Zusammenleben  

«Der ritterliche Mann»

Ein Plädoyer für die Wiederentdeckung des Gentleman

Der moderne Gentleman steht vor großen Herausforderungen. Wo ist heute sein Platz zwischen pathologischem Frauenhass einerseits und der Forderung nach der Abschaffung des Mannes andererseits? Alte Bücher geben erstaunliche Antworten.

Was überhaupt ist ein Gentleman? Schon ab 1738 beschäftigt sich der Earl of Chesterfield in England damit, wie er seinen Sohn zum Edelmann erziehen kann – und schreibt ihm eine Reihe von Briefen, die heute zur Weltliteratur gehören. Die Briefe tragen den Titel Über die anstrengende Kunst, ein Gentleman zu werden, und in gewisser Weise werden sie in neuer Form fortgeschrieben.

Die Frage, was den Gentleman ausmacht, muss immer wieder neu beantwortete werden, und auch, wie man einer werden kann, erklärt sich nicht von selbst. Beim historischen Vorbild sollte man das Wort «anstrengend» nicht überlesen, es geht hier auch um Ehrgeiz und Arbeit, um Übung und Wissen – die einfache rohe Natur macht Männer nicht zu Gentleman. Auch der Theologe Johannes Hartl, der im Augsburger Gebetshaus viel mit jungen Menschen arbeitet, stellt eine starke Unsicherheit fest.

Was bedeutet es im 21. Jahrhundert, ein Mann zu sein – ein christlicher Gentleman? Einige Denkanstöße wurden auf der ersten Modern Gentleman Konferenz in Augsburg gegeben, zu der Hartl eingeladen hatte. Dabei ging es keineswegs um die Identitätsbausteine einer Männlichkeit, die früher in Tuchfühlung zum Soldatischen stand. Für Hartl gehören neben gutem Stil, reflektierter Stärke und philosophischer Suche auch die christliche Spiritualität und der Glaube zu dem, was er den «Modern Gentleman» nennt. Er eröffnete die Konferenz mit einem Zitat des Religionsphilosophen Romano Guardini, der meinte «Ein Gentleman ist ein Mann, in dessen Hand die zarten Dinge des Lebens gut aufgehoben sind.».

Ein Religionsphilosoph denk über Männer nach …

In seinen Briefen zur Selbstbildung, veröffentlicht 1930, widmet sich der katholische Theologe und Religionsphilosoph Romano Guardini der Männlichkeit. Er schreibt ein Kapitel über den «ritterlichen Mann». In der Summe könnte man sagen, dass Guardinis Konzept der Männlichkeit, hätte es in der Zeit stärker gewirkt, vor Perversionen und Pathologien hätte schützen können. Adolf Hitler befand nämlich nur fünf Jahre später, deutsche Männer sollten weder Ritter noch Gentleman sein, sondern «flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl». Diese menschenfeindliche Definition wirkt bis in die heutige Zeit.

Romano Guardini hingegen wünscht man eine Renaissance. Er beobachtete etwas, das erstaunlich aktuell ist: den Massentrend des Sports. Hier geht es vorrangig um das Siegen, um Konkurrenz, Körperkult, Drill und das Recht des Stärkeren. Aber ist das alles geeignet als Trainingsprogramm für eine vorbildliche, christliche Männlichkeit? Nie waren mehr Menschen in Sportstudios angemeldet als heute, nie wurde mehr Kult um den trainierten Körper getrieben und nie waren Sportevents derart ersatzreligiöse Inszenierungen. Sogar die Alltagskleidung besteht für viele Menschen nur noch aus einem «Sportdress».

Die ritterlichen Ideale

Ihm entgegen hält der Religionsphilosoph das «ritterliche Spiel», dessen Geheimnis nicht im Gewinnen liegt, sondern in der Schönheit des Spiels selbst. Es geht um Kraft, Ehre und Schönheit, es geht um ritterliche Tugenden des Charakters und der Vornehmheit.

«Schön muss es zugehen, die Stimme beherrscht, die Bewegung gebändigt.», schreibt Guardini. Körperliche und geistige Ritterlichkeit zielt auf einen «Dienst», der Ritter steht ein für Werte, er agiere unabhängig von Vorurteilen, von Lohn oder Zweck, er dient in «freier Hingabe», er ist nicht korrumpierbar. Diese Souveränität und die Unabhängigkeit von Statussymbolen und Geld machen ihn unabhängig und sie begründen seine spezifische Stärke.

