Stolperstein Hermann Deibler

Sinn  

Mein Urgroßonkel Hermann und der Vogelschiss

Gegen das Vergessen der „Aktion T4“

Ein kleines Messingquadrat im Pflaster der Ulmer Elisabethenstraße erinnert seit dem 20. Mai 2026 an Hermann Deibler. Der Urgroßonkel des Autors wurde 1940 im Rahmen der nationalsozialistischen „Aktion T4“ in Grafeneck ermordet. Jahrzehntelang blieb sein Schicksal von Schweigen, Scham und verdrängter Trauer umgeben. Der Stolperstein macht seinen Namen und seine Geschichte nun wieder sichtbar – als stilles Zeichen gegen das Vergessen und gegen jene, die die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus heute für entbehrlich halten. Tobias Zimmermann erzählt dazu ganz persönlich.

Hermann Deibler war ein freundlicher Mensch. Hilfsbereit. So schildern ihn später Mitbewohner, Pfleger und seine Familie. Mit neun Jahren erkrankte er an einer Gehirnhautentzündung. Folge war eine Beeinträchtigung. Sie begleitete ihn für den Rest seines Lebens. Er lebte bei seiner verwitweten Mutter. Und er arbeitete für seinen Lebensunterhalt. Sein Arbeitgeber Magirus ehrte ihn für 25 Jahre Betriebszugehörigkeit. Nach dem Tod seiner Mutter, zog er ins Pflegeheim Stetten im Remstal. Auch dort arbeitete er mit und blieb als freundlicher, hilfsbereiter und insbesondere neuen Bewohner zugewandter Mitbewohner in Erinnerung. Er aber schrieb angstvolle Briefe an seine Schwestern. Es kämen graue Busse. Und wer einsteige, kehre nie wieder. Das war 1940. Die Schwestern versuchten ihn wohl nach Hause zu holen. Pflegekräften gelang es einmal, ihn von der Transportliste streichen. Es half nicht: Am 13. September 1940 wurde er nach Grafeneck transportiert und noch am selben Tag ermordet durch Einsatz von Giftgas, eingeleitet in einen „Duschraum“.

Deckname „Aktion T4“

Die Täter: Das nationalsozialistische Regime. Die Grundlage: Ein handschriftlicher Erlass Adolf Hitlers vom Oktober 1939, rückdatiert auf den 1. September 1939. Er ermächtigte Ärzte, „unheilbar Kranke“ den „Gnadentod“ sterben zu lassen. Das Programm lief intern unter dem Decknamen „Aktion T4″ – benannt nach der Berliner Adresse Tiergartenstraße 4, wo die zuständige Behörde ihren Sitz hatte. Die Täter wussten sehr genau um die Ruchlosigkeit ihres Handelns und wollten keine Spuren hinterlassen.

Das erste Tötungszentrum, Grafeneck, funktionierte nicht einmal ein Jahr und wurde schon im Dezember 1940 wieder geschlossen. Man hatte – obwohl Grafeneck einsam in einem Wald lag – vor der Bevölkerung nicht geheim halten können, was dort geschah. Nachbarn hatten die grauen Busse gesehen. Die Kirchen hatten Druck gemacht. Nicht einmal ein Jahr. Aber in diesem einen Jahr wurden 10.654 Menschen in einer Gaskammer getötet: psychisch kranke Frauen und Männer, Menschen mit physischen Beeinträchtigungen, Alte und Junge, aus Anstalten in ganz Süd- und Südwestdeutschland. Die Aussagen darüber, wie sie starben, gehen auseinander. Es ist davon auszugehen, dass es keinesfalls eine „Gnade“ oder „friedvoll“ war. Das verwendete Gas kam übrigens von IG Farben aus dem Werk Ludwigshafen, heute BASF.

Ist es wirklich genug mit der Erinnerungskultur?

