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Versöhnung  

Den Kreislauf des Scheiterns durchbrechen

Damit die Aufarbeitung des Missbrauchs am Ende nicht wieder am Anfang steht

Nicht nur die Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) von Anfang März 2021, sondern auch die Tagung des Synodalen Weges stand im Februar 2021 unter dem Schatten der Krise in Köln. Das Präsidium des Synodalen Weges äußerte scharfe Kritik am Stand der Aufarbeitung in Köln. Zugleich beschloss es, Betroffene in den Prozess des Synodalen Weges einzubinden. Dem Betroffenenbeirat der DBK wurde angeboten, die Form der Mitwirkung im Gespräch zwischen Vertretern des Beirats, dem Präsidium des Synodalen Weges und dem Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs zu vereinbaren.

Damit stehen nun für das Plenum des Synodalen Weges und sein Präsidium vergleichbare Fragen auf der Tagesordnung, die für das Verhältnis von Institution und Betroffenen bereits bedacht wurden:

  • Wie definiert der Synodale Weg seine Beziehung zu den Betroffenen?
  • Welches Ziel, welchen Notenschlüssel setzt er für sich vor den Aufarbeitungsprozess mit dem Betroffenen?
  • Welche eigene Rolle sieht er für sich beim Aufarbeitungsprozess?

Eines ist allerdings sicher:

Unabhängiger wird die Aufarbeitung nicht, wenn nun auch noch der Synodale Weg in die laufenden Aufarbeitungsprozesse einsteigt, die im Auftrag der Bischöfe und der DBK laufen.

Wenn er dies auch noch mit dem Gestus täte nach dem Motto „Wir übernehmen das jetzt, denn die Bischöfe alleine schaffen es nicht“, dann wäre das Scheitern des Synodalen Prozesses vorprogrammiert, so sicher wie das Scheitern von Köln.

Empfehlung an den Synodalen Weg

Was dem Synodalen Weg eigentlich nur sinnvollerweise übrig bleibt, ist, sich für ein Modell unabhängiger Aufarbeitung einzusetzen, dessen mitverantwortlicher Teil er dann selbst auch nicht mehr sein könnte. Das wäre vielleicht ein Thema für ein fünftes Forum.

Das alles bedeutet natürlich nicht, dass es gar keinen Zusammenhang zwischen dem Synodalen Weg und der Aufarbeitung von Missbrauch gibt. Der Zusammenhang ist vielmehr offensichtlich. Er hat einen geschichtlichen und einen inhaltlichen Aspekt. Es war das Bekanntwerden des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen im Jahre 2010, es war die Autorität des Leidens, welches da sichtbar wurde, die den Anstoß dafür gab, Strukturfragen anzusprechen, die unter den Pontifikaten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. unterm Deckel gehalten worden waren. Der Synodale Weg hat sie nun acht Jahre später in seinen vier Foren gebündelt:

1. Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag;
2. Priesterliche Existenz heute;
3. Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche; und
4. Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft.

Das alles sind Themen, die zur strukturellen Prävention gehören.

Keine Prävention ohne Aufklärung

Inhaltlich bleiben allerdings einige Unterscheidungen übrig. Die Frage nach der Gerechtigkeit für die Betroffenen ist der Frage nach der Prävention vorgelagert. Prävention ist ja gar nicht möglich, wenn nicht vorher Aufklärung stattgefunden hat.

Betroffene haben einen Anspruch darauf, dass das, was ihnen widerfahren ist, gesehen und anerkannt wird.

Was aber auf dem Synodalen Weg verhandelt wird, gehört nun, wie gesagt, eher in den Bereich der strukturellen Prävention. Inhaltlich kann und muss da einiges auch kontrovers diskutiert werden können. Welche strukturellen Maßnahmen besseren Schutz vor Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt mit sich bringen, ist nicht immer sonnenklar. Die Autorität des Leidens spricht diesbezüglich nicht immer eine eindeutige Sprache. Und es gibt viele Betroffene, die an dem genannten Themenbereich gar nicht interessiert sind – was allerdings kein Argument dafür ist, sich nicht weiter mit ihnen zu befassen.

Es liegt nicht nur am System

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum die Arbeit an den Themen des Synodalen Prozesses von der Aufarbeitung von Missbrauch unterschieden werden sollte: Systemische Ursachen sind keine direkten Ursachen. Oft wird vorausgesetzt, es bräuchten nur einige Veränderungen an den kirchlichen Strukturen vorgenommen zu werden, um die Zahl der Missbräuche zu senken. Das muss aber nicht so sein. Die Lage ist vertrackter. Begünstigende systemische Faktoren sind keine direkten Ursachen.

Vielmehr ist hier genauer zu unterscheiden: Man kann ja auch nicht aus der Tatsache, dass besondere physische Nähe ein begünstigender systemischer Faktor für Missbrauch in Familien ist, schließen, dass es weniger Missbrauch in Familien gibt, wenn die physische Nähe zwischen Eltern und Kindern verboten würde. Und selbst wenn es dann weniger Missbrauch in Familien gäbe – weil es dann weniger Familien gäbe –, wäre noch lange nicht gesagt, dass der Missbrauch dann nicht andernorts stattfinden, also verlagert würde.

Missbrauch findet immer in Systemen statt

Sexueller Missbrauch findet eben immer in Systemen mit ihren komplexen Kausalitäten statt, gerade in solchen, in denen Vertrauensbeziehungen in Kombination mit Machtasymmetrien grundlegend für das System selbst sind. Und solche Systeme sind unverzichtbar für jede Gesellschaft. Es wird nichts besser, wenn etwa faktisch existierende, ebenso unvermeidliche wie sinnvolle Machtgefälle (wie die Beziehungen Eltern-Kind, Heim-Jugendliche, Arzt-Patient, Lehrer-Schüler, Seelsorger-Seele, Präsident-Praktikantin, Regisseur-Schauspielerin) einfach nur abgebaut werden.

