Ein geistlicher Impuls von Jan Korditschke SJ
„An die Grenzen gesandt sein“ – so beschreibt die Gesellschaft Jesu ihren Auftrag (35. Generalkongregation, Dekret 3). Das klingt nach fernen Missionen und heldenhaften Einsätzen weniger Auserwählter. Doch bei näherem Hinsehen liegen viele Grenzen näher – mitten im Alltag. Und an sie sind wir alle gesandt.
Eine Grenze trennt: drinnen von draußen, Zugehörige von Fremden. Ich erinnere mich an einen Sommertag in Valencia. Aus dem Fenster eines Bürohochhauses blickte ich in zwei Richtungen. Im Norden lag ein verwilderter Park, in dem Obdachlose auf Bänken schliefen. Im Osten ein Tennisclub, wo Kellner Getränke auf den frisch geharkten Platz brachten. Dazwischen eine Mauer – hoch genug, sodass die Clubmitglieder die andere Seite ausblenden konnten.
Solche Mauern stehen überall. Viele sind unsichtbar. Wer beruflich erfolgreich ist, bewegt sich oft in Kreisen, die sich nach unten fast unmerklich abschotten. Wir begegnen nur Menschen, die ähnlich denken, ähnlich verdienen, ähnliche Sorgen haben. Die Grenze zeigt sich nicht an Ziegeln oder Beton, sondern daran, wessen Probleme wir wahrnehmen – und wessen nicht.
Der erste Schritt an die Grenzen ist kein großer Aufbruch. Er beginnt mit dem Hinschauen. Wer gehört zum Kreis unserer Kolleginnen und Kollegen, zu unserem Sportverein, zu unserer Kirchengemeinde? Wer bleibt draußen – und warum?
Die innere Grenze weiten
Eine weitere Grenze liegt in uns selbst. Sie verläuft zwischen dem, was uns an Jesus anzieht, und dem, was uns abstößt.
Jesus wählte Verwundbarkeit statt Sicherheit, Solidarität statt Karriere. Er suchte nicht den Beifall der Mächtigen, sondern die Freundschaft der Übersehenen.
Ihnen begegnete er beim Essen, im Gespräch, auf der Straße. Das berührt. Und es befremdet. In einer Welt, in der wir um unseren Platz kämpfen, wirkt Jesu Lebensweise wie eine Einladung ins Abseits.
Die innere Grenze fällt nicht auf einmal. Wir weiten sie Stück für Stück: Mehr an Jesus zieht uns an, weniger stößt uns ab. Das geschieht, wenn wir uns verunsichern lassen – durch ein Wort Jesu, durch ein Gespräch mit jemandem, der ganz anders lebt als wir, oder durch die Frage, ob der nächste Karriereschritt wirklich das Wichtigste ist.
Brücken bauen
Jesus überwand Grenzen – politische, religiöse, soziale. Er baute Brücken zwischen Menschen, die sich mieden. In seinem Geist können wir Grenzen anders sehen: nicht als Trennlinien, sondern als Orte der Begegnung. Als Räume, in denen Verbindung entsteht, sobald jemand den ersten Schritt wagt.
Konkret heißt das: Wir sorgen dafür, dass die Veranstaltungen unserer Kirchengemeinde Menschen aus verschiedenen Lebenswelten ansprechen: vom Azubi bis zur Rentnerin, vom Geflüchteten bis zum Vereinsvorsitzenden. Im Beruf hinterfragen wir, welche Folgen unsere Arbeit für Menschen hat, die wir nie zu Gesicht bekommen. In der Mannschaft dulden wir den neuen Mitspieler Ahmad nicht nur, sondern laden ihn auch ein. Wir achten darauf, die osteuropäische Pflegekraft im Haus unserer Eltern fair zu behandeln – mit Vertrag, Pausen, freien Wochenenden und pünktlicher Bezahlung.
In der Kantine, im Klassenchat der Kinder, im Bus – überall können wir Brücken bauen zu denen, die nicht zu unserem Kreis gehören. Die Gesellschaft Jesu nennt das „Dienst der Versöhnung“: Wir gestalten unsere Beziehungen täglich gerechter.
Spannungen aushalten
Wer so lebt, eckt an. Wer auf der Arbeit ethische Fragen stellt, gilt als Störenfried. Wer auf die Not Geflüchteter hinweist, hört: „Wir müssen uns zuerst um unsere eigenen Leute kümmern.“
Das Leben an den Grenzen verlangt, Spannungen auszuhalten: zwischen dem, was andere von uns erwarten, und dem, was wir für richtig halten. Zwischen dem Wunsch, dazuzugehören, und dem Mut, unbequem zu sein. Zwischen dem Machbaren und dem Nötigen.
Um Spannungen auszuhalten, brauchen wir Profil, aber auch Nähe. Wer nur anders ist, erreicht niemanden. Wer sich nur anpasst, hat nichts zu geben. Wir überwinden Grenzen nur mit Zusammenhalt – und mit Reibung. Ohne das eine bleibt bloß kalter Frieden, ohne das andere droht Spaltung.
Wer an Grenzen lebt, erfährt täglich, dass die Dinge nicht so werden, wie sie sein sollten. Darauf können wir mit Zynismus reagieren. Oder wir stellen uns der Realität, ohne vor ihr zu kapitulieren.
Am Montagmorgen
„An die Grenzen gesandt sein“ erfordert keine Heldentaten. Es lädt ein, täglich in kleinen Schritten eine neue Haltung einzuüben: wach bleiben für das, was an den Rändern geschieht. Sich dort einbringen, wo kein Lob winkt. Und darauf vertrauen, dass unser Tun zählt – auch ohne sichtbaren Erfolg.
Das beginnt nicht in fernen Ländern. Das beginnt am Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit. Wenn wir entscheiden, welche Grenze wir heute wahrnehmen – und welche wir überwinden wollen.







