Earth Overshoot Day

Nachhaltigkeit  

Wie viele Erden benötigen wir?

Gedanken zum Earth Overshoot Day

Eigentlich müssten ab diesem Tag alle Fabriken stillgelegt und alle Kraftwerke abgeschaltet werden, wir uns nur noch von (sauberer) Luft und Liebe ernähren, damit sich der Planet in den übrigen fünf Monaten des Jahres davon erholen kann, was wir ihm von Januar bis Juli angetan gaben. Das geht natürlich nicht, schließlich haben rund acht Milliarden Menschen auf unserem Planeten unterschiedliche Bedürfnisse, die versorgt werden wollen: von Nahrung und Wasser bis zu neuen Autos und Weltreisen.

Zu jedem Film gehört gute Recherche

Zum Hintergrund: Der „Overshoot Day“ (deutsch: Erdüberlastungstag) des Planeten Erde sowie der einzelnen Länder basiert auf Berechnungen und Schätzungen des Global Footprint Network, die mit Zahlen der Vereinten Nationen erstellt werden. Dabei wird das verbrauchte biologische Material in Form von nachwachsenden natürlichen Rohstoffen mit dem Ertrag der Fläche in Relation gesetzt, die für die Bereitstellung von Ressourcen (z. B. Nahrungsmittel) oder die Aufnahme von Emissionen und Abfall benötigt wird. Das Ergebnis ist ein fiktives Datum für jedes Land und den gesamten Planeten.

Der Earth Overshoot Day wird seit den 1970er Jahren berechnet und verschiebt sich von Jahr zu Jahr nach vorne: Lag er in den 70er und 80er Jahren noch im letzten Quartal eines Jahres, nähert er sich mehr denn je der Jahresmitte an. Dass er im Jahr 2020 – dem Jahr mit den härtesten Einschränkungen gesellschaftlichen Lebens und wirtschaftlicher Aktivität bedingt durch die Corona-Pandemie – um rund einen Monat nach hinten gewandert ist, zeigt: Eine Veränderung ist möglich.

Würden die Ressourcen der Erde zu gleichen Anteilen auf alle Länder gemäß der Zahl ihrer Einwohner*innen verteilt, hätte Deutschland seinen Anteil im Jahr 2022 übrigens bereits Anfang Mai aufgebraucht. Nach Berechnungen des Global Footprint Network tummelt sich die Bundesrepublik damit zwischen Norwegen, Russland, Saudi-Arabien und Spanien im vorderen Drittel des Feldes. Das Umweltbundesamt lässt verlauten, „dass wir in Deutschland die Natur dreimal so schnell nutzen, wie sich Ökosysteme regenerieren können“. Der Film wäre also nach dem Intro und den ersten Szenen vorbei, bevor die Handlung überhaupt Fahrt aufnimmt, um in der cineastischen Metapher zu bleiben.

Sozial-ökologische Transformation der Gesellschaft

Als Menschen und Bürger*innen haben wir zahlreiche individuelle Handlungsmöglichkeiten – manchen sind wir uns bereits bewusst, manche liegen uns vielleicht eher fern, manche sind mit mehr, manche mit weniger Veränderung im Alltag verbunden. Wer das Gefühl hat, den eigenen Alltag bereits konsequent ökologisch ausgerichtet zu haben, kann von hier direkt zum nächsten Kapitel vorspulen.

Erdüberlastungstag Klimaschutz

Ernährung – eines der menschlichen Grundbedürfnisse und gleichzeitig ein großer Faktor für die globale Klimabilanz durch Kohlenstoff und Methan. Durch regionales Einkaufen und saisonal angebaute Lebensmittel können wir Lieferketten verkürzen, Wasserverbrauch und CO2-Emissionen einsparen, kleinbäuerliche Landwirtschaft stärken und globale Abhängigkeiten verringern. Unter dem Stichwort „sich die Ernte teilen“ wird man etwa bei einer solidarischen Landwirtschaft Mitglied einer Genossenschaft, zahlt einen regelmäßigen Beitrag und erhält dafür einen Anteil der wöchentlichen Ernte. Das bringt Sicherheit für die Landwirt*innen und Abwechslung auf den Teller!

Mit Projekten wie Foodsharing oder Apps wie Too good to go kann die Verschwendung von Lebensmitteln auf Seiten von Einzelhandel und Konsument*innen verringert werden. Für zu Hause tut’s oft eine klassische Einkaufsliste und ein bisschen Kreativität beim Verarbeiten von Essensresten.

Vegetarische oder vegane Ernährung haben ebenfalls einen positiven Einfluss auf die Klimabilanz: eine Reduktion des globalen Fleischkonsums um 50 Prozent bei gleichzeitigem Ersatz durch vegetarische Kost würde den Earth Overshoot Day um rund zweieinhalb Wochen nach hinten verschieben.

