Laudage-Kleeberg Reisen Fasten

Versöhnung  

Augen und Seele lüften

Wie heilsam das Reisen in diesen Zeiten sein kann

Bei diesen Inzidenzen eine Rundreise mit dem Zug durch Deutschland und bis nach Wien zu machen wirkt erst einmal verrückt. Und doch war diese Woche eine der besten meiner letzten Jahre. Aus einem einfachen Grund: Manche Dinge erzählen sich nicht so leicht am Telefon, andere sogar gar nicht.

Auszeit

Der April ist mein „Gap month“ – der freie Monat zwischen zwei Jobs. Ich ruhe aus, denke nach und gestalte den Übergang zu meiner neuen Stelle. Wegen der Pandemie wäre ich nie auf die Idee gekommen, in diesen Wochen zu reisen. Bis mein Mann mir vor einigen Wochen vorgeschlagen hat: „Fahr doch ein paar Tage nach Wien!“ – Stück für Stück ist der Plan dann weiter gereift, in Wien kenne ich tatsächlich drei Menschen, die ich sehr schätze, aber noch nie oder seit Jahren nicht mehr besucht habe. Auf dem Weg nach Wien habe ich Halt in drei Städten gemacht, auf dem Rückweg bin ich noch über den Norden Deutschlands gefahren, um weitere Menschen zu besuchen.

Krieg und Corona

Seit ich die Reise im Kopf hatte, sind die Corona-Zahlen weiter hoch und die Sicherheitsvorkehrungen runtergegangen, Putin hat den bestialischen Krieg gegen die Ukraine begonnen und die Fastenzeit ist in vollem Gang. Bei diesen Rahmenbedingungen zu reisen, bedeutet: auf die allerletzte Minute zu buchen aus Angst, dass der Krieg sich ausweitet, manche Treffen in den Garten zu verlegen, weil sich ein Mensch am letzten Tag seiner Quaräntäne befindet, und die große Überraschung, dass es Menschen gibt, die kirchlich keinerlei Bindung haben und trotzdem mit anderen mitfasten, weil es ihnen sinnvoll erscheint.

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Alleinsein

Als ich losfahre, ist in mir ein riesiges Bedürfnis nach Alleinsein, nach Selbstbestimmung und eigenem Tempo, aufmerksamen Gesprächen und gutem Essen. Die Pandemie mit kleinen Kindern hat die Fremdbestimmung, das Gebundensein an den Nahbereich so exponentiell erhöht; sie hat dafür gesorgt, dass wir Erwachsenen eigentlich nie allein frei gehabt haben: Entweder wir haben gearbeitet oder wir haben die kleinen Menschen versorgt. Pausen waren seltene Highlights.

Augen entspannen

Umso schöner ist der Moment gewesen, als ich mit dem Zug auf die Alpen zugefahren bin – die Bergkette mit den schneebedeckten Hängen habe ich seit vier Jahren nicht mehr live gesehen. Und ich habe gemerkt, wie meine Augen sich entspannt haben: Diese Weite, diese Schöpfungsschönheit zu sehen hat sich mit tiefer Beruhigung in mich eingeprägt. Auch weil ich sie ganz allein betrachten durfte, ohne dass ein geliebter kleiner Mensch an mir zuppelt, ohne Unterbrechung durch ein Gespräch mit jemand anderem. Allein zu reisen ist ein absolut freies Gefühl – das beim Packen begonnen hat und das ich bei jeder Unwägbarkeit auf der Reise dankbar zur Kenntnis genommen habe.

Wiedersehen

In den Tagen habe ich eine Vielzahl von Wiedersehen und Abschieden erlebt. Menschen nach Jahren wiederzusehen hat in mir eine unendliche Demut vor dem Leben in seinen Schattierungen entfaltet. Meine Freundinnen und Freunde haben in den letzten Jahren unendlich viel erlebt, und jedes Leben hat seine eigene Schönheit und seine eigene Tragik zu erzählen. Vom schmerzlich erlebten Verlust engster Verwandter, vom Verstehen von sich selbst, von der eigenen Art zu lieben oder von der herausfordernden Auseinandersetzung mit den eigenen Beziehungen. Von überraschendem beruflichen Erfolg, vom Mut, etwas Neues zu beginnen, vom Glück darüber, das sich etwas zum Guten gewendet hat. In den letzten Tagen habe ich so in Ruhe zuhören können wie selten in den letzten Jahren. Und das war unfassbar schön.

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Abschiede

Bei jedem Abschied habe ich gemerkt: Dieser persönliche Besuch hat diese tiefen Gespräche erst ermöglicht, das Beieinandersitzen, das Zeit haben, das Unabgelenktsein, das gemeinsame Genießen von Essen und Wein. Diese Reise zu Menschen, die ich liebe, war für mich eine sehr andere Fastenzeit-Erfahrung: Anstatt auf bestimmte Dinge zu verzichten, habe ich zugehört, auf was andere verzichtet haben, worauf andere hoffen, was sie lieben, woran sie glauben. Und zugleich habe ich mich erholt, bin zwischendurch allein durch Städte gestreift, hab köstlich gegessen, und in der Sauna geschwitzt.

Reisen tut den Augen und der Seele einfach gut.

Fotos: © Regina Laudage-Kleeberg


Regina Laudage-Kleeberg

Sie liebt das Anders Sein und das Anders Werden von Menschen, Systemen und Organisationen. Das Anders Sein hat sie geprägt: als Rheinländerin in Franken, als Deutsche in Istanbul. Sie ist das vierte von sechs Geschwistern und hat selbst zwei Söhne. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Münster, arbeitet mit Begeisterung im Change Management und schreibt für ihr Leben gern, u.a. gerade ein Buch über das Gefühl, katholisch irgendwie obdachlos zu sein.

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