Oberammergau Passionsspiele Bühne

Versöhnung  

Ein Dorf als Bühne der Welt

Passionsspiele in Oberammergau – ein Erlebnisbericht

Bereits zum 42. Mal führen die Bewohner*innen die Passionsspiele auf, die auf ein Gelübde von 1633 zurückgehen. Damals wütete die Pest in Europa, auch in dem kleinen bayerischen Dorf. Die Oberammergauer*innen schworen damals, alle zehn Jahre das Leiden und Sterben Christi aufzuführen, sofern niemand mehr an der Pest stirbt. Mit Erfolg – und so bringen sie seitdem alle zehn Jahre das Leben und Sterben Christi auf die Bühne.

Nach einigen Stunden Zugfahrt komme ich gut in Oberammergau an. Um mich noch etwas zu bewegen, laufe ich zur Kreuzigungsgruppe, gelegen an einem schönen Wanderweg über dem Ort. Hier treffe ich eine Gruppe Studentinnen. Wir reden bestimmt eine Stunde über Gott und die Welt. Jetzt müssen sie wieder in die Vorführung des Passionsspiels zurück – die drei Stunden Pause zwischen den beiden Teilen sind um. Beim Weiterlaufen arbeitet in meinem Kopf noch das Gespräch. Offenbar gelingt es Regisseur Christian Stückl mit seiner Inszenierung, Christen oder Nicht-Christen verständlich zu machen, was Jesus wollte.

Das Göttliche und die Menschen werden verbunden, auch ohne die Institution Kirche.

Der „trockene“ Bibeltext scheint auf der Bühne richtig erlebbar zu sein. Deshalb freue ich mich schon sehr darauf, morgen Teil des Passionsspiels zu sein.

Vermittlung des Christentums

Die Vorstellung des Passionsspiels am Pfingstsonntag ist fast ausgebucht. 4.800 Plätze hat die Freilichtbühne. Nur sehr selten in der Geschichte wurden die Spiele verschoben, bzw. durften nicht stattfinden. Ich kaufe mir ein Textheft, in der Angst, vielleicht nicht alles in meiner vorletzten Reihe zu verstehen. Diese Angst stellt sich schnell als unbegründet raus, allerdings hilft der Text beim Verstehen des Chores. Denn während der Chorpassagen werden immer Einschübe aus dem Alten Testament mit den aktuellen Szenen aus Jesu Leben in Verbindung gebracht.

Pause ist nach dem letzten Abendmahl bzw. nach der Szene am Ölberg. Die drei Spielstunden des ersten Teils waren sehr schnell um. Bei der Aufführung ist heute mehr oder weniger das ganze Dorf in Aktion und es ist eine Vermittlung des Christentums, die nicht so stark kirchlich eingefärbt ist wie früher.

Ein großer Lobpreis gegenüber Gott

Die bereits für die Passion 2000 eingeschlagene Linie wurde noch einmal perfektioniert: Jesus geht es vor allem um die Menschen. Er tritt sehr prophetisch auf. Auch die Rolle des Pilatus wurde verändert: Er verspottet die jüdische Religion und besonders die Person Jesu.

In einem Kommentar habe ich gelesen, dass die Auseinandersetzung im Hohen Rat überarbeitet wurde: Die Gruppe der Jesus-Befürworter ist viel größer geworden. Deutlich jüdisch eingefärbt sind auch die Szenen beim Abendmahl. Mich beeindrucken die Gebete, die in Hebräisch gesprochen werden. Jesus spricht nicht mehr die christlichen Einsetzungsworte: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“. Doch durch das Schweigen kommt es vielleicht noch deutlicher heraus, dass es bei allem um einen großen Lobpreis gegenüber Gott geht.

In der dreistündigen Pause regnet es stark. Deshalb gehe ich ins Oberammergauer Museum. Eine sehr gute Entscheidung. Das Haus ist verhüllt von einer Wand aus Stoff. Der Mann an der Kasse erklärt mir, dass es der Stoff der alten Kostüme der Vorstellungen von 2000 und 2010 ist. Er zeigt mir außerdem einen „Leitfaden“. Dieser besteht aus den abgeschnittenen Haaren der Schauspieler*innen nach der Passion.

