Kochen Geschmack Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit  

Die Lust am guten Essen

Geschmacksbildung in humanistischer Perspektive

Das erste gedruckte Kochbuch der Welt erscheint 1474 und stammt vom italienischen Renaissance-Humanisten Bartolomeo Platina. Es kombiniert zahlreiche Kochrezepte mit philosophisch fundierten Reflexionen. Eine Botschaft ist auch heute aktuell: Zu einer umfassenden Persönlichkeitsbildung gehört nicht zuletzt die Bildung des Geschmacks.

Aufschlussreich ist bereits der Titel „De honesta voluptate et valetudine“: Das sinnlich-lustvolle Genießen (voluptas) insbesondere in der Form der Gaumenfreude ist gut und ehrenwert (honestus) und fördert Gesundheit (valetudo), Wohlbefinden und gutes Leben – jedenfalls unter bestimmten Umständen. Diese Position war damals keineswegs selbstverständlich. Einer wirkmächtigen, auch christlichen Tradition zufolge lenken die Sinnenfreuden des Leibes – insbesondere die kulinarischen und erotisch-sexuellen – vom eigentlich Guten ab. Schlimmer noch: Sie verleiten zum hemmungslosen Ausleben in den Todsünden der Völlerei und der Wollust. So warnt bereits Clemens von Alexandria vor der „teuflischen Kost der Leckerbissen, diesen Quellen der schlimmsten Lüste“.

Zwar ist die frohe Botschaft des Christentums durchaus auch sinnenfroh: Zum Beispiel war das erste öffentliche Wunder Jesu die Verwandlung von Wasser in Wein und zwar – wie betont wird – in einen besonders schmackhaften Wein.

Dennoch gibt es eine lange Geschichte der Lustfeindlichkeit, gegen die der neuzeitliche Humanismus mit seiner Wertschätzung des Diesseits, dessen Freuden und Genüssen Einspruch erhoben hat. Der Kochbuchautor Platina geht allerdings deutlich weiter als manch andere Humanisten: Für diese ist die Würde des Menschen oft so sehr an seine Vernunft gebunden, dass die leiblich-sinnliche Lust zwar moralisch legitim, jedoch eher nachrangig für ein gutes Leben ist und von der Vernunft strikt reguliert werden muss.

Lust weder unterdrücken noch laufen lassen

Für Platina dagegen ist zwar klar, dass sich der Mensch auch als Leib- und Sinnenwesen und in seinem Streben nach Lust kultivieren muss. Dieses humanistische Grundanliegen der Selbstkultivierung prägt auch sein Kochbuch, das eben weit mehr ist als das.

Allerdings geht es ihm in der Tradition des antiken Philosophen Epikur darum, gerade durch den besonnenen, mitunter auch zügelnden Umgang mit der Lust eben diese qualitativ zu intensivieren. Um ein gutes und lustvolles Leben führen zu können, darf der Mensch das Streben nach Lust weder moralisch schlechtreden und unterdrücken (dann wird das Leben freud- und lustlos), noch es einfach laufen lassen: Ein ständig auf ein quantitatives „Mehr“ und den schnellen Genuss fixiertes Luststreben befriedigt nicht und verhindert gerade Lust- und Lebensqualität.

Völlerei erfüllt nicht!

In diesem Sinne ist sein Kochbuch keine Anleitung zur unbedachten und im Effekt Unlust produzierenden Lustmaximierung, sondern ein Ratgeber, der Koch- und Lebenskunst verbindet: Es geht um ein auch kulinarisch genussreiches Leben, das mit Gesundheit und Wohlbefinden gut verträglich ist.

Auch Schmecken will gelernt sein!

Dazu aber bedarf es der Selbstkultivierung, zu der wesentlich die Bildung des eigenen Geschmacks gehört. Zu wissen, was mir wirklich schmeckt und echten Genuss bereitet, ist keineswegs selbstverständlich. Früh erlernte Essgewohnheiten können verhindern, auf den Geschmack zu kommen und zu entdecken, was für mich tatsächlich so schmackhaft ist, dass es mein Leben qualitativ bereichert.

Platina hatte es mit einer mittelalterlich geprägten, oft stark überwürzten Küche zu tun, so dass Menschen erst wieder lernen mussten, den unverfälschten Eigengeschmack von Speisen wahrzunehmen. Heute sind es nicht zuletzt künstliche Geschmacksaromen, Zucker und andere Stoffe, die zwar einen „schnellen Kick“ und kurzfristige Befriedigung verschaffen, aber das differenzierte Herausschmecken von Geschmacksqualitäten verlernen lassen und damit die Qualität der Lust reduzieren. Also: Auch Schmecken will gelernt sein!

