Ein Einblick in die Suchttherapie und in das, was nach dem Entzug kommt
Die klinische Entgiftung ist bei suchtkranken Menschen oft nur der Anfang. Denn auch wenn das eigentliche Gift verschwunden ist, wirken Muster und Probleme weiter. Ein anonymisierter Einblick in die Arbeit der Suchttherapie.
Es ist wieder einer dieser Tage. Stuttgart Stadtmitte. Grauer Himmel, noch grauere Straßen. Draußen regnet es und wir schauen leicht melancholisch den einzelnen Wassertropfen zu, wie sie an das Bürofenster prasseln. Wir, das sind Herr Müller und ich. Wieder sitzen wir zum wöchentlichen Beratungsgespräch zusammen. Doch diesmal zerknirschter als sonst. Herr Müller hat mir gerade eben gebeichtet, dass es schon wieder passiert sei. Ein Rückfall. Diverse Tage, diverse Flaschen, viele Promille. Seine Hände zittern, sein Blick wendet sich immer wieder zum Boden. Restalkohol haben wir gerade eben per Alkomat nachgewiesen. Schon wieder gescheitert.
Schon wieder gescheitert
Wir versuchen uns gemeinsam an dem, was ich später unter dem Schlagwort “Rückfallbearbeitung” dokumentieren werde. Durch gezieltes Fragen und Nachdenken rekonstruieren wir, wie es dieses Mal dazu gekommen ist. Das erfordert viel Selbstreflexionsfähigkeit und Vertrauen ins Gegenüber. Schließlich ist da ein gewisses Machtgefälle zwischen mir als Sozialarbeiterin und dem stolpernden Klienten.
Doch Herr Müller kämpft sich durch meine Fragen. Wie meistens waren die Probleme zu groß, das Leben zu einsam und die Scham über das eigene Scheitern zu schwer zu ertragen. Die in der letzten Therapie erlernten Regulationsfähigkeiten und Suchtbewältigungsstrategien griffen dieses Mal nicht, und so kam es zum ersten, quasi automatischen Gang in den Supermarkt. Danach lief der bekannte Film einfach wie fremdgesteuert weiter.
So wie Herrn Müller geht es vielen meiner Klient:innen. Das Leben und die eigenen erlernten Muster scheitern oftmals aneinander und die einzige Bewältigungsstrategie, die manchmal bleibt, ist der Alkohol. Und da beginnt es, tückisch zu werden.
Alkohol begegnet uns früh und selbstverständlich: beim Feiern, im Urlaub oder nach einem langen Arbeitstag. Für die meisten bleibt er Genussmittel. Für manche wird er zur Bewältigungsstrategie. Treffen Verfügbarkeit, Gewohnheit und eine entsprechende Veranlagung zusammen, kann sich daraus durchaus ein ernsthaftes Problem entwickeln. Damit wäre man auch nicht allein, denn neben Herrn Müller oder anderen Klient:innen zählt Deutschland als ‘Hochkonsumland’ in Bezug auf Alkohol – durchschnittlich 10,6 Liter Reinalkohol pro Kopf pro Jahr (Quelle: Jahrbuch Sucht 2026) wird hier konsumiert.
Alkohol ist selten das eigentliche Problem
So. Nun sitzen wir also hier im Büro mit unserem akuten Problem. Herr Müller immer noch leicht entzügig – logisch, die letzte Flasche war noch nicht allzu lange her. Beide wissen wir: Alkohol ist selten das eigentliche, das erste Problem. Er dient oft zur Selbstmedikation, sozusagen als Pflaster, wenn die dahinter liegenden Muster und Probleme nicht oder noch nicht adäquat verarbeitet werden konnten. Aber aus dieser aktiven Spirale allein herauszukommen ist oft schwierig. Trotzdem gilt die Devise, flapsig gesagt, erstmal trockenlegen.
Wenig später begleite ich also Herrn Müller in die klinische Entgiftung. Diese findet entweder im Krankenhaus oder einer psychiatrischen Klinik statt und es werden die körperlichen Folgen des Alkoholentzugs medizinisch begleitet. Zittern, Schwitzen, Angstzustände oder Kreislaufprobleme und somit viele leichte bis schwere Nebenwirkungen sind keine Seltenheit. Doch eine Entgiftung ist oft nur der Anfang.
Oft ist nämlich nicht der Alkohol das eigentliche Gift, sondern die Muster und Probleme, die bleiben.
Denn wenn Herr Müller nach rund zehn Tagen wieder zurückkommt, sind die Gründe für seinen Konsum nicht weg. Es ist vielleicht für den Moment nicht mehr so schlimm oder der Kreislauf der schnellen Linderung für einen Moment unterbrochen, doch die eigentlich nagenden Fragen bleiben. Und genau hier beginnt die eigentliche, die langwierige und die ehrliche Arbeit. Das Da-bleiben, das Aushalten und eben auch einmal ehrlich in die Tiefe schauen.
Es braucht Hoffnung
Im Idealfall gelingt es, sich den eigenen Mustern zu stellen und zu erkennen, dass es Nachjustierung braucht. Einen besseren Umgang mit sich selbst, mit Stress, Emotionen oder der Art und Weise, wie ich Bindungen eingehe. Das braucht ein Gegenüber, das einen Raum des Vertrauens und der vorurteilsfreien Neugier halten kann – so lange, wie es eben braucht. Ein Gegenüber, das sich auf Augenhöhe auch bei schwierigen Fragen begibt und nicht wegschaut, wenn es eventuell dunkel wird. Es braucht ein gewisses Maß an Hoffnung oder manchmal Menschen, die Hoffnung stellvertretend mittragen, für die, die lange keine mehr in sich selbst und die Welt hatten.
Und hier liegt für mich die eigentliche Entgiftung: das sorgsame, gemeinsame Aushalten und Aufbrechen in einen ergebnisoffenen Prozess, der sich in seiner Zielrichtung jederzeit ändern kann und darf. Entgiftung darf nicht bei der zunächst als toxisch identifizierten Substanz oder dem Verhalten enden, sie muss weitergehen, den Menschen im Ganzen und die je eigene Lebensrealität anschauen. Vielleicht beginnt die eigentliche Entgiftung erst dann, wenn das Gift verschwunden ist und der Mensch bleibt.
Das Jesuiten-Magazin

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 3/2026 vom Jesuiten-Magazin. Das Heft steht unter dem Thema »Entgiftung« und berichtet über Suchterfahrungen, Gefahren und dem guten Weg zwischen Abhängigkeit und Gesundheit.
Sie können das Heft kostenlos bestellen. Hier gelangen Sie zu weiteren Informationen:
Headerfoto: © Marco Piunti/iStock.com