Im Museum selbst werden alle alten Ausstellungsstücke modern präsentiert: Es gibt viele Heiligenfiguren, einige davon werden eingepackt präsentiert, die Ausstellung heißt: „(IM)MATERIELL – Stoff, Körper, Passion“ ein spektakuläres Gesamtkunstwerk aus Gebäude-, Rauminstallation und Ausstellung. Dabei sind eine Jesus-Darstellung mit übergroßen Bluttropfen, mit Licht angestrahlte Planeten, die das Universum zeigen. Motto ist: „Der Austausch zwischen Menschen ist (im)materiell.“ Oder „Unsere Zeit in diesem Körper ist begrenzt.“ Wir sind alle miteinander verbunden.

Erlösung funktioniert nur, wenn man etwas gibt.

Am Ende der Pause entwickelt sich mit meinen Nachbarn auf der linken Seite ein nettes Gespräch, sie geben mir eines ihrer Operngläser. Um einen genaueren Blick auf den leidenden Jesus und das wirklich mit Liebe gestaltete Bühnenbild zu werfen, ist es nicht schlecht.

In die Leidensgeschichte Jesu sind diverse Szenen aus dem Alten Testament eingebunden: etwa Daniel in der Löwengrube, die Verspottung des Hiob, Kain und Abel oder Isaaks Opferung auf dem Berg Moria und die Rettung durch den Aufblick zur ehernen Schlange. Wer die Geschichten kennt, kann der Handlung gut folgen.

Die Aufführung geht unter die Haut

Die Inszenierung halte ich insgesamt für sehr gelungen, die Musik ist eher schlicht, sie stammt aus den Jahren 1811 bis 1820, also Spätklassik oder Frühromantik und wurde von dem Oberammergauer Schullehrer Rochus Dedler komponiert, 1950 von Prof. Eugen Papst bearbeitet und seit 2000 neu revidiert und erweitert von Markus Zwink. Im Ganzen hat es ein wenig den Charakter eines Oratoriums.

Nach einem bewusst nur sehr kurzen Applaus und ohne Verneigung der Spieler – es ist ja eine Passion und kein Schauspiel – freue ich mich über mein gelungenes Pfingsterlebnis.

Der Heilige Geist hat mir viele inspirierende Gedanken geschenkt.

Eine Szene ist mir dabei besonders im Kopf: Im Gegensatz zu Petrus, der mit fast gleichen Worten seine Schuld einsieht, den Herrn ebenfalls verraten zu haben, erhängt sich Judas in seiner Verzweiflung. Das Seil, das da herabhängt, das ist wahrhaft bedrohlich.

Petrus glaubt an den Kern der Botschaft Jesu, nämlich dass es für jeden, der sich Gott zuwendet, eine Vergebung und damit eine neue Chance gibt. So kann er erhobenen Hauptes von der Bühne gehen, Judas gelingt das in seiner Verzweiflung nicht. Er erhängt sich. Das hier auf der Bühne zu sehen, geht noch einmal ganz anders unter die Haut, als es „nur“ zu lesen.

Wer noch darüber nachdenkt, ob es sich wohl lohnt, extra nach Oberammergau zu fahren:

Ja, es lohnt sich, fahrt hin! Ich habe es jedenfalls nicht bereut.

Fotos: © Luise Gruender


Luise Gruender

geht davon aus, dass Menschen in ihrer Identität immer im Wandel sind, manchmal Fragen und Widersprüche aushalten müssen und immer wieder die Chance haben, die eigenen Handlungs- und Entfaltungsspielräume zu entdecken und zu erweitern. Besonders die Zeit des Studiums ist dabei eine Möglichkeit, Neues auszuprobieren, sich kennen zu lernen, den eigenen Glauben neu zu erleben und darin erwachsen zu werden. Als Hochschulseelsorgerin begleitet sie Studierende an den Hochschulstandorten Landau, Germersheim, Speyer, Ludwigshafen und Neustadt, sei es in einem Gespräch, einer Beratung oder bei einem Austausch von Ideen, Erfahrungen und Lebensgeschichten. Privat lebt sie mit ihrer Familie in Speyer, liebt Musik, lesen und den Dom.

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