Vier Buchempfehlungen aus der Redaktion
Welches Buch hat zuletzt begeistert? Und welcher Band ist eine Empfehlung wert? Hier kommt eine zusammengewürfelte Bücherliste aus der Redaktion von Sinn und Gesellschaft.
Die Hälfte der Sonne – von Chimamanda Ngozi Adichie
Eine Empfehlung von Johanna Rist

Ich sehe ihn heute noch –
dürr, dünn wie Draht, in der Sonne und dem Staub
der trockenen Monate
Grundstein auf den winzigen Überresten der Leidenschaft
und des Mutes.
Dieser Ausschnitt des Gedichts „Mango Seedling“ von Chinua Achebe steht am Anfang des Romans „Die Hälfte der Sonne“. In ihrem Roman nimmt die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie mich mit auf eine Reise ins Nigeria der 60er Jahre. Aus verschiedenen Perspektiven beschreibt das Buch eine Zeit des Aufbruchs, politischer Spannungen und schließlich dem zerstörerischen Krieg um Biafra.
Im Mittelpunkt stehen dabei die beiden wohlhabenden Schwestern Olanna und Kainene, sowie Ugwu ein Dorfjunge und der englische Journalist Richard. So unterschiedlich ihre Lebensentwürfe auch sind, sind sie doch miteinander und mit den Ereignissen der Zeit verwoben. Schnell finde ich mich wieder im Strudel der Erzählung und nachdem ich das Buch gelesen habe, klingt es noch lange nach.
Das Buch lädt dazu ein, von eurozentrischen Blickwinkeln abzurücken. Für mich sind auch besonders die starken weiblichen Charaktere und die realistische, emotionale Schilderung der Ereignisse, die dabei trotzdem nicht überwältigt.
Das Buch ist eine Empfehlung an alle, die sich für außereuropäische Geschichte interessieren und bleibt trotzdem eine Geschichte, in der die Protagonist*innen zutiefst menschlich handeln und fühlen. Am Ende lohnt es sich die Anfangsworte nochmals zu lesen und zu sehen, was sich verändert hat.
Bist du sauer auf mich? Wie du aufhörst, anderen gefallen zu wollen, und endlich dein Leben lebst – von Meg Josephson
Eine Empfehlung von Jana Sand

„Bist Du sauer auf mich?“ ein Buch, dass ich nur in Etappen lesen konnte. Ursprünglich habe ich das Buch für die Vorbereitung einer Veranstaltungsreihe in die Hand genommen. Mich dann aber auch bei einigen Beispielen ertappt gefühlt. Beispiele und Schilderungen von Meg Josephson haben mich fasziniert und hallen in meinem Alltag nach. Sie erklärt ein Thema, das viele Menschen betrifft: dem ständigen Bedürfnis, es anderen recht zu machen. Dabei handelt es sich bei diesem sog. People Pleasing nicht einfach um eine Charaktereigenschaft, sondern nicht selten um einen Schutzmechanismus. Diese Perspektive macht das Buch besonders wertvoll und hebt es von vielen klassischen Selbsthilferatgebern ab.
Ich mag den Schreibstil des Buches: Es werden keine Schuldgefühle erzeugt oder plakative Lösungen angeboten. Vielmehr wurde ich ermutigt eigene Verhaltensmuster zu erforschen. Mithilfe der Reflexionsfragen am Ende des Buches wird man angeregt Schritt für Schritt gesündere Grenzen zu setzen und eine Übertragbarkeit auf das eigene Leben wird möglich.
Das Buch ist eine klare Empfehlung für alle Menschen, die häufig über die Erwartungen anderer nachdenken, Konflikte vermeiden oder Schwierigkeiten haben, Nein zu sagen. Wer sich in diesen Verhaltensweisen wiedererkennt, wird sich an vielen Stellen verstanden fühlen und wertvolle Denkanstöße erhalten.
Zusammen! Wie Deutschland neues Wohnen ausprobiert – von Lennart Herberhold
Eine Empfehlung von Anette Konrad