Da seine Werte, für Guardini die christlichen Werke der Barmherzigkeit, nicht in Gefahr geraten, nur weil es Gegensichten gibt, muss der neue Ritter andere weder abwerten, noch hassen oder bekämpfen. Der christliche, ritterliche Mann dient etwas höherem, also Gott, er ist von der Nächstenliebe getrieben und daher verkörpert dieses Männlichkeitsideal auch den Gegenpol zum heutigen Selfcare-Firlefanz, er ist Ritter für andere. Er schätzt jeden, der für seine Werte und für das, was er ist, glaubhaft einsteht. Sein eigene Haltung ist dadurch nicht bedroht, der ist kein Fähnlein im Wind.  

Selbstkontrolle, Stil und Gewaltfreiheit

Gewalt ist dem modernen ritterlichen Mann fremd, nur der Macht- und Charakterlose braucht sie. Der moderne Gentleman setzt hingegen auf «Wort, Tat und Charakter» und er ist – immer! – auf der Seite der Schwachen, Bedrohten, Unterlegenen und Benachteiligten. Er ist stark für sie.

Der Testfall für diese Männlichkeit ist für Guardini das Verhalten gegenüber dem Anderssein, hier dominiert seine Souveränität im Akzeptieren, im Verhalten gegenüber den Schwachen und im Umgang mit Frauen.

Ein Mann ist keine Frau, auch kein Kind, aber er hat einen Codex im Verhalten ihnen gegenüber. Guardini verpflichtet den Mann gegenüber Frauen «Zurückhaltung und Selbstbeherrschung» zu zeigen, seine eigenen Probleme nicht bei ihr abzuladen, ihr unaufgefordert Hilfe anzubieten, ihr unaufgefordert (!) Arbeit abzunehmen. Sind diese Forderungen von Guardini, über 90 Jahre alt, nicht noch immer bedenkenswert? Viele Aspekte, die zurecht heute an Männern kritisiert werden, finden hier Korrektur. Im gegenwärtigen Jargon formuliert: der «Mansplainer» ist eben nicht zurückhaltend, die eigene Ehefrau ist keine Ersatz-Therapeutin und die Ungleichverteilung der Care-Arbeit resultiert auch daraus, dass Männer eben nicht unaufgeforderte helfen. 

Verunsicherte Männer

Den alten Briefen zur Selbstbildung ist einiges zu entnehmen, um zwischen den gegenwärtigen Extremen eine souveräne Männlichkeit zu entwickeln. Von ihr geht keine Gewalt aus und sie stellt sich nicht permanent in Frage. Etwa 20 Jahre nach Guardinis Briefen, 1949, erscheint ein Standardwerk, das oft zitiert und meiner Erfahrung nach selbst von Frauen nur selten gelesen wird: Das andere Geschlecht von Simone de Beauvoir.

Diese Klassikerin des Feminismus schrieb, niemand sei gegenüber Frauen «arroganter, aggressiver oder abweisender als ein Mann, der um seine Männlichkeit bangt.» Den Mut eine friedvolle, souveräne Männlichkeit wieder zu entwickeln, sollten Männer haben – dann wird «alles zärtliche« bei ihnen in guten Händen sein. Der moderne Gentleman verkörpert das nicht-aggressive, er ist leise, aber «Charakterstark». Mit dem vormodernen, englischen Gentleman hat er noch gemein, dass er stets gut gekleidet ist, Formbewusstsein besitzt, die Künste schätzt und den Humor nicht verliert. Kurz gesagt: Er macht sich für das eigene und das andere Geschlecht zu etwas anziehendem und die Welt schöner.


Frank Berzbach

Jahrgang 1971, unterrichtet Literaturpädagogik und Philosophie an der Technischen Hochschule Köln. Nach einer Ausbildung zum Technischen Zeichner studierte er Erziehungswissenschaft, Psychologie und Literaturwissenschaft. Über Wasser hielt er sich als Bildungsforscher, Wissenschaftsjournalist, Fahrradkurier und Buchhändler. Er hat eine Vorliebe für Schallplatten und Bücher, Tätowierungen und Klöster. Kulturphilosoph, lebt und arbeitet als freier Autor in Köln. Zuletzt erschienen: Die Kunst zu glauben (2023) und Das Alphabet der Lebenskunst (2025).
www.frankberzbach.com

Foto: © Tristan Hachmeister

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