Das haben die Missbräuche an reformpädagogischen Institutionen oder auch im Kinderladen-Milieu der 68er gezeigt: Hinter egalitärer Rhetorik versteckten sich weiter existierende, unvermeidliche Machtverhältnisse und trieben dort ihr Unwesen nur noch unkontrollierter weiter.

Dieser Text von Klaus Mertes ist ein Auszug aus seinem Buch „Den Kreislauf des Scheiterns durchbrechen“ und erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Patmos-Verlags.

Seit 2010, als der Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg bekannt wurde, erleben die Beteiligten und die Öffentlichkeit eine Lawine gescheiterter Versuche der Aufarbeitung durch die Kirche. Auch für die Verantwortlichen in der Kirche, allen voran die Bischöfe, ist es frustrierend, dass bisher alle Anstrengungen fehlschlugen, die komplexe Gemengelage einer Lösung näherzubringen.

Für Klaus Mertes ist klar: Solange es primär um die Wiedergewinnung von Glaubwürdigkeit geht, werden alle Bemühungen zur Aufarbeitung kontraproduktiv sein. Sie werden immer unter dem Verdacht bleiben, strategisch im Interesse der Institution motiviert zu sein. Um den Kreislauf des Scheiterns zu durchbrechen, gibt es nur eine Chance: Gerechtigkeit für die Betroffenen. Doch welcher Weg führt dorthin?

Es gibt niemals Missbrauch von Macht ohne Systeme, in denen er stattfindet. Deswegen ergibt sich aus dem Missbrauch von Macht nicht immer ein eindeutiger Schluss auf das, was an den systemisch begünstigenden Faktoren konkret geändert werden soll. Es geht ja um Missbrauch. Dieser setzt als sein Gegenteil so etwas wie den rechten Gebrauch der im System zur Verfügung stehenden Ordnungen und Mittel voraus.

Das mag aktuell in der katholischen Kirche etwas anders liegen, aber dann muss das auch ausgesprochen werden: Rechter Gebrauch von monarchischer Macht ist schwer vorstellbar, wenn man davon ausgeht, dass absolute Macht absolut korrumpiert. Deswegen ist Gewaltenteilung ein hoher Wert in sich.

Rechter Gebrauch von Diskriminierung Homosexueller oder Transsexueller in der Kirche ist ein sinnloser Begriff, rechter Gebrauch von autoritärem Herrschaftsanspruch über das Gewissen auch, und ebenso angeblich rechtmäßige Privilegierung von Männern nur deswegen, weil sie Männer sind.

In diesen Fällen hat der Missbrauchsskandal geholfen, Verhältnisse aufzudecken, die ohnehin ungerecht sind, also nicht gerecht gebraucht werden können. Die Debatte über diese Ungerechtigkeiten wäre dann aber auch zu unterscheiden von der Diskussion über diejenigen systemischen Faktoren, die man immer noch auch auf richtige Weise gebrauchen kann. Auf sie müsste sich dann auch die eigentliche Arbeit an der Prävention konzentrieren.

Das sind alles keineswegs Haarspaltereien

Vielmehr entscheidet sich an diesen Unterscheidungen, unter welchem Vorzeichen die jeweiligen Aufarbeitungs- und Reformprozesse stehen. Je nachdem steigen oder sinken die Chancen, ob die Prozesse scheitern oder gelingen. Der Synodale Weg hat nach dem Herbst 2018 Themen auf die Agenda gesetzt, die von gesamtkirchlicher Bedeutung sind. Für den damit anstehenden Marathonlauf ist es ratsam, das Vorzeichen vor der Klammer zu benennen, um das es geht, und mit dem man auch lange weitergehen kann. Es geht um:

Förderung der Gerechtigkeit innerhalb der Kirche, Förderung der Rechtskultur, Anerkennung der Gewissenfreiheit ohne autoritäre Eingriffe, Anerkennung der gleichen Würde von Mann und Frau, Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Liebe, und so weiter.

Der Zusammenhang mit der Aufarbeitung von Missbrauch besteht in einigen Aspekten direkt – da, wo Verhältnisse in der Kirche herrschen, deren „rechter“ Gebrauch gar nicht mehr denkbar ist, und indirekt da, wo von Missbrauch im eigentlichen Sinne die Rede sein kann. Glaubwürdigkeitsgewinn ist in beiden Fällen „nur“ der Kollateralgewinn, wenn er nicht direkt intendiert wird. Und dann könnte es eines Tages auch mal geschehen, dass Aufarbeitung nicht wieder am Anfang steht, wenn sie am Ende angekommen ist.

Foto: © Alpenfux/photocase.com


Klaus Mertes

Klaus Mertes

Als Klaus Mertes, geb. 1954, noch nicht wusste, dass er eines Tages Jesuit, Lehrer und Kollegsdirektor werden sollte, hatte er eigentlich zwei Berufswünsche: Entweder in die Politik gehen und Reden halten, oder an die Oper gehen und als Tristan in Isoldes Armen sterben. Rückblickend lässt sich sagen: Als katholischer Priester kann man beides gut kombinieren: Öffentlich reden und öffentlich singen. Die Jugendlichen, die Eltern, die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und alles, was so im Lebensraum Schule und Internat anfallen kann, halfen ihm, vor den großen Fragen nicht zurückzuschrecken und zugleich bei den Antworten nach Möglichkeit nicht abzuheben. Seit Sommer 2020 hat er den Schuldienst nun verlassen und ist seitdem vor allem publizistisch und seelsorglich in Berlin tätig.

Foto: Wolfgang Stahl

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