Sinn  

Kann aus zwei Subjekten eines werden?

Mathias Rugel philosophiert über verschiedene Möglichkeiten

Man kann zwar Hefe, Wasser und Mehl vermengen, dass sie zu einem Teig werden, bei Personen sieht das Ergebnis einer solchen Vermengung in Rührschüssel und im Backofen aber eher kläglich aus – man erinnere sich nur an das Ende der Bildergeschichte von „Max und Moritz“. Und doch wird von Spitzenerfahrungen berichtet, in denen sich Personen in der Liebe eins fühlen oder in einer Ekstase mit dem Universum verschmolzen sein wollen.

Ich weiß nicht, ob das wirklich funktioniert. Als Philosoph interessiert mich aber, wie man sich so etwas vernünftig vorstellen könnte. Muss etwa eine Person sterben, wenn es passiert, dass zwei Wesen zu einer Person werden? Schließlich kann es doch kaum sein, dass zwei mit eins identisch ist? Oder müssen gar beide sterben und es kommt etwas ganz Neues zum Vorschein?

Subjekte und Perspektiven

Ich kläre und vereinfache die Begrifflichkeit. Mich interessiert vor allem ein Aspekt der Person: Dass sie eine Innenperspektive hat, in der sie etwas erlebt. Eine Perspektive, in der sie wahrnimmt, empfindet, fühlt und eventuell denkt. Dass sie einen subjektiven Blick auf das hat, was ihr erscheint, dass sie ein Subjekt ist. Solche Subjekte bzw. Perspektiven müssen keine Personen sein, Säugetiere sind höchstwahrscheinlich solche Subjekte; ob auch Bäume dazu gehören, ist umstritten und erst recht ist es schwierig, für Einzeller ein fundiertes Urteil abzugeben.

Es macht freilich unsere Überlegungen greifbarer und anschaulicher, wenn wir annehmen, auch einige Einzeller wären Subjekte. Dann haben wir nämlich in unserem Falle als Menschen das wirkliche Problem, wie diese vielen Zellen mit ihren vielen Perspektiven zur Gesamtperspektive von mir als Person beitragen.

Kombination von Subjekten

Wie also kombinieren sich Subjekte? Es gibt mehrere Antwortoptionen:

  1. Indem ein Subjekt S1 in ein anderes S2 integriert wird, wobei das ursprüngliche Subjekt S1 zugrundegeht.
  2. Indem sie fusionieren, also die früheren Subjekte S1 und S2 ausgelöscht werden und zu einem neuen Subjekt S3 verschmelzen.
  3. Indem sie (S1 und S2) beherrscht werden von einem neuen Subjekt, aber sich analog wie Untertanen einbringen (und nicht sterben).
  4. Es ist unmöglich, dass Subjekte sich kombinieren

Möchte ich wirklich mit einem anderen Subjekt, gerade mit jemand Geliebtem oder Gott, zusammengehören? Was kostet mich das?

Das Spektrum möglicher Antworten geht von: „nichts“ zu „meine Aufmerksamkeit“ zu „mein Leben, also alles“. Was habe ich davon? Vielleicht Weisheit, Erfahrungsreichtum, vielleicht den Tod, vielleicht das Glück? Ich illustriere die ersten drei Optionen von oben:

  • Integration passiert vielleicht, wenn jemand sagt: „Heute verstehe ich, warum ich als Kind immer so traurig war.“
  • Ein Modell für eine Verschmelzung oder Fusion könnte sein: Da mag ein früheres Subjekt vom Geschmack von Rotwein erfüllt gewesen sein und ein anderes früheres Subjekt vom Geschmack von Rindfleisch, jetzt bei der Mahlzeit bleibt freilich für mich als jetziges Subjekt nur das kombinierte Aroma.
  • Das hierarchische Modell ähnelt einem Ameisenhaufen oder einem Bienenstock, wenn man annimmt, dass die „Königin“ das kollektive Bewusstsein ihrer Untertanen ist. Im Roman „Der Schwarm“ von Frank Schätzing agiert ähnlich eine Horde von Einzellern, der Schwarm, der von einem etwas größeren Einzeller, der „Königin“ geleitet wird, die gewisse Pläne für ihre Untertanen verfolgt.

