Zusammenleben  

Zeitreise ins Mittelalter

In der Nähe von Meßkirch im Naturpark Obere Donau entsteht eine Klosterstadt – gebaut nur mit den Mitteln des 9. Jahrhunderts

Nicht mit Bagger und Digitaltechnik, sondern mit Spucke, Muskelkraft, Ochsen und den Techniken des Mittelalters entsteht im süddeutschen Meßkirch eine mittelalterliche Klosteranlage, der Campus Galli. Statt Presslufthammern und Motorengeräuschen hört man Hammerschläge auf einem Amboss oder die Laute eines Ochsen.

Den Plan für den Campus Galli lieferte ein Mönch der Benediktinerabtei auf der Insel Reichenau vor etwa 1180 Jahren. Der Mönch saß in der Schreibstube des Klosters. Mit roter Farbe und Gänsekiel fing er mit der Arbeit an dem Sankt Galler Klosterplan an, der heute als die älteste überlieferte Architekturzeichnung gilt. Linie an Linie setzte er auf das weiße Pergament, ein Gebäude nach dem anderem entstand. Als der Platz für die große Kirche nicht mehr reichte, gingen er und seine Mitbrüder pragmatisch vor. Mit Nadel, weißem Darmfaden und viel Geschick nähten sie Pergamente an. Das Zeichnen konnte weitergehen.

St. Gallener Klosterplan als Vorlage

Fast 1200 Jahre später steht Hannes Napierala vor einer Kopie des Pergaments auf einer großen Schautafel auf einem Waldstück etwa 35 Kilometer Luftlinie von der Schreibstube entfernt. „Die Abteikirche ist der Mittelpunkt der Anlage“, erklärt Napierala. „Siebzig Meter wird die lang.“ Ein älterer Mann schaut ihn irritiert an. „So eine große Kirche werden sie mit den Mitteln nie bauen können.“ „Glauben Sie?“, fragt Hannes Napierala zurück. „Kommen Sie mal in 50 Jahren wieder!“

Hannes Napierala ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins, der dieses einzigartige Projekt in Deutschland verwirklichen möchte. Alles, was auf dem Plan, dem sogenannten Sankt Galler Klosterplan, verzeichnet ist, soll Wirklichkeit werden. Dazu gehören Klosterzellen, Schule, Handwerksbetriebe, Refektorium, Skriptorium, Dormitorium, Brauerei und Gemüsegarten. Ins Leben gerufen wurde das Projekt von dem Journalisten Bert M. Geurten. Er  war fasziniert von dem alten Plan, und die Idee, eine mittelalterliche Klosteranlage Realität werden zu lassen, ließ ihn nicht mehr los.

St Gallen Klosterplan
Der St. Gallener Klosterplan dient als Vorlage für den Campus.

Seit 2013 arbeiten Männer und Frauen, Zimmermänner, Korbflechter, Gärtner, Schmiede, Töpfer, Weberinnen, Tierpflegerinnen und Steinmetze auf dem rund 25 Hektar großen Waldstück. Es  werden Bäume gefällt, um Platz für die Handwerksbetriebe zu haben und Holz für die Gebäude. Die Handwerker stellen Werkzeuge für die anfallenden Arbeiten her, Geschirr wird getöpfert, aus dem später gegessen werden kann.

Eine Zeitreise ins Mittelalter

Besucher können hautnah miterleben, wie der Campus Galli Stück für Stück entsteht. Seit 2015 ist die Anlage für Gäste offen. „Das ist wie eine Zeitreise“, sagt ein älteres Ehepaar begeistert. Auf einem Rundweg geht es durch das Waldstück vorbei an Obst- und Gemüsegarten, der Schmiede, der Töpferei oder auch der Seilerei. Alles, was links des Weges ist, soll irgendwann bebaut sein. Beim Gang über das Gelände begegnen einem die Arbeiter in ihren Leinenkutten. Die historischen Gewänder, von Experten geprüft, sind Pflicht, genauso wie Sicherheitsschuhe. „Das sind Zugeständnisse an die moderne Zeit. Da müssen wir die Regeln in Deutschland einhalten“, erklärt Napierala.

„Das ist einfach einzigartig hier zu arbeiten“, sagt Andreas, einer der mittlerweile etwa 25 Handwerker. Der gelernte Maurer gerät ins Schwärmen, wenn er erzählt. „Hier haben wir Zeit, etwas richtig gut zu bauen.“ Seit zwei Wochen arbeitet er an der Steinmauer vor ihm. Seine Arbeitsgeräte und -materialien sind eine einfache Kelle, ein Mörtel, dessen Mixtur nach monatelangem Probieren für gut befunden wurde, und viele Steine. „Abends, wenn ich ins Bett gehe, dann habe ich ein gutes Gefühl, etwas mit meinen Händen geschaffen zu haben. Nicht viel vielleicht, aber etwas richtig Gutes“, erklärt er begeistert, und die Zufriedenheit spiegelt sich in seinem Gesicht wieder.

Ein Feldversuch der experimentellen Archäologie

Campus Galli ist eine Mischung aus Freilichtmuseum, riesiger Mittelalterbaustelle und archäologischem Forschungsprojekt; ein Feldversuch der experimentellen Archäologie. Die Quellenlage und auch die archäologischen Funde aus der Region aus der Zeit der Karolinger sind dürftig und spärlich gesät. Hinzu kommt, dass der Klosterplan viele Fragen offenlässt, zum Beispiel beim Maßstab der Zeichnungen. Nur bei der großen Abteikirche sind Längenangaben vorhanden. Würde man diesen Maßstab aber auf die anderen Gebäude eins zu eins übertragen, wäre ein Grab auf dem Friedhof acht Meter lang.