Die Kinder sind aus dem Haus, die Wohnung viel zu groß für mich allein. Ich überlege, wie ich in Zukunft leben möchte. Allein, mit Freunden oder in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt?
Lennart Herberholds Buch kam mit seinen zwei Leitfragen „Wie kann ich im Alter leben, ohne zu vereinsamen? Und wie kann ich eine bezahlbare Wohnung finden?“ deshalb genau zum richtigen Zeitpunkt. Der Autor besucht Menschen, die das Wohnen neu erfinden, und zeigt, wie unterschiedlich Gemeinschaft aussehen kann. Das hat mir unglaublich gut gefallen: Er stellt nicht nur utopische Ökodörfer vor, sondern auch pragmatische Modelle für Best Ager. Besonders zum Nachdenken angeregt hat mich die Frage, was ich wirklich für mich allein brauche – und was sich teilen ließe: Gästezimmer, Garten, Werkstatt oder Auto?
Zugleich macht das Buch deutlich, dass gemeinsames Wohnen nicht automatisch harmonisch ist. Herberhold beschreibt, wie zermürbend endlose Debatten über Geld, Regeln und Nähe sein können, und wie stark solche Projekte von einzelnen ausdauernden Menschen abhängen. Diese Ehrlichkeit hat mir geholfen, meine eigene Sehnsucht nach Gemeinschaft realistischer einzuschätzen.
Etwas zu kurz kommen für mich praktische Fragen: Wie findet man ein passendes Projekt? Welche Kosten entstehen, und welche rechtlichen Hürden gibt es? Eine fertige Antwort liefert das Buch nicht, aber viele Denkanstöße für die eigene Wohn-Zukunft.
Entzug – von Christoph Peters
Eine Empfehlung von Stefan Weigand

Auch wenn die Angewohnheit nicht unbedingt den besten Ruf genießt: Ich lasse mich bei der Buchauswahl oft vom Cover leiten. Und beim neuen Roman von Christoph Peters haben mich die gelbe Typografie und das Ambiente des Gemäldes dahinter gleich in den Bann gezogen.
Es ist das vierte Buch, das ich von dem in Berlin lebenden Autor lese. Wer sich auf „Entzug“ einlässt, der stellt sich nach den ersten Seiten die Frage: Ist diese Geschichte des Schriftstellers, der so minutiös seine Alkoholabhängigkeit beschreibt, eine erfundene Geschichte – oder hat hier die Lebensgeschichte des Autors einen großen Anteil daran? Tatsächlich ist es so, dass das Buch zwar ein Roman ist, aber zum Großteil die Phase beschreibt, in der Christoph Peters nicht mehr ohne harten Alkohol und einen Dauerpegel leben konnte.
Es tut fast schon weh, wenn er schildert, mit welcher Akribie er die Logistik um die Alkoholbeschaffung durchführen musste – immer in der Gefahr, dass seine Frau das ganze Ausmaß erkennen könnte. Früh um sechs schleppt er sich in die Küche, um mit einem Glas Wodka den Pegel auf „normal“ zu bringen. An der Supermarktkasse legt er Pseudo-Einkäufe aufs Band, um zu verschleiern, dass es ihm eigentlich um die Flasche Jägermeister ging. Dieser erste Teil des Romans ist einfach mit „Trinken“ benannt. Treffend – denn darum hat sich das ganze Leben gedreht.
Der Roman entwickelt einen regelrechten Sog, der schließlich in einen Erlösungsmoment in Form des zweiten Teils mündet: „Entzug“. Mit mehr als zwei Promille, so etwas wie seinem Normalpegel, kommt der Erzähler in die Entzugsklinik und stellt sich nun dem Leben ohne Alkohol.
Der Roman hat mich fasziniert, weil er zwischen Fiktion und Realität schwebend bleibt und zeigt, wie sehr Sucht einen Menschen bestimmen kann. Ich mag es, wenn Bücher mir die Augen für die Dinge öffnen, die man sonst gar nicht sieht. Und wenn es eine Flasche Jägermeister ist, die – umgarnt von einem Joghurt und einer Packung Spülschwämme – auf dem Kassenband vor einem liegt.