Vielleicht ist es ihnen anhand der Beispiele nicht so wohl? Sie brauchen dabei nicht an gruslige Menschenexperimente mit Big Data und KI zu denken. Es genügt, dass Sie sich bewusst machen, von wie vielen Wesen Sie eigentlich wissen, dass sie Subjekte sind. Welches sind die Perspektiven, die Sie wirklich kennen?

Es ist nicht abwegig, dass Sie jetzt zu dem Schluss kommen, dass Sie nur ihre eigene Perspektive kennen. Dass Sie niemals aus ihrer Perspektive herauskommen können. Denn wenn Sie, wie man so sagt, „eine andere Perspektive einnehmen“, dann sind Sie es ja und damit ist und bleibt es Ihre Perspektive.

Alles eine Frage der Perspektive

Ob das stimmt, ist eine Frage des Blickwinkels. Vielleicht wird ja durch das „eine andere Perspektive einnehmen“ wirklich etwas im Sinn von (1) integriert, das manchmal auch ein ganzes Subjekt sein könnte. Vielleicht kann von einem Subjekt zumindest die Außenseite, das von außen Beschreibbare, in ein Subjekt integriert werden, insbesondere in mich als Subjekt.

Alles, was wir wahrnehmen, könnte eine Außenseite einer Innenperspektive sein.

Vielleicht ist Perspektive-Einnehmen im Sinn von (3) ein Beherrschen von Subjekten, die wir nicht kennen, aber auch nicht kennen müssen. Es passiert vielleicht automatisch, wenn Menschen mit ihren Außenseiten, der Umwelt, umgehen.

Das gewagteste Bild der Kombination von Subjekten ist die Verschmelzung im Sinn von (2). Sie ähnelt nicht der Vereinigung von Steinen zu einer Mauer, sondern eher der Vereinigung von Flüssen im Meer. Auch wenn die Flüsse verschwinden, bleibt doch das Wasser. Religiöse Traditionen und zeitgenössische Philosophinnen wie Hedda Hassel Mørch greifen das auf. Auch wenn die Subjekte, die partikularen Perspektiven, die Egos verschwinden, es bleiben doch alle Erlebnisse und es bleibt das Bewusstsein als unendliches Meer.

Handwerklich weiterphilosophieren

Somit sind wir bei einer fünften Lösung, die sogar leugnet, dass es überhaupt verschiedene Perspektiven gibt. Sie ist gut vereinbar mit Lösung (4), dass Kombination unmöglich ist. Das möchte ich nicht. Ich möchte den steinigen Weg gehen.

So weit wie möglich möchte ich damit gehen, dass Kombination von Subjekten denkbar ist.

Ich würde mir wünschen, dass dazu nicht dauernd Subjekte vernichtet werden müssten. Mir wäre es auch angenehm, wenn das Vereinigen von Subjekten möglichst wenig Dominanz und wenig Servilität bräuchte. Vielleicht klappt es, dass ich Lösung (1) und (3) kombiniere, Integration wechselseitig mache, sowie die Stufung der Welt als Liebesordnung denken lerne.

Möchten Sie sich intensiver mit dieser Thematik befassen? Dr. Matthias Rugel SJ bietet dazu einen achtteiligen Kurs „InnenAußenWelt“ im Heinrich Pesch Haus, Ludwigshafen, an. Er beginnt am 14. September 2022 um 19 Uhr.

Foto: © Pete Linforth/pixabay


Matthias Rugel

Sucht den Sinn in Gesellschaft von alten und zeitgenössischen Philosophen und möchte in der Gesellschaft den Sinn für gemeinsames Leben mit Menschen aus aller Herren Länder stärken. Der Jesuitenbruder arbeitet als Bildungsreferent am Heinrich Pesch Haus. Der ehemalige Langzeit-Student, Jugendtheater- und Softwareentwickler organisiert auch in Corona-Zeiten ehrenamtlichen Sprachunterricht für Geflüchtete. Seine Ahnung ist, dass die Willkommenskultur bis heute mit dem Reich Gottes zu tun hat.

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