Umweltschutz Erde

Nachhaltigkeit  

Der Patient Erde ist schwerkrank

Umwelt- und Klimaschutz als Sorge um den Planeten – und um uns selbst

„Der Patient Erde ist krank“ – so eine Diagnose des norwegischen Sozialmediziners Per Fugelli bereits 1993. Der Zustand des Patienten hat sich seitdem verschlimmert: Viele Symptome sprechen dafür, dass er schwerkrank ist, zum Beispiel die Erderwärmung, der dramatische Verlust an Artenvielfalt, der Rückgang der Waldflächen, gestörte biochemische Kreisläufe und die Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden.

Der Diagnose muss endlich eine angemessene Therapie folgen. Gesundheit und Wohlergehen der Menschen sind auch durch eine noch so perfekte Medizin nicht zu sichern, wenn nicht zugleich die bedrohte Gesundheit aller Ökosysteme und des gesamten Planeten in den Blick genommen und geschützt wird. Der „Erdling“ Mensch („Erdling“ ist eine Übersetzung von Adam!) ist so sehr mit der Erde verbunden, in natürliche Kreisläufe eingebunden und auf ein halbwegs ausgeglichenes und stabiles Gesamt-Ökosystem angewiesen, dass eine schwerwiegende Störung oder eben „Krankheit“ dieses Systems sein gesundes und gutes Leben beeinträchtigt und letztlich sein Überleben gefährdet.

„Planetary Health“ und die Gesundheit der Menschen

Die Einsicht, dass Umwelt- und Klimaschutz, also die Sorge um die Gesundheit des Planeten, und eine wirksame Gesundheitsvorsorge und -versorgung für die Menschen Hand in Hand gehen müssen, wird seit einigen Jahren im Forschungs- und Praxisansatz der „planetaren Gesundheit“ (planetary health) vertieft und entfaltet.

In diesem transdisziplinären Ansatz geht es einerseits um die Gesundheit des Gesamt-Ökosystems Erde und aller natürlichen Systeme: Wie genau verlaufen die massiven, größtenteils menschengemachten Umweltveränderungen und welche Entwicklungen sind zu erwarten? Diese „Diagnose der Erde“ kann sich zum Beispiel am Konzept der „planetaren Belastungsgrenzen“ orientieren, das wesentliche Grenzen definiert und mit Messgrößen hinterlegt, innerhalb derer die Menschheit gut überleben kann – einige dieser Grenzen sind bereits überschritten! Andererseits geht es darum, die Auswirkungen dieser Umweltveränderungen auf die menschliche Gesundheit zu erforschen: Bereits heute leiden viele Menschen unter den direkten, aber auch indirekten Folgen der Umweltveränderungen. Genannt seien nur Stürme, Dürren, Überschwemmungen und Hitzewellen oder auch steigende Infektionsrisiken bis hin zu vermehrten Pandemien. All das hat Menschen zwar immer schon geplagt, krank gemacht oder getötet und doch wird es deutlich schlimmer – so sehr, dass auch die Gesundheitsversorgung unter massiven Druck gerät.

Nur ein Beispiel sei genannt: Wenn es künftig öfter zu stärkeren Hitzewellen kommt (auch in Deutschland), zugleich aber Pandemien häufiger auftreten, geraten sowohl die (intensiv-)medizinische Versorgung als auch die Pflege, insbesondere die Altenpflege, durch die Doppelbelastung schnell an ihre Grenzen.

Im Ansatz der „Planetary Health“ geht es darum, diese Zusammenhänge zwischen der Gesundheit des Planeten und der Gesundheit der Menschen genauer zu erforschen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen – sowohl für Umwelt- und Klimaschutz als auch für Gesundheitspolitik und -versorgung.

Doppelte Ungerechtigkeit

Dabei dürfen wir nicht eine doppelte Ungerechtigkeit aus dem Blick verlieren: Sie besteht darin, dass „wir“ in den industrialisierten Ländern des Westens und Nordens seit langer Zeit sehr viel mehr zur Erkrankung des Planeten Erde beigetragen haben als die Menschen im globalen Süden – und dass diese zugleich sehr viel mehr unter den Folgen der Umweltveränderungen leiden – auch gesundheitlich. Bei uns sind (noch!) die Folgen weniger ausgeprägt. Zugleich können wir uns gegen die Folgen besser wappnen und wir verfügen über stabilere Gesundheitssysteme.

Aber auch innerhalb der reichen Länder sind zwar alle Menschen betroffen, wenn der Planet Erde krank ist – aber doch in unterschiedlicher Intensität. Es macht eben einen Unterschied, wo und wie ich wohne, in welchen Berufen ich arbeite, wie sehr ich (auch durch soziale Benachteiligung) gesundheitlich vorbelastet bin und welche realen Zugänge zur Gesundheitsprävention und -versorgung ich habe.

Veranstaltungshinweis: WebTalk zum Thema

Ökologie

Wenn es stimmt, dass sich das Gesundheitssystem auf die Auswirkungen der Umweltveränderungen einstellen muss – wie ist es denn aktuell um unsere Gesundheitsversorgung bestellt? Um zentrale Probleme, Herausforderungen und Strategien geht es in der WebTalk-Reihe „Patient Gesundheitswesen?!“ im Heinrich Pesch Haus, die am 14. April 2021 beginnt. Alle Termine finden Sie hier:

Die gute Botschaft: Therapie ist möglich!

Immer mehr Menschen auch in Gesundheitsberufen engagieren sich für die „Gesundheit des Planeten“. Wer dazu mehr wissen möchte, kann sich zum Beispiel hier informieren: www.health-for-future.de. Die gute Botschaft:

Auch wenn der Zustand des Patienten sehr ernst ist – noch können wir etwas tun! Und: Wir profitieren selbst davon.

Denn ein wichtiger Beitrag zur Gesundung des Planeten besteht in einem nachhaltigen Lebensstil und in einer nachhaltigen Weise des Wirtschaftens, die zwar mit allerlei Selbstbegrenzungen und Veränderungen einhergehen – aber ein Leben ermöglichen, das gesünder, freud- und genussvoller ist. Wie das genau aussehen kann, werden wir in einem neuen Schwerpunktbereich des Heinrich Pesch Hauses – Katholische Akademie Rhein-Neckar zum Thema machen – seien Sie gespannt!

Foto: © suschaa/photocase.com


Thomas Steinforth

Thomas Steinforth

Thomas Steinforth ist Bildungsreferent für den Bereich Wirtschaftsethik im Heinrich-Pesch-Haus in Ludwigshafen. Der promovierte Philosoph ist zugleich Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Globale Fragen an der Hochschule für Philosophie, München.


Das Zentrum für Ethik, Führung und Organisationsentwicklung im Gesundheitswesen (ZEFOG) berät Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Unsere maßgeschneiderten Fortbildungen richten sich an Mitarbeitende und Führungskräfte aller Berufsgruppen.

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