Im Bereich Konsum sind die 3 R’s „Reduce – Reuse – Recycle“ eine gute Faustregel: Den eigenen Lebensstil zu hinterfragen, Besitz zu reduzieren, Gegenstände länger bzw. anders zu nutzen und zu reparieren, sie am Ende ihres Lebens auf dem Wertstoffhof wiederzuverwerten und in ihre Ausgangsstoffe zu zerlegen: All das sorgt für weniger Produktion, Transport, Stoffströme und Müll – und schont letztendlich sogar den eigenen Geldbeutel!

Oft vergessen, aber mindestens eine kleine Sequenz wert: unsere Finanzen. Wenn wir etwas Geld übrig haben, können wir es so anlegen, wie wir es für sinnvoll und ethisch vertretbar halten. Dazu eignen sich etwa ökologisch agierende Banken oder Initiativen, die Mikrofinanzkredite vergeben.

Energie, Wohnen, Reisen, Digitalität: fast alle Bereiche unseres Lebens sind irgendwie mit Fragen von Klimaschutz und Nachhaltigkeit verknüpft. Einen Einblick, wie wir unseren Alltag nachhaltiger gestalten können, bietet das Portal Delta21 exemplarisch für die Metropolregion Rhein-Neckar: vom Wochenmarkt über Second-Hand-Läden und Repair Cafés bis zu Car-Sharing und nachhaltigen Reiseanbietern ist hier für viele Interessen und Lebenssituationen was dabei.

Drama oder Happy End? Wir bestimmen das Ende des Films mit!

All das ist gut und sinnvoll, richtig und wichtig. Doch der globale Klimawandel ist mehr als das: Er kann nicht durch individuelle Verhaltensänderungen einzelner Menschen aufgehalten werden. Dazu kommt:

Klimaschutz ist ein Marathon, doch die notwendigen Maßnahmen müssen im Sprint umgesetzt werden, wenn sie erfolgreich sein sollen!

Was wir dazu brauchen, sind größere politische Aufmerksamkeit und weitergehende strukturelle Maßnahmen. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der ökologisches Verhalten als Default-Einstellung zum Standard wird. Wir brauchen Rahmenbedingungen, in denen es für uns Bürger*innen einfacher ist, sich umweltgerecht zu verhalten. Damit entlasten wir den einzelnen Menschen, nehmen ihm oder ihr ein Stück Verantwortung ab.

Wir haben das Wissen und die Technik, viele von uns die Möglichkeit und Bereitschaft zur Veränderung. Schaffen wir es gemeinsam, das Drehbuch so umzuschreiben, dass es ein Happy End für den Planeten Erde und uns gibt? Es bleibt spannend – wir sind live dabei und können nicht einfach umschalten!

Foto: © Delpixel/shutterstock.com


Alexander Mack

Er hat in Darmstadt und Wien Pädagogik sowie Bildungswissenschaften studiert. Der begeisterte Radfahrer ist seit über zehn Jahren im Bereich der politischen Bildung unterwegs und beschäftigt sich dabei vor allem mit sozial-ökologischen Themen und Fragen nach einer gerechten Gesellschaft. In seiner Freizeit ist er mit Familie oder Freund*innen gerne draußen unterwegs, backt Flammkuchen beim Pfadfinderstamm in seiner südhessischen Heimat, schnürt die Laufschuhe oder wirft Frisbee-Scheiben über Sportplätze.

Weiterlesen

31.05.2024 Zusammenleben
Tai Chi für Demokratie

Tai Chi für Demokratie

Das Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen und die evangelische Akademie der Pfalz rufen dazu auf, sich im Blick auf die Europawahlen für die Demokratie in Bewegung zu setzen: Sich mental in Bewegung zu setzen, indem man mit Fremden und Freunden einfach Freude an der Bewegung hat. Dazu werden wir von einem Tai Chi Lehrer angeleitet. Dann aber auch gemeinsam in die Debatte zu finden, nachzudenken und sich zu vernetzen.

weiter
29.05.2024 Zusammenleben
Komplexität

Mehr als kompliziert

Ignatius von Loyola begleitet Maria Herrmann schon eine ganze Weile. Immer wieder fällt ihr auf, wie zeitgemäß seine Themen sind und wie sie an heutige Fragen anknüpfen. Vor allem bei der Frage, wie wir mit der Komplexität unserer Zeit umgehen, gibt er eine spannende Antwort.

weiter
13.05.2024 Versöhnung
St. Paulus Kirche - Weckhoven - Dussoldorf, Germany - Fritz Schaller _ Stefan Polónyi, 1966-1970 Jamie McGregor Smith

Heilige Moderne

Ein Bildband über markante Kirchenbauten der Nachkriegsmoderne? Man könnte meinen, ein solches Buchkonzept lockt heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Und doch war die erste Auflage von „Sacred Modernity“ innerhalb von drei Wochen vergriffen. Stefan Weigand hat sich von dem Buch in den Bann ziehen lassen – und erteilt so manchem heimeligen Wunsch an Kirchengebäuden eine Absage.

weiter