen sind.

Nicht jede finanzielle Situation lässt sich lösen. Nicht jedes Gebäude kann eine Zukunft haben. Kirchenumnutzungen werden nicht zu vermeiden sein. Verkäufe und auch der Abriss von Kirchen werden immer öfter geschehen. Was Gemeinden vor Ort, Bistümer und alle kirchlichen Akteure von dieser Entwicklung lernen können? Dass wir die Orte, die wir haben und schätzen, wirklich pflegen. Dass wir von ihnen erzählen und sie zu unseren Orten machen, an denen wir Freude, Sorge und Leid aussprechen.

Es wird – und es muss – Kirchen auch in Zukunft geben. Auch Kirchenneubauten. Menschen suchen nach heiligen Orten, nach Zelten und Burgen in diesen unwägbaren Zeiten. Man muss beileibe nicht gläubig im strengen Sinne sein, um sich dorthin aufzumachen und sich von Kirchen in den Bann ziehen zu lassen. Sie strahlen ihr Licht in den Alltag, ins Leben. Menschen finden dort ein Zuhause – und Gott. Vielleicht ist es ja das, was diese Orte so besonders macht: Sie sind für die Ewigkeit gebaut.

33 Kirchen

Johanna Beck und Stefan Weigand haben gemeinsam das Buch »Gottes erstaunliches Häuser. 33 Kirchen, die man gesehen haben muss, um den glauben neu zu entdecken« geschrieben. Darin erzählen sie ganz persönlich von ihren Besuchen von präganten Kirchen und Sakralbauten – und von dem, was sie dort für ihren eigenen Glauben mitgenommen haben. Das Buch ist im Kösel-Verlag erschienen (ISBN 978-3-466-37346-8).

Fotos: © Stefan Weigand / © Johanna Beck


Johanna Beck

Jahrgang 1983, ist Literaturwissenschaftlerin und angehende Theologin. Als Mitglied des DBK-Betroffenenbeirats arbeitet sie seit Anfang 2021 auch beim Synodalen Weg mit und engagiert sich öffentlich für die Aufarbeitung des sexuellen und geistlichen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Johanna Beck lebt mit ihrer Familie in Stuttgart. Sie selbst hat mit der Kirche gehadert und musste tiefe Verletzungen überstehen. Doch sie hat eine neue Rolle für sich gefunden – und eine neue Beziehung zum Glauben entwickelt. Ihr Buch „Mach neu, was dich kaputt macht. Warum ich in die Kirche zurückkehre und das Schweigen ­breche“ war ein maßgeblicher Beitrag zu Kirchen­diskussionen der letzten Jahre.

Foto: © Heinz Heiss

Stefan Weigand

Auf die einsame Insel würde er seine Familie, ein schönes Buch und seinen Plattenspieler mitnehmen. Nach dem Theologie- und Philosophie- Studium in Würzburg und Indien war er zunächst Sachbuchlektor in einem großen deutschen Verlag. Seit mehreren Jahren führt er eine Agentur für Buch- und Webgestaltung und wird als Konzeptionsberater bei Buchprojekten gebucht. Er ist Vater von vier Kindern. Als Autor widmet er sich einfachen Dingen, Sakralbauten, Jazz und Indie-Musik und Kulturthemen. Abseits der beruflichen Wege geht er mit seiner Familie zum Geocaching und an ruhigen Abenden widmet er sich seinem Faible für Kunst, Literatur und Schallplatten.
www.stefan-weigand.com

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Johanna Beck und Stefan Weigand nehmen uns in ihrem neuen Buch „Gottes erstaunliche Häuser“ mit zu kleinen, intimen Entdeckungsreisen der besonderen Art ein. Sie führen uns zu 33 sehr unterschiedlichen Gotteshäusern, die unsere inneren Sinne öffnen können. Eine Buchempfehlung nicht nur für eingefleischte Kirchgänger.

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