Sonnelicht

Sinn  

Der andere Modus

Fünf Minuten Wirklichkeit vor dem Tag

Neulich bin ich sehr früh aufgewacht. Die Wohnung war still, draußen hing noch die Nacht über den Straßen. Es war einer dieser Momente, in denen nichts Dringendes ansteht, keine Erinnerung an Erledigungen, kein Kalendertermin – nur die kurze Pause zwischen Dunkelheit und Tag.

Schon der Weg in die Küche, das vertraute Geräusch kochenden Wassers für den Tee, das leise Aufsteigen des Dampfes setzte etwas in Gang: nicht das Erwachen im biologischen Sinn, sondern eine andere Form von Präsenz. Vielleicht kennen Sie das: Diese frühen Minuten, in denen der Tag noch nicht entschieden hat, was er von uns will. Sie erinnern daran, dass das Leben auch ohne Tempo auskommen kann. Mir fiel auf, dass dieser Moment eine Art Ritual ist – unbewusst, fast archetypisch.

Ritual am Morgen

Alle Religionen dieser Welt kennen dieses Ritual: die Begrüßung des Tages, die Freude darüber, dass die Sonne die Nacht vertreibt; die Überwindung des Dunklen durch das Helle, das Abschütteln des Alten und die Begegnung und Hoffnung auf das Neue. Und damit auch schlicht die Freude, zu leben – wach zu sein, teilzuhaben an dieser Welt. Das Morgenlob, der Sonnengesang, verbunden mit den körperlichen Gesten des Verbeugens und Öffnens, des Streckens und Dehnens, des Aufrichtens. Vor allem: Aufrichten – den Tag eröffnen und begrüßen!

Man könnte diesen Zustand „den anderen Modus“ nennen. Es ist der Moment, bevor man wieder in den Takt der Welt einrastet – ein Takt, der heute oft zu schnell läuft. Wir messen uns an Tagesleistungen, Deadlines, Schlagzeilen. Selbst das Innehalten ist längst ein Programm geworden, vermarktet als „Achtsamkeitstraining“ oder „Digital Detox“.

Aber worum es eigentlich geht, ist fast banaler: kurz den Blick anheben. Atmen. Den Tag nicht sofort als Problem, sondern als Gelegenheit wahrnehmen. 

Erst in diesem Modus wurde ein liebevoller Blick möglich – auf sich selbst und auf andere.

Die richtige Einstellung, die Welt und sich selbst zu betrachten: nicht über-, aber auch nicht unterbelichtet; nicht zu stark gezeichnet, aber auch nicht unscharf und verschwommen.

Was passiert hier gerade wirklich?

Dieser Modus hat nichts mit Esoterik zu tun. Eher mit Neugier, mit der Frage: Was passiert hier gerade wirklich? Wie sieht die Welt aus, bevor sie gefiltert, kommentiert und verwertet wird? Vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe des frühen Morgens: einfach wahrnehmen. Bevor wir wieder Meinungen haben und Position beziehen müssen. 

In der morgendlichen Stille fällt auf, wie harmonisch Widersprüche nebeneinanderstehen können: Müdigkeit und Lust, Unruhe und Hoffnung. Man sieht deutlicher, dass das Leben weder schwarz noch weiß ist, sondern eher ein Übergangston, ein allmähliches Aufhellen. Und vielleicht ist es genau dieser Zwischenzustand, den wir im Alltag so selten aushalten – weil er kein Ziel kennt, keine Schlagzeile liefert. 

Ein gutes Experiment

An jenem Morgen also saß ich da, der Tee dampfte, der Himmel wurde heller, und ich dachte: So unspektakulär beginnt ein würdevoller Umgang mit sich selbst – und der Welt.

Vielleicht wäre das ein gutes Experiment für unsere Zeit: jeden Tag kurz in diesen Modus zu gehen, bevor man schreibt, postet, urteilt. Fünf Minuten Wahrnehmung ohne Absicht. Danach sieht die Welt nicht anders aus, aber man selbst blickt klarer auf sie. Man fragt weniger, was sie einem bringt – und mehr, was man ihr eigentlich zu sagen hat. 

Foto © Caiaimage/iStock


Siegfried Grillmeyer

Er ist seit 2008 Leiter des Caritas Pirckheimer Hauses, der Akademie der Erzdiözese Bamberg und des Jesuitenordens, sowie Geschäftsführer des dazugehörigen Tagungshotels. Zahlreiche Veröffentlichungen zur politischen Bildung sowie privat von Essays und Kurzgeschichten.
www.grillmeyer.info

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