Das Motto „Probieren geht über Studieren“ gilt hier ganz buchstäblich: Durch vielfältiges Probieren und das Sammeln kulinarischer Erfahrungen wird der Geschmackssinn trainiert und verfeinert – nach Möglichkeit so früh wie möglich. Dabei muss es keineswegs exotisch und kompliziert zugehen – gerade die „einfache Küche“ kann genussreich sein, solange der Geschmackssinn nicht verdorben ist. Wichtig ist dabei, auf meinen persönlichen Geschmack zu kommen und zu erkunden, was meinem Gaumen Lust bereitet und gut ist für meinen Leib und meine Seele. Auch wenn Platinas biologisch-medizinische Grundlagen längst überholt sind – seine Überzeugung, dass die Geschmäcker unterschiedlich sind und zur individuellen Verfasstheit der Person passen sollen, ist auch in der Geschmacksbildung ernst zu nehmen.

Es geht gleichsam um einen mündigen Geschmack!

Kinder Ernährung Gemüse

WebTalk-Reihe: Lebensmittel als Mittel zum guten Leben – Wie Ernährung der Umwelt, der Gesundheit und dem Genuss dienen kann

Geschmacks- und Ernährungsbildung sind auch wichtig für die notwendige Agrar- und Ernährungswende.  Wie aber lernen Kinder, sich gerne gesund und nachhaltig zu ernähren? Wie können sie „auf den Geschmack kommen“? Darüber spricht die Ernährungsberaterin und „Kochbus“-Managerin Sarah Zorn am 21. Oktober 2021.

Der WebTalk ist der vierte Teil Reihe „Lebensmittel als Mittel zum guten Leben“ des HPH.

Geschmack und Persönlichkeitsbildung

Für Persönlichkeitsbildung als Bildung der gesamten Person ist die Geschmacksbildung von doppelter Bedeutung:

Persönlichkeitsbildung hat gegen funktionalistische Verkürzungen den ganzen Menschen im Blick und will ihn zu einem guten Leben befähigen. Zu diesem zählt nicht zuletzt die lustvolle Freude an Speis und Trank. Daher gehört die Bildung des Geschmacks zur Persönlichkeitsbildung.

Zweitens wird der Sinn des Schmeckens zwar oft geringeschätzt im Vergleich zu den „geistiger“ anmutenden Sinnen des Hörens und Sehens. Tatsächlich jedoch ist das Schmecken (sofern es sich entwickeln und entfalten kann) ein höchst komplexer Sinn, der die Wirklichkeit auf eigene Weise erschließen kann und eine besondere Unterscheidungs- und Urteilskraft in sich birgt.

Manches spricht dafür, dass die durch Bildung gestärkte Unterscheidungs- und Urteilskraft des Geschmackssinns ein gutes Fundament ist, um auch auf anderen Ebenen achtsam unterscheiden und kompetent urteilen zu können – so auch der Jesuit Baltasar Gracián, der im 17. Jahrhundert betont, dass beides der Bildung bedürfe (der Geschmack und der Verstand) und dass beides zusammenhänge. Nicht ohne Grund sprechen wir ja auch in anderen Kontexten vom Schmecken und Kosten: Bereits die Psalmen fordern zum „Kosten“ der Güte Gottes auf. Ignatius spricht vom „Verkosten der Dinge“, das die „Seele sättigt“ (woraus sich eine fundamentale Kritik von Bildung als bloßer Vermittlung von Faktenwissen ableiten ließe) und nicht zuletzt sprechen wir auch von einem ästhetischen Geschmack.

Vieles spricht also dafür, dass die geistig-intellektuelle Bildung fundiert sein muss in einem zu bildenden Erkenntnisvermögen achtsamer und unterscheidender sinnlicher Wahrnehmung – inklusive des Geschmacksinns. Wer den Menschen bilden will, muss immer auch und zunächst seine Sinne bilden – eine humanistische Einsicht, die im Zeitalter der Digitalisierung wichtiger ist denn je.


Thomas Steinforth

Thomas Steinforth

Thomas Steinforth verantwortet in der Akademie-Online des Ludwigshafener Heinrich Pesch Hauses den Themenschwerpunkt „Sozial-Ökologische Transformation“ und ist zugleich Wiss. Mitarbeiter im Zentrum für Globale Fragen der Hochschule für Philosophie. Dort begleitet er aktuell das Verbundprojekt „FLXsynErgy“ aus einer umwelt- und sozialethischen Perspektive.

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