In der Gegend von Grafeneck gab es unter den Älteren noch in den siebziger Jahren durchaus den Spruch: „Wenn Du nicht gut tust, schicken wir Dich nach Grafeneck und da den Kamin hinauf.“ So war das lange mit dem Erinnern in Deutschland. Kein Wunder, dass in so „empathischem Klima“ Angehörige nicht gerne anfangen wollten zu sprechen. Seine Schwester, Hilde, – eine sehr feine, damals schon steinalte Frau – habe ich als Kind noch persönlich kennen und lieben gelernt. In ihrem Umfeld schnappte ich sie auf, Gesprächsfetzen, Andeutungen mit leisen Stimmen … Es gab da diesen Urgroßonkel Hermann … Seine Schwestern hatten die Nachricht erhalten, er sei an „Lungenentzündung“ gestorben. Aber niemand habe das je geglaubt.

Die Fetzen des Wissens um sein Schicksal begleiteten mich still, wie eine leise Trauer. Sie tauchten bei Gelegenheit auf, wenn irgendwo von der sogenannten „Euthanasie“ die Rede war oder vom beredten Schweigen in unseren Familien, wenn es um die sehr persönliche Familiengeschichte in jenen Jahrzehnten ging. Und natürlich gab es in meiner Familie alle: da waren die glühenden Nazis, die Mitläufer und die Angehörigen ihrer Opfer – und da war das Schweigen, die Trauer, die stumme Abwehr von Fragen.

Nun gibt es Mitmenschen, die sagen, es sei nun genug mit der Erinnerungskultur. Ihre politischen Lautsprecher mit den verkniffenen Gesichtern faseln verbiestert etwas von, es sei jetzt „genug“, vom deutschen Schuldkomplex und davon, all das sei ja nur ein Vogelschiss auf unserer Geschichte, auf sie sie gerne stolz sein wollen. Wieso eigentlich stolz? Sie haben nicht viel dazu beigetragen, so oder so.

Stolperstein Hermann Deibler

Gegen das Vergessen

Ich frage mich dann immer, ob so viel Empathielosigkeit und Hartherzigkeit eigentlich angeboren sind oder doch hart antrainiert. Man könnte (und man wird sie, Zu Recht, vergessen.) Nur gibt es interessanterweise nicht wenige Menschen, die diese Art Brutalo-Rhetorik für einen Ausweis von Meinungsführerschaft halten. Und da kann ich nur gratulieren: Ihr leidet ganz offenbar unter einem Euch beruhigenden Mangel an Fantasie. Denn stell Dir nur mal kurz vor, die haben – auch durch Deine Stimme – in Zukunft was zu sagen. Und dann hast Du einen Unfall oder Dein Kind? Du glaubst, dann zeigen sie plötzlich Einfühlungsvermögen und Solidarität. Glückwunsch, träum weiter!

Nein. Hermann Deibler war 86 Jahre lang fast vergessen. Auch ich erinnerte ihn nur als Schatten, auftauchend aus Satzfetzen und Erinnerungen an die Trauer in Gesichtern von Menschen, die ich sehr mochte. Was war da wirklich? Jetzt ist sein Name eingraviert in einem golden glänzenden Pflaster in der Elisabethenstraße 46 in Ulm. Bescheiden und doch eine Einladung, den Namen eines Menschen zu erinnern, der hier ein und ausging, um seine Schwestern zu besuchen. Und ich bin jenen Menschen zutiefst dankbar, die nicht auf die Idee kamen, es sei jetzt genug mit dem Erinnern; Sie haben recherchiert, gesucht und nicht locker gelassen, bis Hermann Deibler, sein Name und sein Leben wieder sichtbar wurden. Ein Stolperstein ist kein Schlusspunkt. Er ist ein Anfang. Das Erinnern hat gerade erst begonnen — Danke!


Tobias Zimmermann SJ

ist Priester, Pädagoge und Jesuit. Als Autor und als Mitbegründer des Zentrums für Ignatianische Pädagogik (ZIP), das er seit Oktober 2019 leitet, arbeitet Tobias Zimmermann an Projekten der Entwicklung der katholischen Schulbildung und Spiritualität, in der Schulentwicklung, im Coaching für Leitungskräfte und in der Fortbildung von Schulleitungen und Pädagogen. Seit Oktober 2019 ist er Direktor des Heinrich Pesch Hauses und wirkt mit an der Weiterentwicklung der Akademie im Bereich Online-Bildung, neue Schwerpunktthemen sowie an der Entwicklung der Heinrich Pesch Siedlung, einem Modellprojekt für soziale und ökologische Stadtentwicklung.

Foto: Stefan Weigand

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