Ein Team von Historikern, Archäologen und Experten für Kunstgeschichte versucht, die wichtigsten Fragen zu lösen. Ansonsten ist Experimentieren angesagt. Die Ergebnisse liegen zwischen Plan und Zufall. Wie ist die beste Mörtelzusammensetzung? Wie schützt man die Blasebälge in der Schmiede vor der Hitze? Klarer Anspruch bei der Arbeit:

Wir wollen 100 Prozent Authentizität.

Hannes Napierala


Trotz aller Liebe zum historischen Projekt muss auch der Campus Galli die bürokratischen Anforderungen erfüllen. Ob Fluchtwege, einen doppelten Zaun für das Gehege der Schweine wegen der Gefahr der Schweinepest oder jetzt Corona-bedingte Hygieneauflagen.

Der Weg ist das Ziel

Das Interesse am Campus Galli steigt kontinuierlich. Ruhe, Schlichtheit, ein einfaches Leben, bei dem man mit seinen eigenen Händen etwas erschafft, reizt die festangestellten Mitarbeiter, ebenso wie die vielen Freiwilligen, die für eine Zeitspanne auf der Baustelle helfen.  

Wo in anderen Freilichtmuseen Texttafeln alles Wichtige erklären, sind es hier die Arbeiterinnen und Arbeiter, die den Besuchern Rede und Antwort stehen. Doch Napierala stellt klar: „Das sind keine Vorführungen, die hier stattfinden. Die müssen richtig ranklotzen, damit nachher etwas rauskommt.“ Zum Beispiel mussten 15.000 Schindeln, Hunderte Holzbretter, massive Holzbalken und Tausende Holznägel produziert werden, die für die Holzkirche,  das bislang größte fertiggestellte Gebäude, gebraucht wurden. In der Kirche erwartet den Besucher eine besondere Atmosphäre mit dem Geruch des Holzes, dem steinernen Altar, dem großem Holzkreuz und  auch der wunderbar gedrechselten Chorschranke. Die Holzkirche bildet den Vorgängerbau für die steinerne Abteikirche, zwei Kapellen werden hinzukommen. Das dauert noch. Auf der Baustelle gilt das Motto: Der Weg ist das Ziel.

Campus Galli Messkirch

Die Kirchen werden nur museale Zwecke erfüllen. In der Baugenehmigung für die Holzkirche taucht der Begriff Kirche nicht auf. Vielmehr wird von einem „Mehrzweckgebäude“ gesprochen. Laut Pachtvertrag mit der Stadt dürfen auf dem Gelände keine religiösen Handlungen durchgeführt werden. Die Kirchen werden deshalb auch nicht geweiht. „Welcher Konfession würde die Kirche dann auch zugehören? Wir sind an erster Stelle ein Museum, in dem aber Kirchen- und Kulturgeschichte sichtbar wird“, erklärt  Napierala. 

Hannes Napierala freut sich auf den Aufbau der Klosterscheune und damit des ersten großen Gebäudes, das in dieser Form auch auf dem Klosterplan aufgezeichnet ist. „Wir haben dafür jetzt alle Hölzer fertig, und auch das Stroh für das Dach ist bereit.“ Das richtige Roggenstroh dafür zu finden und die Menge zu bestimmen (am Ende wurde Roggen auf 4,5 Hektar angebaut), war dabei wieder ein langer, schwieriger Prozess mit viel Testen und Probieren. Unter anderem auch weil der heutige Roggen so gezüchtet ist, dass die meiste Energie ins Korn und nicht mehr in die Halme geht. Aber genau wegen der Länge der Halme war Roggenstroh so gut für Dächer geeignet.

„Das ist ein Ort, wo sich die Welt langsamer dreht“, sagt die Frau aus Rheinstetten bei Karlsruhe, die mindestens zweimal im Jahr den Campus Galli besucht und gerade einer Töpferin bei der Arbeit zusieht. Sie kann sich gut vorstellen, hier mal für einige Wochen als Freiwillige mitzuarbeiten. „Wenn ich in Rente bin, mache ich das auf jeden Fall“, sagt sie. „Die Arbeit in der Natur an der frischen Luft, und vor allem die Verlangsamung der Arbeit, das ist doch etwas, was wir im 21. Jahrhundert viel häufiger bräuchten.“

Helfer willkommen

Pandemie-bedingt ist der Saisonbeginn im Campus Galli verschoben worden. Für die Zeit nach der Pandemie sind Geschichtsinteressierte, Studenten auf der Suche nach einem Praktikum, Handwerker oder Leute, die der alltäglichen Hektik entfliehen und an der frischen Luft arbeiten wollen als Helfer*innen willkommen. Weitere Informationen zu Öffnungszeiten und Veranstaltungen unter www.campus-galli.de


Daniel Gerber

Daniel Gerber

Daniel Gerber ist Redakteur beim Konradsblatt, der katholischen Wochenzeitung in Baden, und freut sich durch seine Arbeit die Chance zu haben, dass Menschen ihm ihre Geschichten erzählen.


Dieser Beitrag ist zuerst in der Frühlingsausgabe 2021 von „der pilger – Magazin für die Reise durchs Leben“ erschienen.

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